Stressige Zeiten brauchen kühlen Kopf

Eine schöne Aufgabe und hautnah: Pressegespräch mit Klaus Töpfer in Tuttlingen, zu dessen Rechter ich am Mittwoch saß.
Aufmerksame Leser haben es bemerkt: Aktuell schreibe ich meine Beiträge nicht montags, mittwochs und freitags, weil mir einfach die Zeit nicht reicht. So ballen sich derzeit sehr viele Presseaktivitäten. Highlight der vergangenen Woche war die Hausmesse bei Desma, Weltmarktführer für Spritzgießmaschinen, in Fridingen. Mehr als 300 internationale Gäste erlebten am ersten Tag Ex-UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer in der Tuttlinger Stadthalle.
Erstmals war ich damit beauftragt, für das Event, das seit 1991 erst zum 7. Mal stattfand, die Pressearbeit zu machen. Dazu gehörte auch, Kollegen aus China, Kanada, England oder Italien auf Englisch zu betreuen, sowie das Pressegespräch mit Töpfer im Anschluss an seinen Vortrag über "Kampf um bezahlbare Energie" zu moderieren. Letzteres mussten wir nicht zuletzt deshalb improvisieren, weil der Ex-Umweltminister mit bzw. trotz massiver Rückenschmerzen angereist war.
Ab Donnerstag nachmittag ging es an die Nachberichterstattung insbesondere in der Fachpresse für Kunststoffe, Kautschuk und Sondermaschinenbau und parallel galt es, die Pressekonferenz mit Wettermoderator Jörg Kachelmann bei meinem Kunden Aton-Solar in Lachingen am Montag vorzubereiten. Unter anderen haben SWR und FAZ ihr Kommen zugesagt. Überschneidend meldeten sich ab Freitag bereits wieder die Fachjournalisten, die von Desma u.a. zurück an ihre Schreibtische in Mailand oder Montreal gekehrt waren.
Bei unserem Ammerbucher Kunden Design Tech findet zudem am Montagabend dessen Jahreshighlight statt: Werbepapst Manfred Gotta ist Gast beim 8. Ammerbucher Design Talk, zu dem sich mehr als 70 Vorstandsvorsitzene und Geschäftsführer angemeldet haben. Der Erfinder von Markenname wir Targobank oder Twingo zieht offenbar die Unternehmer wie zuvor beim ADT kein anderer.
Zwischen all diesen Events war und ist das ganz normale Tagesgeschäft zu machen. Denn in unserer Fünf-Personen-Klitsche bin ich massiv in das operative Geschäft mit mehr als 20 Dauerkunden eingebunden. Da bin ich schon froh, dass intern die Prozesse und Pessekontakte gut gespurt sind, wir das journalistische Handwerk perfekt beherrschen und ich über die Routine von mittlerweile 20 Jahren in der redaktionellen Verantwortung verfüge.
Denn sperrige Kunden, divenhafte oder überforderte Redakteure und IT-Probleme ("Sie haben meine Mail gar nicht erhalten?") sorgen selbst bei regulärem Arbeitspensum für genügend Unwägbarkeiten. Aber ich will nicht jammern: Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden und gefühlt sind die Arbeitstage und -wochen sehr kurz. Allerdings freue ich mich auch, wenn es nach Oktober ruhiger wird.
Presseangriff auf fleißigen Rektor
Kaum mache ich den Mund in Sachen Jörg Kachelmann zu, wird schon die nächste Sau durch's Dorf getrieben. Und dieses Mal nicht von Bild oder Bunte, sondern der Stuttgarter Zeitung: Rektor Bernhard Schwarz wird in der heutigen Ausgabe als "Ein Rektor als Reizfigur" wortgewaltig vorgeführt, wie ich das als Volontär vor 20 Jahren auch gelernt und anschließend teils etliche Male selbst praktiziert habe: Andeuten ("wirtschaftliche Verflechtungen"), Zitatspuren verwischen ("heißt es in Hochschulkreisen"), Gewicht verleihen ("doch damit stehen die Kritiker nicht allein").
