leonhard fromm der medienberater

1Feb/128

Filstalexpress berichtet über Lokales

Macht seit Oktober sein journalistisches Angebot im Internet: Joachim Abel.

Macht seit Oktober sein journalistisches Angebot im Internet: Joachim Abel.

Eher durch Zufall bin ich kürzlich auf den Filstalexpress aufmerksam geworden. Ein Nachrichtenportal, das seit Oktober in diversen Ressorts über das lokale Geschehen berichtet. Als PR-Profi hat mich natürlich interessiert, wer dahinter steckt, wie das Geschäftsmodell aussieht und wie die Zugriffsquoten sind. Formaler Betreiber ist demnach eine GbR in Wäschenbeuren, die zwei IT-Leute gegründet haben, die hauptberuflich offenbar bei Porsche und Wala ihr Geld verdienen.

Eigentlicher Macher ist Joachim Abel aus Kuchen. Der 53-jährige Agraringenieur kommt aus Schleswig-Holstein, wo er für Kieler Nachrichten und diverse Fachzeitschriften tätig war. Nach seinem Wechsel 2009 in den Kreis Göppingen schrieb er bis Mitte 2011 für die Lokalblätter NWZ und GZ, überwarf sich aber offenbar mit deren Redaktionen.

Als Kampfansage an die Printkollegen will er seinen Filstalexpress aber nicht verstanden wissen, obwohl auch er nun aus dieser Arbeit seinen Unterhalt erzielen will. Für 30 bis 100 Euro im Monat kann man dort Werbeflächen schalten. Unser Kunde Heldele ist dort bereits auf der Startseite prominent vertreten und auch andere Firmen aus dem Landkreis sind interessiert.

Etwas kämpferischer als Abel würde manch anderer wohl das Online-Projekt etwa als Sammelbecken derer anlegen, die mit der Behäbigkeit bestehender Medien unzufrieden sind und/oder Ansatzpunkte mit bereits bestehenden Formationen wie IHK, Handwerkskammer, Wirtschaftsförderung, Kirchen oder Vereinen suchen. Hört man sich um, ist die Unzufriedenheit mit den vorhandenen Medien riesig und das harte Kämpfen um Leser und Kunden haben demnach zumindest die meisten Redakteure der NWZ nie gelernt.

Die beamtenähnlichen Mitarbeiter können es vermutlich auch nicht, weil man sie seit mittlerweile Jahrzehnten auf ihren gut dotierten und mittlerweile unkündbaren Stellen schlafen und die Redaktionsleitung in ihrem Streben nach Aktualität und Qualität behindern lässt. Nur zur Erinnerung: Als ich 2001 aus dieser Redaktion ausschied, verdiente ich bereits mehr als 50.000 Euro im Jahr. Die meisten Kollegen sicher mehr, weil sie ja schon vor mir da waren - und es immer noch sind.

Würde man also nur einen Redakteur einsparen, könnte man viele freie Joachim Abels bezahlen, die sicher interessiert und motiviert ihren Job machen würden. Und das ist nur ein Beispiel. Aber weil Kritik in dieser Redaktion noch nie als Verbesserungschance verstanden wurde, sondern als Majestätsbeleidigung, dürften meine Ex-"Kollegen" diese Zeilen vermutlich erneut zum Anlass nehmen, mich möglichst umfangreich zu behindern und bei ihrer Chefredaktion zu diskeditieren. Ach übrigens: Als ich 1995 zur NWZ kam, hatten wir m.W. 45.000 Auflage. Heute sollen es dem Vernehmen nach 30.000 sein.

17Nov/110

Buchtipp: “Die letzte Flucht”

Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau, mit dessen Bruder Detlev ich gelegentlich Skat spiele, hat mit "Die letzte Flucht" einen sehr brisanten Krimi herausgebracht, der schonungslos die mafiösen Praktiken der Pharmabranche offenlegt. Faktenreich recherchiert und teils mit echten Firmennamen belegt, zeugt der sechste Krimi Schorlaus gleichermaßen von Mut und Akribie. Denn angesichts der Vorwürfe dürften die Betroffenen prozessieren, sofern sie auch nur ansatzweise eine Chance auf Erfolg sehen.

