Kunden-Profiling ist ein alter Hut
Eigentlich wollte ich heute über die "Generation Y" schreiben, die nun auf den Arbeitsmarkt kommt. Doch die Psyeudo-Medienempörung über die psychologischen Profile, die die Hamburger Sparkasse (Haspa) über ihre Kunden erstellt hat, empört wiederum mich so sehr, dass ich meine Arbeit an einer Recherche über das neue Design der Spritzgießmaschinen von Desma unterbreche.
Die Hamburger Verbraucherzentrale hatte "entsetzt", dass die Haspa ihre Kunden in sieben Typen wie "Bewahrer" oder "Abenteurer" einteilt und der NDR hatte dieses Entsetzen bekannt gemacht, so dass in ganz Deutschland Tageszeitungen und Sendeanstalten sich darüber empören konnten. Was soll der Quatsch? Denken da alle kollektiv nicht mehr mit?
Mein Kunde Peter Flume hatte mich bereits vor acht Jahren mit dem Begriff des Profiling konfrontiert. Dies war ein neues Wort für die detektivische Zielgruppenbeobachtung, um bspw. Werbemaßnahmen gezielter dosieren zu können. Die Kundenkarten vieler Handelshäuser sind nichts anderen. In der Besenwirtschaft von Josef Schönbrunn in Binswangen, wo ich vor 25 Jahren das Geld für mein Studium der Theologie finanzierte, foderte der mittlerweile 79-jährige Seniorchef, dass man bei Stammkunden auswändig weiß, welchen Wein er möchte.
Mehr noch: Mancher Stammkunde reklamierte, allmählich müsse ich doch wissen, dass er den Wein nur aus dem "großen Glas" oder "nicht aus dem Kühlschrank" wünsche. Und an der Theke klassifizierten wir die Gäste in "spendable Trinkgeldgeber", "Säufer" oder "Grabscher" - oder beides. Bei der Zeitung später klassifizierten wie notorische Leserbriefschreiber, langatmige Gemeinderäte oder eitle Vereinsvorsitzende in Kategorien wie "Klugscheißer" oder "Querulant".
Und mich nervt, bloß weil ich selbstständig bin und ein respektables Einkommen habe, ständig irgendwelche Luxus-Güter offeriert zu bekommen. Da wäre mir lieber, in der Datenbank stünde "macht sich aus Statussymbolen nichts". Mensch, Kollegen in den Redaktionen: Erinnert euch doch endlich wieder daran, dass auch ihr einen Arsch in der Hose habt und verhaltet euch kontrovers, individuell, unberechenbar und kantig.
Dieses ewige mainstreamige Aufheulen bei Stichworten wie Sarrazin oder Kundenprofiling ist einfach unseres Berufsstandes unwürdig. Ich (47) habe noch bei kantigen Redakteuren wie Jürgen-Dieter Ueckert in Heilbronn oder Richard Scheuber und Erwin Hafner in Aalen den Beruf gelernt und selbst mehrere Strafanzeigen kassiert - alles gewonnen und nebenbei die Auflage unserer Zeitung gesteigert. Denn denken und urteilen können die Leser selber.
Social Media: Buhlen um Aufmerksamkeit
Im Frühjahr hatte mich eine Studentin der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Dresden angemailt, mit der Bitte, an einer Umfrage über die Bedeutung von Social Media für PR-Agenturen teilzunehmen. Denn Karin Rösler, so ihr Name, wollte im Studiengang International Business ihre Bachelorarbeit über "Social Media als Geschäftsfeld für PR-Agenturen" schreiben.
Freundlicherweise ließ mir Karin nun das Gesamtergebnis ihrer Umfrage zukommen, an der sich offenbar 210 Agenturen beteiligt hatten. Das spricht einerseits für ihren Fleiß, andererseits aber auch für die Aussagekraft ihrer Ergebnisse - und die Konkurrenz, die in unserer Branche herrscht.