Und der engagierte Schwarz, der meines Wissens maßgeblich geholfen hat, seit 1990 den Standort Göppingen mit heute mehr als 1000 Studierenden aufzubauen und ihm ein mechatronisches Profil zu verleihen, steht wie ein machtversessener Despot da. Die Inszenierung mit dem Foto ist ja gut gelungen, wenn man das Ziel verfolgt, ihn so als Zielscheibe aufzustellen. Und wer in Verantwortung steht, bei dem findet man immer einen (oder zwei), die ihn als unnahbar oder autoritär charakterisieren. Diese werden dann nach obigem Formulierungsmuster ("und das ist nur eine Stimme von vielen", "die Spatzen pfeifen es von den Dächern") nebulös vermehrt etc.
Ich finde diese Art von Journalismus fies und im konkreten Fall zudem schlecht gemacht: Denn eigentlich blitzt immer nur derselbe Kronzeuge durch, der Wissenschaftler, der als Kompromisslösung Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät wurde. Und weil genau diese von Esslingen nach Göppingen verlegt werden soll, ist dieser Professor Helmut Kohlert doppelt involviert.
Ein Beitrag, der diese Verlegung inhaltlich begründet oder Kohlert zu Wort kommen lässt, wie er sich als Kompromisskandidat fühlt, wäre der Sache sicher dienlicher gewesen. Aber es liest sich nicht so flott. Denn tatsächlich, für das bißchen Substanz plätschert der Beitrag - dank Überschrift und Foto - doch recht flüssig dahin. Als PR-Berater hätte ich mir gewünscht, dabei gewesen zu sein als der Dekan gewählt, die Standortverlegung beschlossen oder der TZM-Verkauf an Eberspächer abgewickelt wurde. Dort hätte man die Klarheit kommunizieren können, die nun allem Nebel seinen "Heißluftraum" genommen hätte.
Tour extrem im Tour-Magazin 05/2011

Highlight im Tour-Magazin: Chefredakteur Thomas Musch in unserem grün-weißen Tour-Trikot am Albula-Pass.
Über unsere Tour extrem 2010 von Göppingen nach Nizza, die unser elfköpfiges Peloton samt Begleitfahrzeug in zehn Tagen quer durch die Alpen führte, berichtet das Tour-Magazin in seiner Mai-Ausgabe. Chefredakteur Thomas Musch, mit dem ich die Freude habe, seit bald 30 Jahren befreundet zu sein, schreibt darin den Erfahrungsbericht eines alternden Mannes, der sich erstmals in seinem Leben einer solchen Tour aussetzt.
Mit dem Argument "der Chefredakteur des kicker spielt auch nicht in der Nationalmannschaft", hat Thomas immer wieder Erwartungen abgewiegelt, er sei ein riesen Biker. Im Gegenteil: Während wir Göppinger Freunde 2004 zum Mt. Ventoux und 2007 nach Biarritz unsere Männerträume verwirklichten, gönnte sich mein alter Pfadfinderfreund aus Leonberg-Höfingen solche Auszeiten nie. Pflichtbewußt feilte er statt dessen in München am Erfolg seines marktführenden Titels.
Ende 2009 aber hatte ich ihm das Maul wässrig genug gemacht und die Gruppe um IT-Mann Stefan Schmid (früher Süßen) fühlte sich beehrt, mit dem Autor ihrer wichtigsten Freizeitlektüre Europas schönste Pässe zu fahren. In mühseliger Kleinarbeit hatten Otto Hammerich (Technik) und Mitfahrer Thomas Mürder das Filmmaterial von drei Kameras auf einen 70-Minuten-Film verdichtet, den wir am 26. März im Göppinger Staufenkino präsentierten. Und nun folgt die Reportage in einer Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren. Wir sind schon Medienprofis.
