Medien-Kritik eines freien Journalisten
Nach Thilo Sarrazins jüngstem Werk "Deutschland schafft sich ab" empfehle ich meinen Lesern heute schon wieder ein Buch. Der freie Journalist Tom Schimmeck analysiert in seinem Buch "Am besten nichts Neues" die deutsche Presselandschaft und kommt zu dem Ergebnis: Die deutschen Medien versagen bei ihrer Aufgabe, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen.
In "kaputtgesparten Rumpfredaktionen", so der Autor, bleibe oft kein Raum mehr für Nachfragen, für Zweifel oder eine andere Sicht auf die Dinge. Das erzeuge Monotonie und vereinheitlichte Meinungen. Statt dessen stürzten sich die Medien auf reflexionsfernen Journalismus, seichten Boulevard und Kampagnen, was Schimmeck mit konkreten Beispielen belegt.
In seinem im West-end-Verlag erschienenen Buch beleuchtet er auch die Rolle von PR-Consultants und Spin-Doktoren, die im Auftrag von Politik und Wirtschaft Meinungen und Stimmungen passgenau produzierten. Denn wo Journalisten nicht mehr selbst recherchieren können, sei man zunehmend für "honorarfrei angelieferte Fertigware" empfänglich. Als Beispiel nennt der Schreiber hier die interessengesteuerten Kampagnen gegen Sozialpartnerschaft und für mehr Marktliberalisierung.
Was mir persönlich zu kurz kommt: Generell wird die (schlechte) Arbeit der Redakteure mit ihren Arbeitsbedingungen entschuldigt. Dabei kenne ich sehr wohl Kollegen, die innerhalb ihrer Ressorts durch investigative Recherche, flotte Schreibe und intelligente Kommentierung überzeugen. Wie ich für mich in Anspruch nehme, mit meinen PR-Aktivitäten nicht zu manipulieren, sondern Redakteuren zuzuarbeiten. Wir sorgen lediglich dafür, dass unsere Auftraggeber und deren Themen überhaupt stattfinden, denn vielfach werden diese am Telefon bereits abgewimmelt, wenn sie mal selbst einen Redakteur spechen wollen.
“Thilo Sarrazin hat recht”
Unter dieser Überschrift haben die Stuttgarter Nachrichten gestern ein großes Interview mit dem CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach - gegen den Mainstream - veröffentlicht. Genützt hat es dem Bundesbank-Vorstands- und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin nichts. Seine Vorstandskollegen beschlossen gestern, dass der Provokateur gegen integrationsunwillige Ausländer seinen Posten verlieren soll, die Bundeskanzlerin begrüßt den Schritt und die meisten Medienbeobachter ohnehin.
Dass Sarrazin meiner Meinung nach im Kern Recht hat, habe ich bereits am 12. Oktober 2009 in diesem Blog unter der Headline "Sarrazin bedient Medienreflexe" geschrieben. Und tatsächlich ist sein vor drei Tagen erst erschienenes Buch "Deutschland schafft sich ab" bereits vergriffen. Erst mit diesem Buch hatte Sarrazin den Medien wieder einen Anlass gegeben, über ihn zu berichten. Und tatsächlich sprach er kantig und zitierkräftig wie gewohnt.
Nur vor diesem Hintergrund kann ich mir erklären, weshalb er sich zu einer kropfunnötigen Gen-Debatte über die kollektive Vererbung von Charaktermerkmalen vergaloppierte. Immerhin heizte diese das Interesse an seiner Person, auch als Talkshow-Gast, nochmal so richtig an. Nun dürfte wirklich auch am Desinteressiertesten nicht vorüber gegangen sein, dass der frühere Berliner Senator ein neues Buch geschrieben hat.
Frage an die Kollegen in den Redaktionen: Was soll ich nun als PR-Berater daraus lernen? Dass meine Kunden provokativen Blödsinn artikulieren sollen, damit sie redaktionell berücksichtigt werden und somit für ihre Produkte werben können? Wohl kaum. Auch Sarazzin weiß - und Bosbach spricht davon in oben zitiertem Interview - dass Ausländerintegration millionenfach funktioniert.
Das ist aber auch normal, weil es die Logik gebietet, sich anzupassen und die Sprache des Landes zu sprechen, in dem man lebt. Und immerhin bemüht sich auch die deutsche Seite und den meisten von uns wurden Gastfreundschaft und Toleranz beigebracht. Fakt aber bleibt auch, dass Integration millionenfach nicht funktioniert und Parallelgesellschaften entstehen. Warum auch immer. Ich möchte hier gar nicht ökonomisch oder gesellschaftspolitisch argumentieren, sondern human.