Was mir dabei runter geht wie Öl: 67 Prozent aller Agenturen nennen Public Relations, also Pressearbeit, als wichtigste Aufgabe von Social Media, gefolgt von Dialog mit potentiellen Kunden (49 %) und Monitoring (35 %), also im Internet verfolgen, was über das Unternehmen kommuniziert wird. Und wir machen ja fast ausschließlich Pressearbeit auf hohem journalistischem Niveau!
Interessant auch: Ein Viertel aller Agenturen gibt an, mittlerweile regelmäßig bis häufig bzgl. Social Media-Dienstleistungen angefragt zu werden - und zwar überwiegend von Firmen mit 51 bis 250 Mitarbeitern. Und: Drei Viertel aller Agenturen haben einen solchen Service erst seit ein bis drei Jahren im Angebot (wir zum Beispiel) und erweitern diesen ständig, zum Beispiel um Krisen-PR oder die Beschaffung von Belegen.
Da ist es nur logisch, dass die Hälfte aller Agenturen, die geantwortet haben, Social Media als wichtig bis sehr wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen einschätzen und Netzwerke wie Twitter oder Facebook, zielgruppenorientierte Blogs und Foren für deren wichtigste Instrumente erachten. Entsprechend geben 85 Prozent der Agenturen an, ihr Spektrum in diese Richtung zu erweitern.
All diese Einschätzungen kann ich nur unterstreichen und doch stelle ich parallel fest, dass etliche unserer Kunden verstärkt auf gedruckte Mitarbeiter-, Kundenzeitungen oder Newsletter setzen, um sich eben letztlich von der Fülle digitaler Informationsmöglichkeiten abzugrenzen. Und: Sie setzen dabei auf hochwertige Recherchen und journalistisch inszenierte Fotos unsererseits, um ihren potentiellen Lesern möglichst weit entgegegen zu kommen. Fazit: Beim Buhlen um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden braucht es immer mehr Feintuning in den Details. Der Aufwand steigt qualitativ (Journalismus) wie quantitativ (print + Social Media).
Deutsche Steuerpolitik und Göppinger Honorare
Gegenüber dem Vorjahr hat unsere Agentur im 1. Halbjahr den Umsatz um 20.000 auf 170.000 Euro gesteigert. Das hat unserem GbR-Trio gestern der Steuerberater dargelegt. Damit haben wir das Limit der Selbstausbeutung aber allmählich erreicht, weshalb wir schon länger darüber nachdenken, einen Volontär auszubilden oder einen Redakteur einzustellen. Denn interessante und anspruchsvolle Arbeit ist in unserer Agentur genug vorhanden.
So hatte ich unseren Steuerberater gebeten auszurechnen, was uns ein Volontär jährlich kostet, der monatlich netto 1700 Euro verdient. Das Ergebnis: 40.000 Euro. Kommen dann noch allgemeine Büro- und Fahrtkosten hinzu, liegen wir bei 45.000 Euro. Sollen dann der Betreuungs-, Akquisitionsaufwand und das Risiko der Agentur noch berücksichtigt werden, muss der Volontär jährlich 90.000 Euro Umsatz "machen", damit sich der Aufwand für uns drei GbR-Partner lohnt.
Denn auf die 45.000 Euro Mehrumsatz entfallen 43 Prozent Spitzensteuersatz. Und was übrig bleibt, wird unter uns drei Partnern verteilt. Fazit: Ein sozialversicherungspflichtig beschäftigter Volontär muss fast soviel Umsatz bringen wie ein GbR-Partner mit zehn Jahren Berufserfahrung als Wirtschaftsredakteur. Und dann hat dieser noch 40-Stunden-Woche und 28 Tage Urlaub im Jahr. Rahmenkonditionen, die in unserer Agentur bislang niemand hat.
Das Beispiel zeigt dramatisch, wie leistungsfeindlich unsere Arbeitswelt längst geworden ist und wie sehr die Rahmenbedingungen unsere Euphorie bremsen, etwas zu bewegen. Denn umgekehrt spüren wir bei unseren mittelständischen Kunden eine Preissensibilität, die nur wenig Spielraum für Honorare lässt, die 20 und mehr Prozent höher liegen. Und nur dann könnten wir einen Redakteur beschäftigen, der bspw. 3000 Euro im Monat verdient.