Jetzt kenne ich Josef Boquoi auch
Aktuell gibt es wieder ein wunderbares Beispiel, wie sich Schutz der Persönlichkeit und öffentliches Interesse diametral gegenüber stehen können: Das Manager-Magazin hatte Bofrost-Gründer Josef Boquoi mit einem geschätzten Vermögen von 950 Millionen Euro auf Platz 92 der 100 reichsten Männer (und Frauen) Deutschlands gesetzt. Der langjährige Chef der Tiefkühlkette hatte dagegen geklagt.
Seine Gründe: Er sei eine Privatperson, müsse nun Erpresser fürchten und das Vermögen sei übertrieben hoch geschätzt. Sein Anwalt Christian Schertz bestreitet zudem die öffentliche Relevanz dieser Liste, weil es um Voyerismus und Neid gehe, nicht um Information. Vorsitzene Richter am Landgericht München, Thomas Steiner, bestreitet die Neugierde gar nicht. Die Gesellschaft müsse aber wissen, wo die Vermögen sind, wie diese entstanden sind und was deren Besitzer damit machen.
Auch das Manager-Magazin begründet seine regelmäßig veröffentlichte "Neidliste" damit, dass große Vermögen zugleich gesellschaftliche Macht und Einfluss bedeuten. In diesem Zusammenhang fällt aber auf, dass milliardenschwere Verlegerfamilien wie Mohn, Burda oder Augstein in diesen Hitlisten auch nie auftauchen. Boquois Anwalt machte deutlich, notfalls durch alle Instanzen bis zum BGH prozessieren zu wollen.
Ironie des Streits um die Pressefreiheit: Nun muss der Unternehmer beweisen, dass die zitierten 950 Millionen nicht stimmen und eine eigene Berechnung seines Vermögens vorlegen, die ihn dann maximal auf Platz 101 bringen würde, der nicht mehr zitiert wird. Den Vergleich des Vorsitzenden Richters, Boquois Vermögen auf 600 Millionen zu taxieren, lehnte dessen Anwalt ab.
So wird uns der Multimillionär also noch lange in den Schlagzeilen erhalten bleiben. Mit seiner Klage hat es nun der Bofrost-Gründer, der mir zuvor namentlich nicht bekannt war, sogar bis in mein Bewußtsein und auf meinen Blog geschafft. Zudem steht er wie ein Trottel da, weil nun alle seine Vermögensverhältnisse kennen. Ein Beispiel mehr, weshalb ich für radikale Transparenz plädiere. Gerade in der Pressearbeit.
Jüngste Kinder sind gute Netzwerker
Fragen Sie sich manchmal auch, warum Sie sind wie Sie sind? Und von wem Sie welches Talent und welche Schwäche haben? Besonders reizvoll macht solche Analysen, wenn man viele Geschwister, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen und eigene Kinder hat, weil man dann aus dem Genpool mehr sieht. Und auch besser sieht, welche Werte in der Erziehung und im sozialen Umfeld besonders prägend (evtl. auch besonders hinderlich) waren.
Am dankbarsten bin ich meinen Eltern für meine vier Geschwister (auf dem Foto rechts und links von mir mit unserer verwitweten Mutter im Sommer 2010), die mir wiederum je zwei Schwägerinnen und zwei Schwager sowie elf Nichten und Neffen, darunter mein Patenkind, beschert haben. Durch die Vielzahl an Geschwistern lassen sich auch die Positionen schön ausdifferenzieren. Heißt in meinem Fall, dass als Jüngster von fünf gleich vier ältere Geschwister "über" mir stehen bzw. eben einfach schon da waren und Raum in Anspruch nahmen.
Nun habe ich - mal wieder in einer Zeitung (!!!) - gelesen, dass jüngste Kinder die geborenen Netzwerker sind, die über viele Kontakte verfügen und kommunikationsstark sind. Aha, trifft ja wohl zumindest in meinem Fall zu. Und was weiß die Forschung sonst so? Von den Ältesten gibt es die meisten Fotos, weil die Eltern da noch alles knipsen. Der Älteste will auch brav sein und alles Recht machen, während der Zweite schon trickreich ist, um gegen den Ersten anzukommen. Die Zweiten gelten als Konfliktlöser mit angenehmem und indirektem Führungsstil.