Im Kern thematisiert der jüngere Schorlau hier, was nicht zuletzt Spiegel-Redakteur Markus Grill in seinem Buch "Kranke Geschäfte - wie die Pharmaindustrie uns manipuluiert" bereits publiziert hat. Der Vorwurf: Die Hälfte der deutschen Ärzte lässt sich letztlich von den Pharmaherstellern bestechen und bonifizieren, damit sie deren Medikamente verschreiben. Das können demnach 5000 Euro und mehr im Monat sein.

Auch die Rolle des Marketings wird kritisch beleuchtet. So werden Versprechen kreiert, ein neues Medikamente verlängere das Leben von Krebspatienten um mehr als ein Jahr. Verschwiegen wird, dass bereits Vorgängerpräparate das Leben um rund zehn Monate verlängert haben - und dass die gewonnene Mehrzeit auf Grund schlimmster Nebenwirkungen für die Patienten qualvoll sei.

Im Kern, so die These des Buchs, geht es darum, den Pharmakonzernen Renditen von 30 bis 40 Prozent zu ermöglichen (zum Vergleich: Im Lebensmitteleinzelhandel liegt die Rendite teils unter einem Prozent). Schorlau transportiert die Fakten, in dem er einen Konzernboss entführen lässt, der seinem Entführer die ganze Wahrheit über seine Branche erzählt, um zu überleben. Mehr möchte ich zu dem Buch, dessen Nebenstrang sich im Lokalkollorit noch mit Stuttgart 21 befasst, nicht verraten.

Erlaubt sei mir die Anmerkung, dass der zitierte Spiegel-Redakteur Markus Grill Praktikant bei der SchwäPo in Aalen war als ich dort volontierte. Und: Grill und Schorlau für mich gute Beispiele sind, wie Journalisten Wahrheiten ans Licht bringen können statt sich mit seichtem Gelabere durch den Tag zu wursteln. Mit Jürgen Todenhöfers Afghanistan-Recherchen hatte ich im Sommer ein weiteres positives Beispiel in meinem Blog benannt.

11Okt/110

“Lieber wütend als traurig”

Ich weiß ja nicht, ob man das als Unternehmer schreiben darf: Aber Alois Prinz' Biographie über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof von 2003 "Lieber wütend als traurig", die ich in den vergangenen Wochen häppchenweise in meiner sehr knappen Freizeit gelesen habe, hat mich sehr berührt. Zum einen wurde mir, der ich mit Leib und Seele Journalist bin, bewußt, dass auch Ulrike Meinhof, die Chefredakteurin von "konkret", eine solche war.

Doch nicht nur in diesem Punkt sind wir Seelenverwandte. Wie ich von meiner katholischen, war sie von ihrer protestantischen Erziehung geprägt. Entsprechend hohe Werte hatte sie, etwa ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Welt ein wenig gerechter wird. Meinhof ist auch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Journalisten ihre Chronistenrolle verlassen und beginnen, sich einzumischen.

Andreas Baader war mir schon immer unsympathisch. Prinz beschreibt sehr gut, welch demagogischer Menschenverführer er war. Und wie doch seine Brutalität auf viele Menschen faszinierend wirkte. Faszinierender jedenfalls als Meinhofs messerscharfe Analysen, die sie zu Papier brachte. "Bändigen braucht mehr Kraft als zuschlagen" hat mir als Kind eine weise Frau in mein Posesiealbum geschrieben.

Als Neunjähriger verstand ich diese Zeilen nicht. Seit ich 16 bin, begleiten sie mich fast täglich. Sonst wäre ich vielleicht auch Terrorist geworden. So bin ich gelegentlich lieber traurig über viele Zustände, als dass sich meine Wut in Gewalt verwandeln würde. Wer mit sich ehrlich ist, kennt diese Gefühle. Schade, dass Ulrike Meinhof diesen Spagat nicht ausgehalten hat. Sie hätte unsere Gesellschaft mit ihrem Intellekt bereichern können.