Machen wir also vorerst weiter mit der Selbstausbeutung. Schließlich finden wir viel Freude und Sinn in der Arbeit und haben stets das Bewußtsein, freie Männer zu sein, die niemandem nach dem Mund reden müssen. Ein Privileg, das wir ebenso zu schätzen wissen, wie die Gewissheit, von unseren Kunden gebraucht zu werden, weil wir ihnen einen echten Mehrwert bieten. Weil man unseren Idealismus aber nicht zum Maßstab für Standortpolitik machen kann, halte ich die Diskussionen um die Garantien für Rentner für geschäftsschädigenden Populismus. Damit macht man es noch unwahrscheinlicher, dass Dienstleister wie wir abgabenpflichtige Arbeitsplätze schaffen.
Faszinierende digitale Welt
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Seit rund sieben Jahren macht meine Agentur nun bereits die Pressearbeit für den Weltmarktführer im Bereich e-Learning, den US-Komplettanbieter SkillSoft. In dieser Zeit habe ich sehr viel über virtuelle Weiterbildung gelernt und am Beispiel der Global Player, die mit meinem Kunden kooperieren, tiefe Einblicke gewonnen in den Wandel der Arbeitswelt; technische Möglichkeiten, immer und überall autonom zu lernen sowie die psychologischen Ansätze, wie man Belegschaften, die weltweit bis zu 200000 Menschen umfassen, mitnimmt auf diesen digitalen Bildungsweg.
Und jetzt, wo ich all das gelernt habe, erlebe ich mich selbst wieder in einer intensiven Lernphase. Vom Bloggen bin ich binnen Wochen zum Filmen gekommen. Vom Filmen zu Youtube, weil man die aufwändig produzierten Filme ja auch vermarkten will. Und plötzlich erschließt sich mir eine neue Welt. Ich finde auf Youtube politisches Kabarett, das mir im TV meist viel zu spät kommt, ich finde dort Unternehmen, über die ich selbst schon berichtet habe und ich finde teils sogar meine Firmenkunden dort, wie das heutige Beispiel beweist. Denn der US-Topp-Speaker Tom Peters multipliziert sein Wissen und seine Motivation via SkillSoft-Tools.
So vollzieht sich in mir selbst der Lernprozess: Ich weiß, dass Internet auch für die Firmenkommunikation immer wichtiger wird, aber ich erfasse erst jetzt allmählich, auf welchen Kanälen und wie das funktioniert. Über meinen Beitrag zum Festo Bildungsfonds bin ich plötzlich auf Youtube im Umfeld des Pneumatik-Weltmarktführers, über Xing werden meine kurzen Wege zu wichtigen Entscheidern transparent und per Twitter erreiche ich die Superwichtigen, die Mails schon gar nicht mehr lesen, weil ihnen der Kommunikationsweg zu altmodisch und die Daten zu viele sind.
Zukunft braucht Kooperation statt Konfrontation
In meiner Haltung, nicht mehr in Dingen, sondern in Prozessen zu denken und nicht mehr in Räderwerken, sondern in Netzwerken, hat mich diese Woche eine Meldung aus der Medienbranche bestärkt. Der Chefredakteur des Verbrauchgermagazins "Guter Rat", Werner Zedler (Foto), kooperiert ab August mit dem Redaktionsleiter des Cornelsen-Verlags, Erich Schmidt-Dransfeld, der rund um die Bereiche Bildung, Lehre, Berufsratgeber viel Serviceorientierung entwickelt hat. Dieses wie kommendes Jahr bringen die neuen Partner jeweils sechs Ratgeber-Bücher rund um die Themen Arbeits-, Verkehrsrecht, Steuern, Versicherungen und Altersvorsorge heraus.