Und während Einzelkinder gut mit älteren und jüngeren Menschen kommunizieren können, werden Dritte gerne übersehen, was zu Konflikten führt. Vierte wiederum sind den Ersten ähnlich. Auch sie besuchen gerne Vorträge und wollen mehr wissen, um die Welt zu verbessern. Tja, und über den Fünften bzw. Jüngsten haben wir ja bereits gesprochen. Für meine Leser vielleicht auch zur Erklärung: Meine Brüder Hans-Albrecht und Peter sind 15 und 13 Jahre älter als ich und als Schulleiter und Gemeindeleiter ausgeprägte (soziale) Alphatiere. Das prägt.
Mein Buchtipp bzgl. Pressearbeit
Würde ich ein Buch über Pressearbeit schreiben (auf eine Verlagsanfrage 2004 hin hatte ich schon mal begonnen, war aber gescheitert, weil ich mich nicht reduzieren konnte), es würde daher kommen wie Bernhard Kuntz' jüngstes Werk "Mit PR auf Kundenfang". Das im Business Village-Verlag erschienene Fachbuch wendet sich auf 210 Seiten schnörkellos und allgemein verständluch an Einzelkämpfer, Dienstleister und beratende Berufe.
In elf Kapiteln, die systematisch die Prozessschritte von Pressearbeit abbilden, liefert Kuntz seinen Lesern gleichermaßen praktische Arbeitshilfen, Text- und Formulierungsbeispiele, wie er das gesamte Szenario reflektiert, analysiert und sehr viel Hintergrund zur Denk- und Arbeitswelt des Redakteurs, also letztlich des Kunden, beleuchtet. Damit zeigt der frühere Objektleiter von "wirtschaft & weiterbildung" einerseits auf, wie komplex das PR-Geschäft ist, weshalb es durchaus Sinn machen kann, dieses an externe Experten zu übertragen, er stellt aber auch dar, dass es sich hier letztlich auch nur um ein erlernbares Handwerk handelt.
Persönlich gefällt mir vor allem zweierlei: Dass der Darmstädter Kollege, der sich auf Trainer spezialisiert hat, immer wieder auf den psychologischen Aspekt abhebt, wie ein Text oder ein Verhalten auf einen Redakteur wirkt oder eben nicht. Denn auch in diesem Metier geht es nicht um Zauberei oder Manipulation, sondern verlässliche Beziehungen, recherchierte Fakten und Systematik. Und: Dass sich durch die gesamten 210 Seiten durchzieht, wie man einen Expertenstatus aufbaut. Auch hier gilt nämlich, sein eigenes Terrain (räumlich wie fachlich) erst einmal zu definieren und dann systematisch zu beackern und zu bedienen.
Aus meiner Sicht hat das unterhaltsame Buch, das neben "Marketing für Trainer" (Jutta Häuser) und "Magnet-Marketing" (Alexander Christiani) für mich zu den wichtigsten Titeln gehört, wenn man die Wirkweise von Marketing begreifen und umsetzen will, nur zwei Schwächen: Mit dem Begriff des Kundenfangs im Titel assoziiert es Manipulation, worum es mir (und Kuntz) bei PR überhaupt nicht geht. Und mit 29,90 Euro, die es locker wert ist, ist es exakt zehn Euro zu teuer, um ein Bestseller zu werden. Der Preis ist psychlogisch falsch gewählt. Kaufen und lesen Sie es trotzdem. Danach können Sie beurteilen, ob eine PR-Agentur gut (oder schlecht) ist und warum.
Kunden-Profiling ist ein alter Hut
Eigentlich wollte ich heute über die "Generation Y" schreiben, die nun auf den Arbeitsmarkt kommt. Doch die Psyeudo-Medienempörung über die psychologischen Profile, die die Hamburger Sparkasse (Haspa) über ihre Kunden erstellt hat, empört wiederum mich so sehr, dass ich meine Arbeit an einer Recherche über das neue Design der Spritzgießmaschinen von Desma unterbreche.