Denn es ist grausam, wenn Menschen zerrissen und emotional heimatlos sind. Mehr noch, wenn sie ihre Gefühle (und Blockaden) werder in der einen, noch der anderen Sprache ausdrücken können. Ich hätte mir gewünscht, Sarrazins Thesen wären in diese Richtung von "der Politik" und "den Medien" aufgegriffen worden. Denn wo ich mit Bürgern über das Thema rede, kommen genau diese Sprachdefizite, aber auch Gefühle der Überfremdung oder sogar undifferenzierte Vorurteile zu Wort. Und diese lassen sich mit Sarrazins Wegdrücken nicht den Mund verbieten, womit wir wieder beim Thema Kommunikation (und Dialog) wären.
Zukunft des Journalismus
Der Berliner Blogger Felix von Leitner hat die gestrige Medienberichterstattung über die Wikileaks, ein Netzwerk von Bloggern, Journalisten und Experten rund um den Afghanistan-Krieg, zum Anlass genommen, über die Zukunft des Journalismus nachzudenken. Seine Einschätzung: Redaktionen müssten Links setzen, die so interessant sind, dass man sich immer weiter durch das Netz klickt, um noch mehr Infos zu bekommen.
Da gebe ich ihm grundsätzlich recht. Allerdings schreibt er selbst recht flapsig, stellt Behauptungen auf und begründet diese nicht einmal. Auch nennt er keine Quelle, wenn er sagt, er werde gelegentlich nach der Zukunft des Journalismus gefragt. Da würde ich schon gerne wissen, wer ihn fragt und warum. Welche Kompetenz bringt er mit, diese Zukunft einzuschätzen?
Mir fällt auf, dass das Problem im Internet darin besteht, dass der, der etwas weiß (oder glaubt zu wissen), dann auch selbst schreibt. Das ist etwa wie im "alten" Print-Journalismus: Da schreibt auch der Dirigent des Dorfchores über das Konzert, nur weil er das größte Interesse hat, dass das Ereignis bekannter wird. Dabei liegt seine Kernkompetenz darin, die richtigen Stücke auszuwählen, Sängern die Partitur zu vermitteln und evtl. noch, ein Konzert zu organisieren. Schreiben kann er deswegen noch lange nicht - zumindest weder interessant noch distanziert.
Deshalb ist der Filter so wichtig, der Nachrichten bewertet und aufbereitet, der Redakteur. Erfreulicherweise setzt sich diese Einschätzung offenbar allmählich durch: So laufen auch mit uns Gespräche (und Projekte), dass etwa Projektleiter nicht mehr selbst fürs Intranet oder einen Newsletter schreiben (müssen), sondern in 15-minütigen Telefonaten von mir befragt werden und ich dann binnen Stunden bspw. einen Text mit 1700 Zeichen liefere, der genau das mit relevanten Fakten in flotter Sprache wiedergibt, worüber informiert werden sollte. Die Folge: Der Beitrag wird lieber gelesen und besser verstanden - und der Projektleiter kann in dieser Zeit am nächsten Projekt weiterarbeiten, mit seinen Kindern spielen oder einfach mal NICHTS tun.
Spenden für journalistische Recherchen
Im Zeitalter von Internet und kostenlosen Inhalten kam der hochwertige Journalismus in die Krise. Denn er muss bezahlt werden, aber niemand scheint mehr dazu bereit und das Anzeigenaufkommen reicht den Printtiteln ebenso nicht mehr wie die sinkenden Auflagen, was die Verkaufserlöse nochmals schmälert. Die Folge: Selbst hochwertige Titel zahlen oft pro Seite oder Beitrag nur noch 100 Euro. Weil deren Recherchen aber anspruchsvoll sind, kommt man dann auf einen Stundenlohn von maximal 10 Euro vor Steuer.
Die Folge: Gute Journalisten (wie ich) lassen sich dann gleich von Firmen bezahlen oder werden angestellte Pressesprecher. Folglich rücken Leute in das Vakuum nach, die bereit sind, für zehn Euro zu arbeiten. Diese sind dann aber entweder nicht motiviert oder inkompetent oder sie betten dann doch wieder verdeckt irgendjemanden in die Recherche ein, der ihnen ein Vielfaches des redaktionellen Honorars zahlt.