16Jun/110

Korrespondenz mit einem Redakteur

Seit gestern Morgen habe ich binnen 28 Stunden 13 Mal (6x er, 7x ich) mit einem leitenden Redakteur eines bundesweit erscheinenden Business-Titels per Mail korrespondiert. Auslöser war sein Interview, das er einem christlichen Newsletter über Wahrhaftigkeit gegeben hatte. In Auszügen möchte ich hier unseren Schriftverkehr, der teils im Zehn-Minuten-Takt erfolgt, anonymisiert wiedergeben.

"Hallo Herr XXX, via dieses Netzwerk erfahre ich eben, dass Sie auch "christlich" sind. Könnten wir diesbzgl. mal telefonieren (habe Sie eben nicht erreicht)? Als Ex-Wirtschaftsredakteur (Südwest Presse) und Theologe mache ich seit zehn Jahren PR für Firmen, u.a. Prof. Knoblauch und den christlichen www.fuehrungskraeftekongress.de. Deshalb kenne ich viele ethisch ausgerichte Mittelständler, die auch Ihnen evtl. als Beispielpool dienen könnten. Freue mich auf Ihre Rückmeldung. Beste Grüße, Leonhard Fromm."

Seine Antwort: "Hallo Herr Fromm, Sie machen mich neugierig: Was gibt es denn telefonisch zu besprechen? Haben
Sie schon ein konkretes Thema, über das wir uns unterhalten können/sollten? Da mein Terminkalender sehr eng getaktet ist, würde ich mich hier über ein konkretes Stichwort freuen... Herzliche Grüße, xxx"

Meine Antwort: "Hallo Herr XXX, ich vermute, Themen haben Sie genug. Ich würde Ihnen gerne den Pool "meiner"
20 bis 40 Firmen anbieten, um "Ihre" Themen mit konkreten Beispielen zu belegen. In der Regel sind es Markt- und Technologieführer quer durch alle Branchen (Maschinenbau, Logistik, Automotive, regenerative Energien,
Finance, IT, Services) mit 250 bis 1200 Mitarbeitern, die sich in den vergangenen 40 Jahren differenziert haben....."

Seine Antwort: "Hallo Herr Fromm, tja, hm, derlei Anrufe bekomme ich zuhauf - PR-Leute, die mir ihre
Kundenstorys verkaufen wollen. Nicht böse sein: Aber das kickt mich nicht... Ich finde Klasse statt Masse erbaulicher. Also nicht 100 Storys, die Sie mir anbieten können, wie alle anderen auch - sondern die eine Top-Story, die man
JETZT in .... lesen muss und will und die noch nirgendwo gestanden hat. Wenn Sie die haben, können wir gerne telefonieren. Die muss aber dann wirklich TOP sein. Ich betone das deshalb, weil auch das jeder behauptet -
und hinterher ists doch nur heiße Luft. Da bin ich aber sehr nachtragend: Wer viel Wirbel macht, muss auch halten, was er verspricht. Windmaschinen hab ich umgekehrt schon zuhauf an der Strippe...Ich bin also gespannt...."

Meine Antwort: "...die TOP-Story habe ich nicht. Die machen in der Regel Macher wie Sie aus dem, was passiert oder angeboten wird. Ich habe keine Masse zu bieten, sondern Macher, die sich täglich aufs Neue den A. aufreißen, um genügend Aufträge zu auskömmlichen Preisen ins Unternehmen zu holen und dabei Mitarbeiter, Finanzamt, Behörden etc. bei Laune zu halten. Dort geht es immer primär ums Überleben (unter dem Preisdruck der Konzerne und dem Schnäppchenwahn der Verbraucher), wobei diese Typen ein enormes Maß an Kreativität und Leidensfähigkeit entwickeln. Für mich sind das die Helden der Marktwirtschaft.
Seit Jesus - und über die Christen in der Wirtschaft bin ich auf Sie aufmerksam geworden - ist mir nichts Bahnbrechendes mehr über den Weg gelaufen. Aber mit viel Neugierde, Kreativität und Menschenliebe habe ich
immer wieder im Detail das Besondere, wenn Sie möchten " das Jesuanische" gefunden und daraus spannende Themen für die Zeitung gemacht. So ist auch mein Selbstverständnis, primär Ihnen dienen zu wollen statt etwas (für mich) verkaufen zu wollen. Das Leben hat mich gelehrt, dass es die TOP-Story so wenig gibt wie die Traumfrau. Aber es gibt viele "Helden der Marktwirtschaft", für die ich meine 14 Monatsgehälter und 30 Tage Urlaub 2001 an den Nagel gehängt habe, um ihnen Gehör bei Leuten wie Ihnen zu verschaffen...."