Die Hamburger Verbraucherzentrale hatte "entsetzt", dass die Haspa ihre Kunden in sieben Typen wie "Bewahrer" oder "Abenteurer" einteilt und der NDR hatte dieses Entsetzen bekannt gemacht, so dass in ganz Deutschland Tageszeitungen und Sendeanstalten sich darüber empören konnten. Was soll der Quatsch? Denken da alle kollektiv nicht mehr mit?
Mein Kunde Peter Flume hatte mich bereits vor acht Jahren mit dem Begriff des Profiling konfrontiert. Dies war ein neues Wort für die detektivische Zielgruppenbeobachtung, um bspw. Werbemaßnahmen gezielter dosieren zu können. Die Kundenkarten vieler Handelshäuser sind nichts anderen. In der Besenwirtschaft von Josef Schönbrunn in Binswangen, wo ich vor 25 Jahren das Geld für mein Studium der Theologie finanzierte, foderte der mittlerweile 79-jährige Seniorchef, dass man bei Stammkunden auswändig weiß, welchen Wein er möchte.
Mehr noch: Mancher Stammkunde reklamierte, allmählich müsse ich doch wissen, dass er den Wein nur aus dem "großen Glas" oder "nicht aus dem Kühlschrank" wünsche. Und an der Theke klassifizierten wir die Gäste in "spendable Trinkgeldgeber", "Säufer" oder "Grabscher" - oder beides. Bei der Zeitung später klassifizierten wie notorische Leserbriefschreiber, langatmige Gemeinderäte oder eitle Vereinsvorsitzende in Kategorien wie "Klugscheißer" oder "Querulant".
Und mich nervt, bloß weil ich selbstständig bin und ein respektables Einkommen habe, ständig irgendwelche Luxus-Güter offeriert zu bekommen. Da wäre mir lieber, in der Datenbank stünde "macht sich aus Statussymbolen nichts". Mensch, Kollegen in den Redaktionen: Erinnert euch doch endlich wieder daran, dass auch ihr einen Arsch in der Hose habt und verhaltet euch kontrovers, individuell, unberechenbar und kantig.
Dieses ewige mainstreamige Aufheulen bei Stichworten wie Sarrazin oder Kundenprofiling ist einfach unseres Berufsstandes unwürdig. Ich (47) habe noch bei kantigen Redakteuren wie Jürgen-Dieter Ueckert in Heilbronn oder Richard Scheuber und Erwin Hafner in Aalen den Beruf gelernt und selbst mehrere Strafanzeigen kassiert - alles gewonnen und nebenbei die Auflage unserer Zeitung gesteigert. Denn denken und urteilen können die Leser selber.
Pressearbeit lebt von Beziehungen
Bei der Pressearbeit geht es nicht um Vetternwirtschaft, sondern um Vertrauen. Denn selbstverständlich sind PR-Berater kreativ, wenn es darum geht, erfolgreich ihre Themen in den Medien zu platzieren. Und weil angestellte Redakteure dies wissen, sollten sie eigentlich stets überprüfen, ob sie bei einer Anfrage nun mißbraucht und manipuliert werden oder ob beim zugesandten Beitrag tatsächlich der Nutzwert für den Leser im Vordergrund steht.
Viele Redaktionskontakte beginnen mit der Neugierde eines Redakteurs auf die Zusammenarbeit mit einem PR-Berater. Ist der Erstling positiv, entstehen daraus oft vertrauensvolle Beziehungen. Und weil man von denen in unserem schwierigen Markt kaum genug haben kann, gebe ich als Faustformel im Büro aus, täglich mit mindestens zehn Redakteuren bundesweit zu telefonieren.