Damit bündeln beide Partner ihre Ressourcen zur besseren Marktdurchdringung. Der Hubert Burda Verlag bringt seine Verbraucherzeitschrift mit monatlich 270000 Heften Auflage samt redaktioneller Fläche (!!!) und Kompetenz ein, der 1946 in Berlin gegründete Cornelsen seine Verlagsobjekte und gleichfalls hohe redaktionelle Kompetenz. Daraus ergeben sich Synergien, die der Hubert Burda Verlag noch durch Anzeigen für die Ratgeberreihe in anderen Verlagstiteln seines Hauses wie Focus, SuperIllu, Lisa oder Mein schönster Garten flankiert.
Das Beispiel zeigt schön, dass Machen und Fleiß alleine längst nicht mehr reichen. Gefragt sind Gestalten und Strategien. Die Zeit derer, die eine hohe Sozialkompetenz und eine ausgeprägte emotionale Intelligenz haben, ist demnach erst angebrochen. Denn für moderne Kooperation statt antiquierter Konfrontation muss ich in den Partner hineinhören, seine Bedenken spüren und vor allem Vertrauen stiften. Das fördert eine neue Kommunikations- und Beziehungskultur. Dazu ist es unverzichtbar, um die eigenen Stärken, aber auch Begrenzungen möglichst genau Bescheid zu wissen - offen für Kritik und Rückmeldungen zu sein. Diese geradezu einzufordern zeugt von Souveränität und beschleunigt den Prozess, Selbst- und Fremdwahrnehmung möglichst präzise deckungsgleich zu bekommen.
Landesgartenschau in Rechberghausen öffnet
130000 Besucher erwarten die Macher der Landesgartenschau von Baden-Württemberg, die am Freitag in Rechberghausen eröffnet, zu dem Freiluftevent. Rund 600 Veranstaltungen sind für die 115 Öffnungstage angesetzt, um Neugierde zu wecken und zahlendes Publikum anzulocken. Das Göppinger Medienforum, ein Branchentreff für Kommunikationsleute, besuchte kürzlich das Areal.
Jürgen Wünsche (Foto 2.v.r.), dessen Agentur mps aus Leinfelden-Echterdingen die Schau promotet, führte die Gäste über das Areal. Der Geschäftsführer hatte 1993 als angestellter Pressesprecher der Internationalen Garten Ausstellung IGA in Stuttgart soviel Know-how gesammelt, dass er sich anschließend selbstständig machte und seither bspw. für zahlreiche Landesgartenschauen die Pressearbeit macht.
Seine Agentur hat heute offenbar zwölf Mitarbeiter, was einmal mehr zeigt wie groß das Terrain für (gute) PR-Berater noch immer ist und wie typisch die Wege engagierter und mutiger Mitarbeiter in die Selbstständigkeit führen. Da kann ich auch sportlich verschmerzen, dass er 2008 den Werft-Rock im Göppinger Stauferpark PR-technisch begleitet hat, obwohl die Location quasi vor meiner Haustür liegt.
Älteste Bloggerin der Welt ist tot
Auf knapp 1,7 Millionen Zugriffe hat es Maria Amelia Lopez gebracht. Nun ist die 97-Jährige gestorben. Am 23.12.2006 hatte die Spanierin aus dem Dorf Muxia ihren ersten Blogeintrag geschrieben. Als "älteste Bloggerin der Welt" berichteten die Medien international über sie, was die Zugriffszahlen natürlich erneut erhöhte. Wer ihren Namen bei Youtube eingibt, findet gleichfalls zahlreiche Treffer, bei denen Sie Interviews gibt.
Maria Amelia Lopez steht für die neue Medienkultur ebenso wie Boris Becker mit seinem Personality-TV oder viele Spartenangebote: Alles ist möglich und letztlich erlaubt, wenn die Initiatoren nicht den Aufwand scheuen und sich für ihr Angebot ein Markt findet. Das Reizvolle an Lopez ist neben der Skurilität ihres Alters, in dem sie sich mit PC, Internet und Bloggen noch befasst hat, ihre Schlichtheit.