In Kalifornien hat man nun auf diese Misere reagiert, zumal offenbar doch viele Leute guten Journalismus - also relevante Themen, tiefgründige Recherche und intelligente Schreibe - vermissen. In einem Online-Projekt in Los Angeles finanzieren nun Kleinspender komplexe Recherchen, die sie einfach lesen wollen. Beispiele sind etwa, wie die Stadt Los Angeles die Bandenkriminalität mit Steuermitteln eindämmen will oder 75 Spender finanzieren mit Beträgen zwischen fünf und 110 Dollar Prozessbeobachter, die in San Francisco die Anklage eines Sicherheitsbeamten verfolgen, der einen unbewaffneten, am Boden bereits fixierten Schwarzen erschossen haben soll.
Eine Regel besagt auch, dass niemand mehr als 20 Prozent der Recherchekosten tragen darf, um Interessenskollissionen zu vermeiden. Und: Sollte der Beitrag tatsächlich regulär von einem Medium honoriert werden, muss die Spende zurückgezahlt werden. Wenn mehr Redakteure begreifen würden, dass letztlich auch ich nach diesem ethischen Prinzip arbeite, wären meine Arbeitstage auch nicht so hart. Denn nach meinem Selbstverständnis manipuliere ich keine Wahrheiten und sorge lediglich dafür, dass das finanzierte Thema überhaupt stattfindet - nachdem ich zuvor geprüft habe, ob es eine Relevanz hat.
Rhetoflu wirbt mit Comedy-Videos für Rhetorik
[youtube gi7RyqqLBqc&feature=channel_page Rhetorik-Video Peter Flume]
Der Nürtinger Rhetoriktrainer und Präsentationsexperte Peter Flume, der 2001 zu meinen ersten Kunden gehörte, ist diese Woche auch den Weg in den digitalen Film gegangen. Auf seiner Website sind die ersten zwei von sechs aufwändig inszenierten Videoclips zu sehen, die für einen überzeugenden Auftritt im Verkauf und vor laufender Kamera werben. In den kurzen Spielszenen wirbt einmal ein Mann sehr unglücklich für ein Produkt, weil er nur Schlagworte nennt.
In der zweiten Sequenz muss ein Firmensprecher Stellung zu Streiks im Unternehmen und dem Vorwurf sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nehmen. Beide Kurzfilme karrikieren Situationen, in die viele Führungskräfte kommen können und sensibilisieren damit für ihren Schulungsbedarf. So empfiehlt sich Flume als Problemlöser. Obwohl wir bereits seit acht Jahren erfolgreich klassische Pressearbeit für den gefragten Trainer machen, setzt er nun auch auf die Kraft der bewegten Bilder, um weiterhin möglichst viele Zielgruppen zu erreichen.
Damit trägt der mehrfache Buchautor, der seinen Titeln längst auch Hörbücher beilegt, dem gewandelten Nutzerverhalten Rechnung. Es wird eben insgesamt immer weniger gelesen. Statt dessen hören Interessenten sich sein Buch während der Autofahrt oder beim Joggen an und ziehen sich nach Feierabend lieber ein lustiges Video rein statt Texte auf seiner Homepage zu lesen.
Internet macht Betroffene zu Beteiligten
Heute habe ich mich - trotz EU-Wahlergebnis-Berichterstattung - erstmals dabei erwischt, dass ich vor der Zeitungslektüre Web-Adressen im Internet abgeklappert habe, die mir Leser meines Blogs gemailt hatten. Der Grund: Sie sehen mich als Teil einer kritischen Öffentlichkeit, die sich ihren Weg jenseits tradierter Kommunikationswege bahnt. Und sie ermutigen mich, TV- und Hörbeiträge zu produzieren, um meine Positionen und Informationen breiter zu streuen.
Beim Absurfen all dieser Adressen wurde mir deutlich, wie groß und gebildet diese Szenen bereits sind, die sich jenseits des konventionellen TV- und Radio-Programms oder der Print-Medien formieren. Mehrere Dinge fallen auf: Die User informieren sich selbst, aber auch gegenseitig und sie nutzen längst Formate wie Film und Hörbeiträge, um ihre teils doch sehr drögen Themen von internationaler Kapitalverflechtung über Umweltzerstörung bis hin zur Dezentralisierung der Energieversorgung nutzerfreundlich zu vermitteln.