Seine Antwort: "...immerhin sagen Sie ehrlich, dass Sie keine Top-Story haben. Ich darf Sie aber neugierig darauf machen: Es gibt diese Storys. Sie werden allerdings nur von wenigen angeboten. Aber genau das zeichnet diese ja dann auch aus. Und Macher, die sich den Allerwertesten aufreißen, kennen wir leider auch schon genug. Aber: Wir könnten ja mal klein anfangen. Ich denke zurzeit über das Thema Perfektionismus nach und suche daher Leute, die sich von dieser "Religion" abgewendet haben und heute sagen: "80% sind eigentlich auch schon ganz gut." Oder: "Erst mal mit der Beta-Version starten, dann kann die Alpha immer noch kommen..." Kennen Sie solche Leute - die das auch mit vollem Namen in ... sagen? Bin gespannt, ob Sie hier das Jesuanische finden..."

Meine Antwort: "...danke für Ihre souveräne Reaktion. Ich denke darüber nach. Vielleicht bin ich auch nur bescheiden, weil nach 20 Jahren im Beruf bin ich recht stolz auf das Portfolio meiner Kunden (und rund 1000 Veröffentlichungen pro Jahr u.a. in Handelsblatt, vdi Nachrichten, FTD etc.), die unser Quintett hier "reißt". Und olle Kamellen wollte ich Ihnen nicht neu als Knaller, die sie teils waren, andienen. Evtl. wird es mit der interaktiven Stromtankstelle (e-Mobility) etwas, die via Handy mit dem Fahrer kommuniziert, via ec-Karte mit der Bank und dann
auch noch dem Stromanbieter. Der Pilot wird derzeit designt und der Markt über Parkhausbetreiber und Kaufhausketten vorbereitet. Und mein Bäcker (620 Jobs, 42 Filialen) beliefert zwar schon seit 2006 alle
ICEs der Bahn, den FC Bayern München und aktuell international 240 Hotels (etliche Steigenberger, Grandhotel Heiligendamm etc.), aber geschrieben hat das in der Systematik noch keiner (für den arbeite ich erst seit April)..."

Seine Antwort: "...versuchen wir es doch erst einmal mit den ehemaligen Perfektionisten..."

Meine Antwort: "..was wäre also der nächste Schritt?"

Seine Antwort am nächsten Morgen: "...hmm, war das so undeutlich? Ich schrieb: Ich denke zurzeit über das Thema Perfektionismus nach und suche daher Leute, die sich von dieser "Religion" abgewendet haben und heute sagen: "80% sind eigentlich auch schon ganz gut." Oder: "Erst mal mit der Beta-Version starten, dann kann die Alpha immer noch kommen..." Kennen Sie solche Leute - die das auch in .... sagen? Bin gespannt, ob Sie hier das Jesuanische finden...
Also: Können Sie mir solche Leute vermitteln?"