Statt inszenierter Realitäten genügten hier die Lebenserfahrung und der gesunde Menschenverstand einer alten Frau, zu Lesern in fünf Kontinenten eine Beziehung aufzubauen, in der ihre konservativen Ansichten zu Kindererziehung, gesunder Ernährung oder Bescheidenheit gefragt waren. Dabei musste die Internet-Oma keine political correctness wahren, sondern konnte munter drauflosschreiben und erzählen. Und um ehrlich zu sein: Die erste Nachricht über sie als Bloggerin hat auch mich damals inspiriert, mich mit dem Medium zu befassen. Das Ergebnis lesen Sie nun!
Wackelfreie Bilder stehen für Qualität
Weil der Generation Internet die Allgemeinbildung und vermutlich auch das Interesse fehlt, journalistische Kompetenz zu überprüfen, werden Nachrichten nicht mehr an Inhalt oder Relevanz gemessen, sondern an ihrer Konsumierbarkeit. Folgerichtig ist der technisch richtige Umgang mit der Videokamera wichtiger als das Wissen um Presserecht (und -pflicht), Recherchetechniken oder das Bewerten von (Recherche-)Quellen. Ohnehin geht ein Trend der Verlags- und Medienhäuser dahin, Reporter auszusenden, die schreiben, fotografieren, Originaltöne aufnehmen und filmen in einer Person realisieren. Damit kommt der Newsdesk an preisgünstigen Content, den er sofort ins Internet stellen, auf Sendung schicken oder in den Printmedien verwerten kann.
Die Lösung muss nicht zwingend schlecht sein. Denn der Einzelkämpfer wirkt weniger beängstigend auf viele Zeitgenossen, von denen man möglichst authentische Statements (in möglichst kurzer Zeit) haben will, als das fünfköpfige Filmteam, in dem die IG Medien regelt, dass es einem Redakteur nicht zumutbar sei, das Kabel zu tragen oder er nur fotografieren soll, wenn ihm das Foto extra vergütet wird (aus Solidarität mit den Pressefotografen). Die geringeren Kosten des Einzelkämpfers würden im Einzelfall auch aufwändigere Recherchen über eine längere Zeit, z. B. Begleitung eines Sterbenden oder Arbeitslosen, erlauben oder Recherchen im Ausland oder unter extrem widrigen Bedingungen.
Gerade dann aber, wenn der Einzelne quasi alles leisten muss, braucht er eine umso bessere Ausbildung und Berufserfahrung, um bspw. auch sozial und empathisch richtig zu handeln oder Gefahren realistisch einzuschätzen. Statt dessen werden die Billigheimer, meist Studenten oder Studienabbrecher, in vielen Redaktionen nach einer Minimalsteinweisung losgeschickt nach dem Motto: Erfahrung und Professionalität kommen mit dem Üben. Statt Nachrichten werden dann eher Peinlichkeiten und Indiskretionen geliefert, die die werberelevante Zielgruppe aber ohnehin lieber und leichter konsumiert. Das oberste Qualitätskriterium sind dann wackelfreie Bilder, wie sie auf YouTube zu tausenden zu sehen sind.
Formate wie die "Sendung mit der Maus", "Galileo" oder "Willi will's Wissen" heben sich dagegen wohltuend ab, weil sie Hintergründe spielerisch und verständlich erklären und visualisieren. Generell wären mehr neue Formate wünschenswert. Denn auch von Bild oder DSDS kann man lernen und macht man nur eine Art "Big Brother" mit Menschen, die sich auf eine große Aufgabe vorbereiten, z.B. eine Berufsprüfung oder einen Marathonlauf. Dann treffen sich auch wieder Information und Didaktik.
Pressearbeit erhöht die Marktchancen
Der Dialog mit der Öffentlichkeit hat für innovative Betriebe längst begonnen. Der Grund: Wenn alle Anbieter ein gutes Preis-Leistungsverhältnis haben, werden am ehesten die Unternehmer interessante Aufträge bekommen, die als leistungsfähig bekannter sind. Doch den Weg in die Medien muss man kennen. Dazu einige Tipps.