Und: Viele Beiträge sind nicht nur appellativ, sondern geben konkrete Handlungsaufforderungen, z.B. Anteilsscheine zu zeichnen für ein bestimmtes Projekt, das eigene Konsumverhalten zu überprüfen, bestimmte Waren zu boykottieren oder an Politiker zu schreiben. Dabei wird sehr qualifiziert und sachlich - zwangsläufig aber auch umfassend - argumentiert. Das Medienkollektiv Cinerebelde räumt sogar unumwunden ein, "durch taktische Medienarbeit eine Gegenöffentlichkeit zum gleichgeschalteten Medienspektakel der Massenmedien" schaffen zu wollen. Und:
"Ganz bewusst verzichten wir auf den sonst üblichen pseudoneutralen Standpunkt, vielmehr erzählen wir unseren Blickwinkel der Dinge und sind ein aktiver Teil dessen was geschieht."
Interessant sind auch der evangelische Internetsender, die Plattform der Gesellschaftsveränderer oder das Forum der konsumkritischen Verbraucher, das offenbar sechs Millionen regelmäßige User hat. Ein Beispiel für demokratische Meinungsverbreitung via Internet ist auch der Volkswirtschaftler Bernd Senf. Der Professor lässt seine teils dreistündigen Vorträge zur Finanzmarktkrise komplett aufzeichnen und stellt die Filme 1:1 ins Netz mit der Bitte um Vervielfältigung.
Vom Youtube-Erfolg als Print-Mann lernen
Wenn die Leser nicht mehr lesen, sondern hören oder gleich am liebsten Filme gucken wollen, heißt das für einen Print-Redakteur zwei Dinge: Entweder er akzeptiert den Abschied von einem Leser nach dem anderen oder er reagiert auf dessen verändertes Nutzerverhalten. Nachdem ich mit dem Blog den ersten Schritt im April 2008 Richtung Internet und Digitalisierung getan habe, folgt nun der zweite - der Film zum Anschauen.
Das erfordert von mir neue Kompetenzen, in unserer Agentur neue Ressourcen und von den Lesern Geduld. Denn wie ich das Handwerk des schreibenden Redakteurs über Jahre immer weiter erlernt und entwickelt habe, so lerne ich nun das Agieren vor laufender Kamera. Stolz bin ich dennoch über den produzierten Erstling. Ursprünglich wollte ich über den Festo-Bildungsfonds an dieser Stelle schreiben, weil er ein schönes Beispiel dafür ist, wie ein Unternehmen gesamtgesellschaftlich Verantwortung übernimmt, in dem es Studenten finanziell und sozial unterstützt.
Aktuell ist das Thema, weil der rund zwei Jahre alte Fonds nun auch Instrumente entwickelt, wie Firmen und Uni-Absolventen in der Krise trotz Einstellungsstop zusammen kommen können. Aber das klärt der Beitrag. Dem Festo-Bildungsverantwortlichen Dr. Peter Speck danke ich, dass er zu dieser Generalprobe bereit war. Und nun: Film ab!
Ihre Rückmeldung und Kritik würden mich freuen, damit ich daraus lernen kann (auch wenn es schmerzhaft sein sollte). Denn weitere Filmbeiträge folgen. Schauen Sie also wieder vorbei unter www.leonhard-fromm.de. Danke.
Zeitunglesen fördert die Allgemeinbildung
"Wer es mit dem lebenslangen Lernen ernst meint, muss mit der täglichen Zeitungslektüre beginnen", sagte Ministerpräsident Günther Oettinger gestern beim Verbandstag der Süddeutschen Zeitungsverleger in Ulm. Besser kann man es kaum sagen, denn in der Presse erfährt man täglich neu wissenswerte Zusammenhänge, die einen zu einem mündigen Bürger und qualifizierten (zumindest informierten) Berufstätigen machen.
So konnte man heute etwa in den Stuttgarter Nachrichten lesen, dass den 612 Bundestagsabgeordneten in Berlin knapp 5000 Lobbyisten gegenüber stehen, die versuchen, auf die Politik Einfluß zu nehmen. Diese Zahl zeigt einerseits erschreckend, wie viel in der Politik gesteuert ist, sie macht aber andererseits auch klar, wie wichtig Information und Kommunikation sind, um in einem enorm komplexen Feld überhaupt noch den Überblick zu behalten.