Meine Antwort: "Dann muss ich wirklich passen. Wie gesagt (und ich sage nur, was ich halten kann) arbeite ich nur für Markt- und Technologieführer und da müssen die Firmen – zum Beispiel in der Luftfahrt oder Medizintechnik – annähernd 100 Prozent bringen. Aber das ist normal – und deshalb wohl für Sie (und Ihre Leser?) zu banal. Mich „kickt“ es sehr wohl, wie Unternehmer über längere Zeiträume diese Spitzenleistungen bringen. Und dann schaue ich mir die „Prozesse“ an, wie sie mit Menschen („das Jesuanische“) umgehen, neugierig sind, geduldig, beharrlich und Methoden, Strukturen, Strategien entwickeln. Alles nicht neu, wie bspw. Verzeihen, und doch immer neu spannend und ermutigend, wenn es passiert.
Zwar kenne ich auch Firmen, die 80 Prozent bringen, doch erfahrungsgemäß gehen solche Firmen demnächst pleite oder werden von Firmen wie meinen Kunden übernommen (auch wenn die Inhaber nette Menschen sein mögen). Die Tragik unseres Wirtschaftens besteht für mich darin, dass schon 80 % angesichts der Komplexität eine enorme Leistung sind, diese aber längst nicht mehr reichen am Markt. Dafür habe ich schon zu viele Insolvenzen gesehen und als Redakteur früher hartnäckig recherchiert. Die Griechen machen uns das aktuell eindrucksvoll vor. Die mögen zwar psychisch noch 100 % gesund sein, aber im ökonomischen Rating sind sie CCC – und kriegen jetzt auch Schlafstörungen. Lassen Sie mich also wissen, in welchem Heft dieser Beitrag über Beta-Versionen erscheint. Ich werde es kaufen, weil mich die Beispiele interessieren."

Seine Antwort: "...dafür, dass Sie sich eingangs als jemand positioniert haben, der mit viel Kreativität und großem Netzwerk das "Jesuanische" finden kann, passen Sie aber erstaunlich schnell. Sie hätten ja mal kreativ in ihr Netzwerk reinhorchen können. Es bleibt der Eindruck von viel Wind um nichts. Schade. Beste Grüße."

Meine Antwort: "Ich wollte keine Erwartungen wecken, weil ich nicht aktiv suche, wo ich keine (zahlenden) Kunden habe. Selbstverständlich war aber mein Ehrgeiz geweckt, es Ihnen doch evtl. zu zeigen (und Ihnen zu dienen). Spontan bin ich in meinem Netzwerk fündig geworden (nenne nun eine Firma samt Begründung und Kontaktdaten). Vielleicht taugt XXX für Ihre Recherche. Würde mich freuen. Und so kurz nach Pfingsten ist bei mir „Wind“ noch positiv belegt…."

10Jun/110

Redakteure streiken für ihre Interessen

Mein geschätzter Kollege Bruno Bienzle, bis 2007 Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten und seither im Ruhestand, hat jüngst einen Beitrag zum Tarifstreit der deutschen Redakteure mit ihren Verlegern verfasst. Angesichts von bis zu 25 Prozent niedrigeren Einstiegsgehältern für Berufsanfänger und Kürzungen beim Urlaubsgeld für Redakteure, die die Verleger vorsehen, sieht Bienzle den Qualitätsjournalismus in Gefahr.

So sehr ich seine Analyse bzgl. der Historie des deutschen Nachkriegsjournalismus' als "vierte Gewalt im Staate" teile, so wenig folge ich ihm in seiner These. Und dies aus mehreren Gründen: In Rußland bspw. verdienen die investigativen Journalisten, die Korruption und Bestechung aufdecken, nicht nur (fast) nichts, sie sind für ihren Mut auch an Leib und Leben bedroht.

Und aus eigener Erfahrung in drei Redaktionen, in denen ich 13 Jahre gearbeitet habe, kann oder muss ich sagen, dass es vielen Kollegen weder an Zeit noch Geld gefehlt hat. Eher an der erforderlichen Neugierde, Motivation oder vielleicht auch Intelligenz. Manche wurden lieber zynisch (oder faul) statt ihre Presse-, Informationsrechte und das Wissen ihrer - vom Verleger bezahlten (!!!!) - Ausbildung zu nutzen, Mißstände zu identifizieren und aufzudecken.