1. Die Medienstrategie: Erfolg ist kein Zufall
Überlegen Sie, was aus Ihrem Betrieb berichtenswert ist: Ein interessanter Auftrag; eine innovative Weiterbildungsmethode für die Belegschaft; ein spannendes Kooperationsprojekt mit der örtlichen Hauptschule? Wenn Sie nichts Besonderes machen, sind Sie keinem Redakteur eine Nachricht wert. Innovative Ideen, neue Zusammenhänge und Exklusivität sind gefragt. Damit bringen Sie sich ins Gespräch und überzeugen ganz nebenbei auch Ihre Hausbank von Ihrer Kreditwürdigkeit. Zur Medienstrategie gehören aber auch die richtigen Adressaten (Presseverteiler) und der richtige Zeitpunkt (Planung).
- Das Unternehmen: PR ist Chefsache
Wenn Sie nicht davon überzeugt sind, dass gute Pressearbeit Erfolg verspricht, dann lassen Sie’s ganz, um Journalisten nicht unnötig zu belästigen. Wenn Sie aber erahnen, welche Chancen sich Ihnen hierdurch bieten, dann thematisieren Sie „Pressearbeit“ regelmäßig. „Vermarkten“ Sie Erfolge wie eingeführtes Controlling, erfolgreiche Lehrlinge oder zufriedene Kunden und denken Sie an den Nutzen für mögliche Leser. Notfalls schaffen Sie berichtenswerte Fakten, in dem Sie z.B. an einem Wettbewerb teilnehmen und wenigstens den dritten Preis machen, denn erkenn- und unterscheidbar müssen Sie ohnehin werden.
- Die Schnittstelle: Wie Sie Journalisten neugierig machen
Pflegen Sie Kontakt mit Journalisten, die Sie bei der Lossprechungsfeier Ihrer Kammer, im Gemeinderat oder beim Neujahrsempfang Ihres Sportvereins finden können. Oder schauen Sie mal auf einen Sprung in der Redaktion vorbei, wenn Sie etwas Wichtiges mitzuteilen haben. Ermitteln Sie, welcher Redakteur thematisch (Wirtschaft) oder territorial (Stadt, Kreis etc.) für Sie zuständig ist und fragen Sie ihn, ob er Ihre Infos lieber per Fax, Mail oder Telefon haben will.
- Der Pressetext: Wie Nachrichten aufgebaut sind
Besuchen Sie ein Presseseminar, das manche Volksbanken, Kreissparkassen oder Innungskrankenkassen (kostenlos) anbieten oder organisieren Sie über Ihren Verband/Kammer selbst eines. Denn Redakteure ertrinken fast in Informationen, weshalb bereits die ersten Sätze Ihrer Einladung/Ihres Pressetextes den Kern einer interessanten Nachricht bieten müssen. Dasselbe gilt für das Telefonat, sonst werden Sie rasch abgewimmelt und allenfalls als „nervig“ wahrgenommen.
- Die Tipps: Der Beginn einer erfolgreichen Pressearbeit
Solange Sie nur an Ihre (preisgünstige) PR denken, werden Sie nur mäßigen Erfolg haben. Denken Sie in den Kategorien von Journalisten und helfen Sie denen, ihr Lokalblatt oder Fachmagazin interessanter zu gestalten. Dazu gehört Ihrerseits Offenheit, damit sich der Redakteur nicht nur benutzt fühlt. Erzählen Sie ihm auch mal „Geschichten“, an deren Veröffentlichung er mehr Interesse hat als Sie, z.B. wie Sie mit der schlechten Zahlungsmoral Ihrer Kunden umgehen oder wie Sie Ihre Mitarbeiter zu mehr Serviceorientierung bringen.
6. Das Fazit: Haben Sie Geduld
Bei all Ihrem Engagement sollten Sie bedenken, dass Öffentlichkeitsarbeit in der Regel erst langfristig wirkt. Bringen Sie neben Engagement und Professionalität deshalb auch Geduld und Verständnis für die Rolle des Redakteurs mit, den Sie von Ihrer News überzeugen wollen. Ganz neue Chancen bietet Ihnen die Vielzahl neuerdings freier Journalisten, die meist noch über einen guten Draht zu ihren früheren Arbeitgebern verfügen und zudem Ihre „Mitteilungen“ journalistisch angemessen umsetzen können. Leicht können Sie auf diese „Freien“ bei einem Pressetermin treffen und Kontakt knüpfen, denn diese Selbstständigen leben auch von Aufträgen. Viel Erfolg.
