leonhard fromm der medienberater

19Nov/112

Presserecht: Voller Name oder nicht

In der Berichterstattung über die Thüringer Neonazi-Gruppe NSU kommt immer wieder die Diskussion auf, warum die einen Medien mittlerweile den vollen Namen der Täter schreiben und deren Porträtfoto ohne verdeckte Augenpartie zeigen und andere nicht. Das Spektrum zeigt, wie auslegungsbedürftig auch das Presserecht ist, das das Verhältnis zwischen Schutz der Persönlichkeitssphäre und Recht auf Information der Öffentlichkeit regelt.

Im konkreten Fall argumentieren die Medien, die auch die Nachnamen ausschreiben damit, dass es sich um Kapitalverbrechen handele, die zudem zuvor unter den Augen der Öffentlichkeit begangen wurden. Und es würden dabei keine Persönlichkeitsrechte Dritter, z.B. Ehepartner oder Kinder, auf Schutz von deren Intimssphäre beeinträchtigt. Einfacher ist die Sache bei Kapitalverbrechen, wenn die mutmaßlichen Täter bereits gestanden haben oder die gerichtliche Anklage zugelassen wurde.

Auch ich hatte jüngst wieder ein presserechtliches Thema: Ein Kunde hatte über eine Agentur einen Prominenten gebucht, der beim Pressetermin zudem auf gewünschte Fotomotive der Presse einging. Dennoch besteht die Agentur darauf, diese Fotos freigeben zu wollen. Mein Kunde hält sich daran. Doch ich sagte ihm, dass er dies aus meiner Sicht nicht müsse, wenn die Zeit drängt (oder er keine Lust hat).

Denn der Prominte ist ohnehin eine "öffentliche Person der Zeitgeschichte" und durch seine Kooperation mit den Fotografen hat er zudem signalisiert, dass er mit der Veröfentlichung dieser Bilder einverstanden ist. Will sagen: Wer mit Profis wie uns kooperiert, gewinnt auch in Vertragsverhandlungen oder im Umgang mit Promis und deren Agenturen mehr Sicherheit.

27Jul/110

Kachelmann, der kreative Fighter

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Wie sich Jörg Kachelmann wieder in die Position des Meterologen zurückkämpft, in der der Wetterentertainer seine größten Erfolge feierte, bewundere ich sehr. Mehr noch: Als PR-Berater möchte ich ihn hier als mustergültiges Beispiel für clevere Krisen-PR thematisieren. Scheinbar unberührt von den Klischees, in die die Medien ihn wieder und wieder pressen wollen, macht er deren eigene Spielregeln der Sensationslust und des Auflagendrucks transparent. Die, die ihn vorführen wollen, führt er selbst vor.

Doch was soll ich hier groß über Kachelmanns Wortgewalt, Sprachwitz oder Intellekt fabulieren, mit dem er den meisten Redakteuren ohnehin überlegen ist: Schauen Sie einfach selbst die beiden Videos an. Das erste bei seinem ersten öffentlichen Medienauftritt vor wenigen Wochen, das zweite aktuell, wie er auf Youtube mit einfachsten Mitteln wieder das macht, was er am besten kann: Das Wetter erklären.

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Ganz nebenbei liefert sich Kachelmann derzeit in den Medien, unter anderem im Publikumstitel Stern, einen Streit mit seinem Berufskollegen Dominik Jung (den kannte ich gar nicht bis er sich in den Zusammenhang mit Kachelmann brachte! Merken Sie etwas?). Dieser wollte ihm die Fachkompetenz absprechen, nur weil er wegen des mittlerweile widerlegten Vorwurfs der Vergewaltigung mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft saß. Vom "Ex-Meteorologen Kachelmann" ist da die Rede.

Mir haben meine Eltern beigebracht, dass man nicht auf die tritt, die am Boden liegen. Ich habe aber auch in meinem (unternehmerischen) Umfeld in den vergangenen Monaten die Erfahrung gemacht, dass auch für gebildete Leute nicht entscheidend war, was ist (oder eben nicht war), sondern wie die (selbstgerechte BILD-)Zeitung darüber redet. Zwei Sätze weiter aber würde von denen jeder sagen, "haja, was in der Bild steht, darfsch eh net glaube". Aber ganz subtil hat die Dosis offenbar gewirkt.

19Jan/110

Wikileaks-Gründer betreibt Krisen-PR

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Mehr als 300.000 Viewer haben auf Youtube bereits das Interview gesehen, das Wikileaks-Gründer Julian Assange gegeben hat, um sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, die gegen ihn erhoben werden. Sogar ein PR-Team hat er laut The Sydney Morning Herald engagiert, um sein Image aufzubessern. Denn es wird ja viel über ihn und Wikileaks diskutiert, ob Geheimnisverrat gut oder schlecht ist, wo die Grenze zwischen Informationspflicht/-recht und Schutz von Interessen Dritter verläuft, wie die Konzentration auf seine Person und die Vergewaltigungsvorwürfe zu bewerten sind etc.

Was aber fast gar nicht angesprochen wird: Wie inszeniert der Mann sein Wissen? Wie verkauft er sich der Öffentlichkeit insbesondere in seiner nun denkbar schwierigen Situation? Für die einen ist er ein Held, für die anderen Staatsfeind Nummer 2, für die nächsten ein Vergewaltiger. Seine Person ist umstritten, gleichzeitig trägt er auf Grund der ihm anvertrauten Informationen eine immense Verantwortung.