Wenn die Zeitungen heute in der Krise stecken, dann nicht nur wegen Internet und wachsendem Desinteresse der Leser, so meine feste Überzeugung, sondern auch wegen der Banalität des redaktionellen Angebots. Was die Redakteure den Politikern vorwerfen, mangelnde Kantigkeit, gilt vielfach auch für sie selbst. Kommentare bspw., die keinem weh tun und nicht angreifbar machen, sondern letztlich den Bericht daneben nacherzählen.

Dass wir uns richtig verstehen: Es gibt tolle Redakteure, die das Ohr am Leser haben, Skandale offenlegen und pointiert schreiben. Aber das scheint mir weniger mit dem Gehalt zu tun zu haben, denn mit einer ethischen Grundhaltung. Ich selbst habe als Redakteur manchen Rechtsstreit geführt und viele Leser zu Stellungnahmen veranlasst - Lob oder Widerspruch. Mein Lohn waren primär die Wertschätzung der Leser - und der Neid mancher Kollegen.

25Mai/110

Sexaffären: Schreiben oder schweigen

Silvio Berlusconi, Jörg Kachelmann, Arnold Schwarzenegger oder nun Dominique Strauss-Kahn: Prominente und ihr (sexuelles) Privatleben sind immer wieder ein Streitpunkt im Presserecht und in der Medienethik. Grundsätzlich, so habe ich es 1991 im Volontariat gelernt, genießen Prominente in ihrem Privatleben dieselben Schutzrechte wie alle anderen. Ob sie also betrunken Auto fahren, im Bordell gesehen oder sexuell übergriffig werden, hat in den Medien nichts zu suchen.

Anders liegt der Fall, wenn sich der Politiker zuvor öffentlich für eheliche Treue oder Nüchternheit am Steuer ausgesprochen hat. Dann müssen Medien seinen Verstoß thematisieren, weil es um seine (Un-)Glaubwürdigkeit geht. Oder wenn sich Lothar Matthäus mit ständig neuen Studentinnen in seinem ersten Liebesglück vor die Paparazzi stellt, thematisiert er selbst sein Liebesleben - und für Redakteure gehört dann das öffentliche Scheitern dazu.

Im internationalen Maßstab, wie im Fall von Strauss-Kahn, liegt der Fall nochmals anders. Darf er nach US-Medienrecht bereits als Verdächtiger in Handschellen gezeigt werden, gilt zwar hierzulande noch die Unschuldsvermutung. Die US-Bilder wiederum dürfen aber - im Sinne der Informationspflicht - als Zeitzeugnisse gezeigt werden. Gerade diese rechtlichen Lücken nutzen unter dem Wettbewerbsdruck längst nicht mehr nur Boulevardpresse und -sender.

Andererseits fragen sich in Ländern wie Frankreich, Italien oder Griechenland, wo die Medien ziemlich großzügig mit den Schwächen Prominenter umgehen, viele Redakteure, ob ihre diskrete Haltung noch richtig ist. Denn gerade im Fall von Strauss-Kahn wird erst jetzt bekannt, dass offenbar viele Journalisten wussten, dass insbesondere attraktive Frauen nicht alleine mit dem 62-Jährigen in einem Zimmer sein durften, wollten sie nicht von dem Ex-IWF-Chef belästigt werden, der sich wohl für unwiderstehlich hielt.

Auch im Fall Schwarzeneggers tauchen erst jetzt Gerüchte auf, wonach der "Gouvernator" aus Kalifornien noch weitere uneheliche Kinder habe. Und Berlusconis Escapaden thematisierten die Medien erst, nachdem sich seine Ex-Frau öffentlich über ihn beschwert hatte. In Ungarn andererseits, wo die Medien heute ihre Freiheit genießen, wird sehr offen über Seitensprünge und sexuelle Neigungen von Politikern geschrieben. Deren Leser regt das nicht auf, weshalb solche Berichte auch noch nie zu Rücktritten führten.