Gestern hatte ich innerhalb von drei Telefonaten gleich zwei Volltreffer. Der Chefredakteur des "Facility Manager", dem ich ein elektrotechnisches Thema unseres Kunden Heldele anbieten wollte, fragte gleich nach "aus Göppingen rufen Sie an?", um dann erfreut mitzuteilen, er stamme aus der Stauferstadt - und der Bann war gebrochen. Zur Redaktionsleiterin des "RTS-Magazin" in Bochum, in dem unser Kunde Profilmetall eine Kundenlösung platzieren möchte, entstand die emotionale Nähe, nachdem ich ihr sagte, dass ich in Bochum ein Jahr studiert habe.
Warum ich das hier schreibe? Um Sie wissen zu lassen, dass es bei guter PR auch um viel Herzblut und Hintergrundarbeit geht. Das ist kein technokratischer Akt. Wir müssen letztlich die Redakteure und ihre Titel mögen, um für unsere Kunden erfolgreich zu sein. Blutleeres Abtelefonieren oder anonymes Mails-verschicken wären der Tod unserer Arbeit. Schon als angestellter Redakteur war mir klar, in unserem Job muss man Menschen mögen und auf sie neugierig sein, sonst kann man den Job nicht überzeugend machen.
Kooperation braucht radikale Offenheit
Es ist sicher ein Extrem und deshalb erzähle ich das Beispiel gerne: Ich hatte einen erfolgreichen Kunden, dem ich deutlich machte, dass ich möglichst alles über ihn und sein Unternehmen wissen müsse, um für ihn arbeiten und ihn richtig positionieren zu können. Daraufhin sagte er, er wisse nicht, ob es wichtig sei, aber er habe in jungen Jahren im Rahmen einer Schlägerei einen Kontrahenten so unglücklich erschwischt, dass dieser an den Folgen seines Sturzes starb. Mein Kunde hatte deshalb sogar im Knast gesessen.
Trotz vieler Veröffentlichungen für ihn spielte dieses Detail aus seiner Biographie keine Rolle für unsere Arbeit. Und wenn, hätten wir reagieren können. Aber zum einen schuf es ein enormes Vertrauen zwischen uns, zum anderen war dies deutlich besser als der Kunde aus dem Badischen, der mir eine Insolvenz Jahre zuvor verschwieg. Als mich ein Redakteur darauf ansprach und kalt erwischte, kündigte ich diesem Unternehmer die Kooperation.
Ähnlich wäre es, wenn ich Redakteuren einen Unternehmer als Patrioten anbiete und damit womöglich in einen renommierten Titel bringe und aufmerksame Leser die Redaktion hinterher darauf aufmerksam machen, dass der Unternehmer überwiegend in Marokko oder Indien produzieren lässt. Erstens ist es besser, der Kunde sagt mir das vorher und wir sehen dann, ob und wie wir diese Tatsache thematisieren. Und zweitens geht es letztlich um meinen guten Ruf bei den Redakteuren. Denn wenn diese mir nicht mehr vertrauen (können), haben mein ganzes Beratungs-Know-how und Redaktions-Netzwerk kaum mehr einen Wert.
Warum ich das schreibe? Weil diese Frage des Vertrauens sich bei fast jedem Neukunden stellt. Wenn aber die Kunden die Antwort auf viele meiner Fragen nur sehr verwässert oder gar nicht geben, trübt das bereits den Erfolg meiner Arbeit, weil anschließende Berichte nicht mehr so faktenreich, authentisch und kraftvoll sind. Die Redakteure drücken dann auf die Delete-Taste. Blickt man aber hinter die Blockaden, sind es oft "Banalitäten": Der Kunde hat beispielsweise nicht studiert, ist mal irgendwo gefeuert worden oder hat einen Rechtsstreit verloren.
Wenn er aber wahrheitsgetreu mir die alle Fakten anvertraut statt selbst bereits in seinem Kopf zu zensieren, finden wir oft eine sehr gute Lösung. Manchmal machen wir sogar aus dem Defizit ein Alleinstellungsmerkmal. Dann heben wir ganz bewußt darauf ab, dass der Unternehmer "nur" Hauptschulabschluß hat, eine Insolvenz hinter sich hat - oder einen Burn-out. Denn auch Unternehmer sind Menschen. Und um im Einführungsbeispiel zu bleiben: Der Unternehmer hatte seine Haftstrafe verbüßt. Wo ist das Problem?