Hätte man beim Aspekt Abwrackprämie bspw. nicht nur auf die Automobilhersteller reagiert, sondern differenzierter die Interessenvertreter der Gebrauchtwagenhändler, der Freien Kfz-Werkstätten, der Schuldnerberatungsstellen oder des Steuerzahlerbundes gehört, vielleicht wäre die Mehrheit im Bundestag anders ausgefallen. Denn die Abwrackrämie kostet Milliarden Euro an Steuergeldern. Und weil diese nicht cash vorhanden sind, steigen die Schulden.
A propos Schulden: In der Zeitung war heute auch zu lesen, dass jeder Baden-Württemberger statistisch fast 23000 Euro Schulden hat, denn allein das Bundesland (EU, Bund, Kreis und Kommunen also noch gar nicht gerechnet) hat knapp 48 Mrd. Euro Schulden. Zum Vergleich: 1950 hatte jeder Baden-Württemberger 188 Euro Landesschulden. 1970 waren es 1053 Euro und 1990 auch "erst" 8448 Euro. Dieses Thema müsste eine PR-Agentur mal professionell vermarkten - auch unter ethischen Aspekten.
Tägliche Lokalisierung bundesweiter Themen
Dass es ein harter Job ist, täglich die richtige Lokalzeitung zu produzieren, weiß ich aus zehnjähriger Erfahrung und vielen Gesprächen bundesweit mit Kollegen. Denn keine Zielgruppe ist inhomogener als die lokale Leserschaft. Da sitzen neben der Hausfrau und dem Rentner die Vereinsfürsten von Liederkränzen, Sportvereinen und Feuerwehren und das auch noch mit unterschiedlichen Bildungsgraden und Erfahrungshintergründen aus mehreren Generationen. Auch Parteien, Kommunalpolitiker, Behörden und nicht zuletzt Unternehmer lesen die Lokalzeitung durch ihre Brille.
Und wie bei kaum einem anderen Produkt wie der Lokalzeitung glauben auch alle, mitschwätzen zu können und zu müssen. Das ist gut, zeigt es doch den hohen Identifikationsgrad. Mir geht es genauso, weshalb ich jeden auffordere, seine Lokalzeitung am Ort zu lesen (und das heimische Bier zu trinken) und sich somit von den täglichen Themen und deren redaktioneller Umsetzung überraschen zu lassen.
Andererseits sehe ich in vielen Lokalredaktionen noch Rationalisierungspotential, mehr (und bessere) Inhalte selbst zu produzieren. Ein Vorschlag: Täglich ein überregionales Thema lokalisieren. Dazu könnten je ein Kollege täglich vor der Arbeit das Handelsblatt, die Bildzeitung und den eigenen überregionalen Teil lesen und der Redaktionskonferenz dann je einen Vorschlag unterbreiten. Per Akklamation (oder Diskussion, die aber länger dauert) könnte das Thema beschlossen und für den nächsten Tag umgesetzt werden.
Das Handelsblatt hatte bspw. am 30. April berichtet, dass Deutschlands Straßenbeleuchtung rund acht Prozent (= vier Terawattstunden) des bundesdeutschen Energiebedarfs verbraucht, ein Drittel der neun Mio. Lichter in den 14000 Kommunen aber älter als 30 Jahre sei. Durch deren Modernisierung liesen sich jährlich 2,7 Mrd. Kilowattstunden einsparen. Vor diesem Hintergrund gewinnen private Betreibermodelle an Attraktivität, weil die Investitionen nicht die (überschuldeten) Kommunen treffen. Das wäre bspw. ein Thema, das sich binnen 60 Minuten bei den eigenen Stadtwerken recherchieren liese, evtl. ergänzt um O-Töne aus dem Gemeinderat. Nochmals 60 Minuten und die Story wäre geschrieben im Blatt.
In der Südwest Presse lese ich heute, dass die Kampagne bundesdeutscher Atheisten, auf öffentlichen Bussen mit Slogans wie "Es gibt keinen Gott" zu werben, in Städten wie Bremen, München oder Stuttgart von den Verantwortlichen abgelehnt wurde. Essen allerdings hat zugesagt. Bin gespannt, ob ich das Thema morgen in einer der ca. 16 Lokalausgaben der Südwest Presse lese. Zeitaufwand für Recherche und Schreiben wie gesagt zwei Stunden. Einbauen könnte man neben den ÖPNV-Repräsentaten auch Gemeinderäte, Kirchenvertreter oder Atheisten vor Ort. Wäre doch ein prima Thema, auch für die (lokale) Kirchenpresse.