Die Stuttgarter Nachrichten berichten nun, Strauss-Kahn habe offenbar eine PR-Agentur und eine Detektei beauftragt. Dies legt den Eindruck nahe, man habe ihn in eine Falle gelockt, um ihn als Präsidentschaftskandidat der Sozialisten in Frankreich zu diskreditieren. Dazu passt, dass seine Frau sich zu ihm bekennt. Umso wichtiger ist deshalb, jetzt um seine Schürzenjäger-Aspekte zu wissen, um sich nicht blenden zu lassen. Ja, investigativer Journalismus von kompetenten Redakteuren ist schon spannend.

9Feb/112

Haben Sie heute schon gelacht?

Ein großer Stahlmanager ist gestorben. Petrus verweigert ihm den Eintritt in den Himmel und schickt ihn zur Hölle. Nach einigen Wochen ruft der Teufel an und beschwert sich: "Wen hast Du mir denn da geschickt? Seit der hier ist, hat er schon sechs Öfen stillgelegt, 1000 Leute entlassen und die Belegschaft streikt." Als katholischer Theologe gefallen mir vor allem Witze rund um Kirche, Pfarrer, Papst und Bibel. Vermutlich erträgt man so am besten die eben vielfach auch anzutreffende Realität von Engstirnigkeit und Kleinkarriertheit.

Den finde ich zum Beispiel auch klasse: Der Pfarrer hält sich zugute, schnell und kommunikativ zu sein. Für alle Gemeindemitglieder hat er das passende Wort parat. Auch als er Herrn Schmidt begegnet. "Und, wie geht's Ihrer Frau?", fragt er ihn anteilnehmend. Im selben Moment fällt ihm ein, dass er diese aber bereits Monate zuvor beerdigt hat und schiebt blitzschnell nach: "Immer noch auf demselben Friedhof?"

Ich würde schon sagen, dass ich ein lustiger Typ bin. Aber die nun wieder beginnende Fastnachtszeit geht mir ziemlich auf den Senkel. Es ist ja okay, dass Menschen, die ganzjährig gehemmt sind, unter viel Alkohol und Maskerade mal die Sau raus lassen. Aber dass das alles dann auch noch haarklein in der Lokalzeitung mit dutzenden Fotos von verschwitzten, stinkenden Menschen dokumentiert werden muss?

Deshalb lieber noch ein intelligenter Witz: Tünnes klopft ans Himmelstor, wo Petrus ihn wenig freundlich empfängt: "Einer wie Du, der seinen Glauben so häufig verleugnet hat, hat hier nichts zu suchen." Da wirft Tünnes den Kopf in den Nacken und kräht wie ein Hahn. "Still!", flüstert Petrus, "lass doch die alten Geschichten und komm schnell rein." Sie wissen mir und meinen Lesern auch einen guten Witz? Bitte erzählen Sie ihn als Kommentar. Damit wir mehr zu lachen haben. Danke!

12Jan/110

TV-Werbung legt 2010 um 16 Prozent zu

Das ist ja der Hammer: Trotz Wirtschaftskrise und Kaufkraftschwund haben die Brutto-Werbeumsätze der TV-Branche 2010 um 16 Prozent auf 11,1 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Das berichtet das Fachmagazin "Werben & Verkaufen" unter Bezug auf Thomson Media Control in Baden-Baden. Allerdings müssten vom Bruttobetrag bis zu 25 Prozent abgezogen werden, weil Rabatte in dieser Größenordnung in der Branche üblich sind.

Das größte Stück vom Kuchen hat demnach RTL mit 2,7 Mrd. (+17 %), gefolgt von Sat 1 mit 2,1 Mrd. (+17 %) und Pro Sieben mit 1,9 Mrd. (+20 %). Dagegen verbesserte sich die ARD auf 250 Mio. (+10 %) und das ZDF auf 196 Mio. (+11 %). Zum Vergleich: An Gebühren bekamen die öffentlich-rechtlichen Sender im vergangenen Jahr 7,5 Mrd. Unter den Vermarktern akquirierte Seven-One-Media, die für die Pro Sieben-Gruppe arbeiten, mit 4,7 Mrd. (+18 %) das meiste Geld, gefolgt von IP Deutschland mit 4 Mrd. (+17 %).