Einem diesbezüglich zweifelnden Kunden sagte ich jüngst: Und wenn ein Kunde, der über mich auch all meine Tiefpunkte kennt, genau deshalb nicht mit mir arbeiten will, so will ich auch nicht für ihn arbeiten. Denn so jemand hat keinen richtig guten PR-Berater "verdient". Denn ein solcher bin ich nachgewiesermaßen, auch wenn ich in der 6. Klsse sitzen geblieben bin, geschieden bin, in der Flensburger Verkehrssünderkartei Punkte habe und einiges mehr. Rufen Sie also an, wenn Sie nun glauben, wir könnten zueinander passen, Tel. 07161/918942. Bis bald!
Deutsche Steuerpolitik und Göppinger Honorare
Gegenüber dem Vorjahr hat unsere Agentur im 1. Halbjahr den Umsatz um 20.000 auf 170.000 Euro gesteigert. Das hat unserem GbR-Trio gestern der Steuerberater dargelegt. Damit haben wir das Limit der Selbstausbeutung aber allmählich erreicht, weshalb wir schon länger darüber nachdenken, einen Volontär auszubilden oder einen Redakteur einzustellen. Denn interessante und anspruchsvolle Arbeit ist in unserer Agentur genug vorhanden.
So hatte ich unseren Steuerberater gebeten auszurechnen, was uns ein Volontär jährlich kostet, der monatlich netto 1700 Euro verdient. Das Ergebnis: 40.000 Euro. Kommen dann noch allgemeine Büro- und Fahrtkosten hinzu, liegen wir bei 45.000 Euro. Sollen dann der Betreuungs-, Akquisitionsaufwand und das Risiko der Agentur noch berücksichtigt werden, muss der Volontär jährlich 90.000 Euro Umsatz "machen", damit sich der Aufwand für uns drei GbR-Partner lohnt.
Denn auf die 45.000 Euro Mehrumsatz entfallen 43 Prozent Spitzensteuersatz. Und was übrig bleibt, wird unter uns drei Partnern verteilt. Fazit: Ein sozialversicherungspflichtig beschäftigter Volontär muss fast soviel Umsatz bringen wie ein GbR-Partner mit zehn Jahren Berufserfahrung als Wirtschaftsredakteur. Und dann hat dieser noch 40-Stunden-Woche und 28 Tage Urlaub im Jahr. Rahmenkonditionen, die in unserer Agentur bislang niemand hat.
Das Beispiel zeigt dramatisch, wie leistungsfeindlich unsere Arbeitswelt längst geworden ist und wie sehr die Rahmenbedingungen unsere Euphorie bremsen, etwas zu bewegen. Denn umgekehrt spüren wir bei unseren mittelständischen Kunden eine Preissensibilität, die nur wenig Spielraum für Honorare lässt, die 20 und mehr Prozent höher liegen. Und nur dann könnten wir einen Redakteur beschäftigen, der bspw. 3000 Euro im Monat verdient.
Machen wir also vorerst weiter mit der Selbstausbeutung. Schließlich finden wir viel Freude und Sinn in der Arbeit und haben stets das Bewußtsein, freie Männer zu sein, die niemandem nach dem Mund reden müssen. Ein Privileg, das wir ebenso zu schätzen wissen, wie die Gewissheit, von unseren Kunden gebraucht zu werden, weil wir ihnen einen echten Mehrwert bieten. Weil man unseren Idealismus aber nicht zum Maßstab für Standortpolitik machen kann, halte ich die Diskussionen um die Garantien für Rentner für geschäftsschädigenden Populismus. Damit macht man es noch unwahrscheinlicher, dass Dienstleister wie wir abgabenpflichtige Arbeitsplätze schaffen.