leonhard fromm der medienberater

3Sep/100

“Thilo Sarrazin hat recht”

Provokation verschafft Publizität: Dieses Buch ist bereits vergriffen.Unter dieser Überschrift haben die Stuttgarter Nachrichten gestern ein großes Interview mit dem CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach - gegen den Mainstream - veröffentlicht. Genützt hat es dem Bundesbank-Vorstands- und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin nichts. Seine Vorstandskollegen beschlossen gestern, dass der Provokateur gegen integrationsunwillige Ausländer seinen Posten verlieren soll, die Bundeskanzlerin begrüßt den Schritt und die meisten Medienbeobachter ohnehin.

Dass Sarrazin meiner Meinung nach im Kern Recht hat, habe ich bereits am 12. Oktober 2009 in diesem Blog unter der Headline "Sarrazin bedient Medienreflexe" geschrieben. Und tatsächlich ist sein vor drei Tagen erst erschienenes Buch "Deutschland schafft sich ab" bereits vergriffen. Erst mit diesem Buch hatte Sarrazin den Medien wieder einen Anlass gegeben, über ihn zu berichten. Und tatsächlich sprach er kantig und zitierkräftig wie gewohnt.

Nur vor diesem Hintergrund kann ich mir erklären, weshalb er sich zu einer kropfunnötigen Gen-Debatte über die kollektive Vererbung von Charaktermerkmalen vergaloppierte. Immerhin heizte diese das Interesse an seiner Person, auch als Talkshow-Gast, nochmal so richtig an. Nun dürfte wirklich auch am Desinteressiertesten nicht vorüber gegangen sein, dass der frühere Berliner Senator ein neues Buch geschrieben hat.

Frage an die Kollegen in den Redaktionen: Was soll ich nun als PR-Berater daraus lernen? Dass meine Kunden provokativen Blödsinn artikulieren sollen, damit sie redaktionell berücksichtigt werden und somit für ihre Produkte werben können? Wohl kaum. Auch Sarazzin weiß - und Bosbach spricht davon in oben zitiertem Interview - dass Ausländerintegration millionenfach funktioniert.

Das ist aber auch normal, weil es die Logik gebietet, sich anzupassen und die Sprache des Landes zu sprechen, in dem man lebt. Und immerhin bemüht sich auch die deutsche Seite und den meisten von uns wurden Gastfreundschaft und Toleranz beigebracht. Fakt aber bleibt auch, dass Integration millionenfach nicht funktioniert und Parallelgesellschaften entstehen. Warum auch immer. Ich möchte hier gar nicht ökonomisch oder gesellschaftspolitisch argumentieren, sondern human.

Denn es ist grausam, wenn Menschen zerrissen und emotional heimatlos sind. Mehr noch, wenn sie ihre Gefühle (und Blockaden) werder in der einen, noch der anderen Sprache ausdrücken können. Ich hätte mir gewünscht, Sarrazins Thesen wären in diese Richtung von "der Politik" und "den Medien" aufgegriffen worden. Denn wo ich mit Bürgern über das Thema rede, kommen genau diese Sprachdefizite, aber auch Gefühle der Überfremdung oder sogar undifferenzierte Vorurteile zu Wort. Und diese lassen sich mit Sarrazins Wegdrücken nicht den Mund verbieten, womit wir wieder beim Thema Kommunikation (und Dialog) wären.

12Okt/090

Sarrazin bedient Medienreflexe

So langweilig und weich gespült wie die meisten Politiker sind, sind es mittlerweile auch die meisten Redakteure. Man braucht nur die Überschriften über Kommentaren und Leitartikeln lesen und meist weiß man schon, was kommt. Der Meanstream, stets politisch korrekt zu sein, macht zwar nicht angreifbar, macht aber auch sonst nichts. Außer langweilen und enttäuschen. Deshalb häuft sich die Frage, ob und warum man wählen gehen soll ebenso wie die Frage, ob und warum man eine Zeitung kaufen soll.

Wie einst kantige Typen wie Franz-Josef Strauß oder Heiner Geißler mit ihren klaren Positionen überhaupt dafür sorgten, dass man über Politik diskutierte, so thematisierte bis vor kurzem Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin mit allgemein verständlichen Worten die gescheiterte Ausländerintegration. Klar sorgt es für (heimliche) Schenkelklopfer in der bürgerlichen Mitte, wenn er diagnostiziert, dass Türken und Araber "außer für den Obst- und Gemüsehandel" keine produktive Funktion hätten.

Solche holzschnittartigen Zuspitzungen haben aber deshalb ihre (psychologisch-heilsame) Berechtigung, weil wir im Alltag viel zu viele faule Kompromisse machen. Im Kindergarten erfolgen 40 Jahre nach dem Ausländerzuzug Mitteilungen noch (oder wieder) auf Türkisch, damit alle Eltern verstehen, worum es geht statt die Kindergeld-Leistung an die Forderung nach Deutschkenntnissen für Mutter und Kind zu binden. Dafür gebe es wundervolle Beispiele, zum Beispiel aus Kanada oder Dänemark, über die die Medien berichten könnten.

In Deutschland funktioniert das immer noch anders herum. Die Medien finden - vermutlich dank aufwändiger Recherche - den türkischen IT-Unternehmer mit 60 Mitarbeitern, der Sarrazin in die rechtspopulistische Ecke stellt. Die Empörung des Zentralrats der Juden über den Ex-Finanzsenator von Berlin bekommt auch einen Zweispalter in der Presse und die Kommentatoren empören sich, dass der Sozialdemokrat übers Ziel weit hinaus geschossen habe.

Am eigentlichen Thema, dass 90 Prozent aller türkischen Jugendlichen keine Lehrstelle finden und sich in ihre Subkulturen zurückziehen (man könnte auch aktiv von Abschotten sprechen), ändert sich aber gar nichts. Und statt "Ausländer" (notfalls über finanziellen Druck) aufzufordern, den halben Weg der Integration auf unsere Gesellschaft zuzugehen, maulen Sozialarbeiter und linke Politiker herum, dass "die Deutschen" nicht 100 Prozent (sondern nur 70, 80 oder 90 Prozent) auf ihre "Mitbürger mit Migrationshintergrund" zugehen.