Interessant wären noch die Vergleichszahlen zu 2008 oder 2007 gewesen. Denn auf Grund der Wirtschaftskrise, die mit der Immobilien- und Bankenkrise Ende 2008 eingesetzt hatte, waren die Geschäftszahlen fast überall 2009 hundsmiserabel. Verglichen mit diesen Basiszahlen hatten auch viele unserer Kunden 2010 Zuwächse von oft 20 und mehr Prozent. Das klingt formal gut. Mancher war aber zuvor um 50 Prozent eingebrochen, in einzelnen Monaten sogar noch mehr. Andererseits: Unser Kunde Sparda-Bank ist 2010 erstmals in die TV-Werbung eingestiegen. Damit haben auch wir einen ersten Kunden, der in dieser Liga mitspielt.

22Nov/100

Imagefilme werden immer beliebter

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Vorige Woche habe ich die Meldung gelesen, das Internet werde das Fernsehen immer mehr verdrängen bzw. deren Programme auf Spartensender zuspitzen, die dann wiederum Blogs immer ähnlicher werden, die sich schon heute rund um Themen entwickeln. In meinem Umfeld kann ich auch regelrecht messen, wie die digitale Kommunikation zunimmt und auch meine Kunden immer stärker auf Filme setzen, insbesondere wenn sie Jüngere erreichen wollen, die lieber sehen als zu lesen.

Jüngstes Beispiel ist der Imagefilm unseres Recycling-Kunden Du: Willkommen in der Umwelt, der seinen virtuellen Firmenrundgang in eine kleine Handlung verpackt hat. Gelungen finde ich dabei, wie das Firmensymbol des Indianers clever in die bewegten Bilder eingesponnen ist. Das Beispiel zeigt auch, wie aufwändig der Umgang mit dem Medium Film ist. Schauen Sie mal rein, ich wünsche Ihnen dabei gute Unterhaltung.

29Sep/100

Medien-Kritik eines freien Journalisten

Nach Thilo Sarrazins jüngstem Werk "Deutschland schafft sich ab" empfehle ich meinen Lesern heute schon wieder ein Buch. Der freie Journalist Tom Schimmeck analysiert in seinem Buch "Am besten nichts Neues" die deutsche Presselandschaft und kommt zu dem Ergebnis: Die deutschen Medien versagen bei ihrer Aufgabe, eine kritische Öffentlichkeit herzustellen.

In "kaputtgesparten Rumpfredaktionen", so der Autor, bleibe oft kein Raum mehr für Nachfragen, für Zweifel oder eine andere Sicht auf die Dinge. Das erzeuge Monotonie und vereinheitlichte Meinungen. Statt dessen stürzten sich die Medien auf reflexionsfernen Journalismus, seichten Boulevard und Kampagnen, was Schimmeck mit konkreten Beispielen belegt.

In seinem im West-end-Verlag erschienenen Buch beleuchtet er auch die Rolle von PR-Consultants und Spin-Doktoren, die im Auftrag von Politik und Wirtschaft Meinungen und Stimmungen passgenau produzierten. Denn wo Journalisten nicht mehr selbst recherchieren können, sei man zunehmend für "honorarfrei angelieferte Fertigware" empfänglich. Als Beispiel nennt der Schreiber hier die interessengesteuerten Kampagnen gegen Sozialpartnerschaft und für mehr Marktliberalisierung.

Was mir persönlich zu kurz kommt: Generell wird die (schlechte) Arbeit der Redakteure mit ihren Arbeitsbedingungen entschuldigt. Dabei kenne ich sehr wohl Kollegen, die innerhalb ihrer Ressorts durch investigative Recherche, flotte Schreibe und intelligente Kommentierung überzeugen. Wie ich für mich in Anspruch nehme, mit meinen PR-Aktivitäten nicht zu manipulieren, sondern Redakteuren zuzuarbeiten. Wir sorgen lediglich dafür, dass unsere Auftraggeber und deren Themen überhaupt stattfinden, denn vielfach werden diese am Telefon bereits abgewimmelt, wenn sie mal selbst einen Redakteur spechen wollen.