Zur Person:
Leonhard Fromm (45) ist Medienberater in Göppingen. Der Theologe war zehn Jahre Lokal- und Wirtschaftsredakteur verschiedener Tageszeitungen und Pressesprecher der Stadt Göppingen. Heute berät er Firmen und Wirtschaftsverbände, hält Seminare (Foto) und Workshops zu Öffentlichkeitsarbeit und arbeitet als freier Wirtschaftsjournalist. Kontakt: www.der-Medienberater.de, Tel. 07161/918942.
Emotionen schaffen Betroffenheit
Während klassischer Journalismus in der Beobachterrolle bleibt, wird der gute PR-Berater zum Akteur. In vielen Fällen empfehle ich, Themen zu emotionalisieren, um im Dickicht beliebiger Informationen Betroffenheit und Identifikation zu erzielen. Es ist die Kunst, Fakten auf den Wahrnehmungshoriziont der gewünschten Zielgruppe herunterzubrechen. Ein gutes Beispiel ist aktuell der Ingenieurmangel. Klassischer Journalismus berichtet darüber, dass nun 50000, 75000 oder 100000 Ingenieure fehlen und appelliert in einem Kommentar vielleicht dazu, dass mehr junge Leute ein Ingenieurstudium beginnen sollten. Ich mag das nicht mehr lesen. Es nervt.
Nur einen Tick besser sind die öffentlichkeitswirksamen Events wie "Girl's Days", Tage der Technik oder Schnuppertage an Hochschulen, zu denen Schulklassen an Unis gekarrt und Journalisten eingeladen werden, darüber zu schreiben. Das funktioniert zwar formal, aber Begeisterung unter jungen Leuten löst dies nicht aus, einen technischen Studiengang zu belegen, und die Presseartikel machen auch nicht wirklich Appetitt. Im Gegenteil: Andere Fakten, wie etwa, dass jeder dritte Ingenieurstudent mittlerweile das Studium abbricht, weil ihm Mathematik- und Physikkenntnisse fehlen, sind gleichfalls Realitäten, die in das Gesamtbild gehören.
Mit der Göppinger Hochschule für Mechatronik bin ich aktuell in Gesprächen, wie junge Leute auf deren Studienangebote anspringen und überhaupt davon erfahren. Deshalb müssen Beiträge am Erfahrungshorizont der Studenten ansetzen, die selbst zweifeln, ob sie das mathelastige Studium schaffen; bei deren Motiven, warum sie sich dem Studium stellen oder ihrem Alltag, wie sie die Anstrengungen bewältigen. Dazu kann auch zählen, dass die Uni Mathenachhilfe anbietet oder diese über jene Betriebe (und deren Rentner) organisiert, die händeringend den technischen Nachwuchs brauchen. Auch Partys und Studentenszene müssen beleuchtet werden, um ein ganzheitliches Bild vom Mechatronikstudium zu zeichnen.
Und schließlich müssen auch die Kommunikationskanäle überprüft werden. Denn längst erreicht die Tageszeitung nicht mehr viele junge Leser. Jugendmagazine, Schülerzeitungen, Weblogs sind eher Informationskanäle, die die jungen Leute nutzen. Gerne würde ich mit einer Göppinger Szenebar den "Mechatronikstudenten des Monats" casten oder gemäß "Big Brother" in einem Format monatlich einen Studenten durch sein Studium begleiten. Es ist längst Zeit, ungewöhnliche Wege zu gehen und Neues auszuprobieren. Ich bin gespannt, was wir davon umsetzen können und wie gut auch die Betriebe mitziehen. Denn Nachwuchsgewinnung und Qualifizierung sind längst zur volkswirtschaftlichen Aufgabe geworden, bei der nicht zu kurz springen darf, wer den Erfolg will.