Er ist grundsätzlich eher medienscheu, hat aber seit seiner Verhaftung das obige, spannende Interview gegeben und die Rechte an seiner Geschichte an einen Verlag verkauft, die im Sommer erscheinen soll. Laut eigener Aussage braucht er das Geld, um seine Anwälte zu bezahlen und nun eben auch ein PR-Team zu finanzieren. Damit bestätigt Assange meine These, dass Kommunikation und Transparenz in Krisenzeiten mindestens genauso wichtig sind wie in guten Zeiten.

Auch wie er in diesem Video über die Anschuldigungen und die Gefahren spricht, an die USA ausgeliefert zu werden oder über seine Motivation für sein Handeln (Anarchie), zeugt von einem sehr professionellen Umgang mit der Öffentlichkeit. Fazit: Der Australier weiß, dass es nichts bringt, seine Lage nicht zu kommunizieren, weiß aber auch, was er nicht sagen darf.

10Mrz/100

PR-Supergau: Missbrauch in kirchlichen Kreisen

Engagiert sich ehrenamtlich, gläubige Journalisten zu vernetzen: Der Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GkP) in Paderborn. FOTO: GRÜNER

Engagiert sich, gläubige Journalisten zu vernetzen: Der Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GkP) in Paderborn. FOTO: GRÜNER

Eigentlich hätte sich die Jahrestagung der Gesellschaft katholischer Publizisten, die vom 4. bis 6. März in Paderborn stattfand, mit der Rolle gläubiger Redakteure befassen wollen. Die Frage wäre spannend genug gewesen, ob und wie sich subjektiver Glaube und objektive Berichterstattung verbinden oder ausschließen. Die 80 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet diskutierten das Thema auch, doch überlagert wurde es von den Vorwürfen gegen Priester und kirchliche Mitarbeiter, Kinder und Jugendliche sexuell mißbraucht zu haben.

Kirchliche Pressesprecher gaben dazu interessante Einblicke und Hintergründe. Sie konnten überzeugend darlegen, dass es der überwiegenden Zahl der Verantwortungsträger tatsächlich um schonungslose Aufklärung geht, in deren Mittelpunkt die Interessen der Opfer und nicht der Schutz der Täter steht. Aber auch die Hilflosigkeit war zum Greifen, ob das nun schon alles ist, was man weiß oder ob noch viel mehr kommt.

Entscheidend sei auch hier gewesen, fair und offen mit den berichtenden Redakteuren umzugehen, nichts zu beschönigen oder auf Zeit zu spielen, sondern die eigene Scham und Betroffenheit über die Vorfälle auszudrücken. Im Wesentlichen hätten die Redakteure und ihre Medien daraufhin auch fair berichtet. Vielleicht sind dadurch auch neue Beziehungen und Wahrnehmungen entstanden.

Denn wo Ordensobere oder Bischöfe sonst allenfalls sechs, sieben ihnen meist persönlich bekannte Kirchenberichterstatter in ihren Pressekonferenzen begrüßen, saßen sie plötztlich einem Heer von 70, 80 TV- und Print-Reportern gegenüber, die mit Kameras, Mikros und Aufzeichnungsgeräten jede Silbe dokumentierten. Und mancher Titel forderte flächendeckend bei jedem Bistum und jedem Orden Listen an, auf denen die Verantwortlichen binnen Tagen mitteilen sollten, wer sich wie in den vergangenen zehn Jahren verfehlt hat.

Fazit: Die GkP-Tagung war interessant und ich konnte manchen Kontakt für meine persönliche Arbeit knüpfen. Den rund 550 Mitgliedern wären aber weitere Beitritte von Redakteuren an Tageszeitungen zu wünschen, die sich nicht explizit mit Kirche befassen, sondern Politik, Wirtschaft oder Kultur. Denn Kirche und Glaube wollen ja gerade in der Gesellschaft stattfinden und nicht in irgendwelchen Ghettos.

18Mai/092

Fakten emotionalisieren

Wenn ich in diesen Tagen nicht regelmäßig einen Blog-Eintrag schreibe, liegt dies daran, dass wir seit März bereits vier neue Premiumkunden hinzugewonnen haben und wahrlich bereits auch zuvor gut zu tun hatten. Man könnte fast sagen, wir gehören zu den Krisengewinnern, was eigentlich aber auch verständlich ist. Denn Krise bedeutet Verunsicherung. Und Kommunikation ist das wirkungsvollste Mittel, Sicherheit wieder herstellen.

So geht es aktuell nicht nur darum, Bestandskunden zu überzeugen, dass wir in der Krise nicht einfach schweigen dürfen, sondern darüber reden müsen, wie wir mit der schwierigen Lage umgehen. Oft stellt sich dann schon dabei heraus, dass wir nur über ein Minus von 30 Prozent reden müssen, wo Mitbewerber ein Minus von 50 Prozent haben. Die Folge: Mein Kunde hat offenbar bereits einiges richtig gemacht. Das macht zum einen Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden Mut, zum anderen kann dies der Anlaß für ein neues Pressethema sein.

Zu den Neukunden: Diese kennen entweder keine Krise, weil sie mit klaren Strategien ihre Konjunktur schon immer selbst gemacht haben, oder sie nutzen nun das Werkzeug Pressearbeit, um vorhandene Kapazitäten, die aktuell in der Automobilbranche brach liegen, nun in Branchen wie Windkraft, Lebensmittel, Medizintechnik oder Möbel neu auszulasten. Dazu gehen wir in entsprechende Fachtitel, um dort zu erzählen, wie die Ventzki Handling Systems GmbH oder die Heldele GmbH dort Nutzen stiften kann.

Jüngster Kunde ist nun ein hessisches 12000-Mann-Unternehmen, dem wir eine Sonderausgabe seiner Mitarbeiterzeitung bis 28.05. texten helfen. Denn auch hier geht die Geschäftsleitung in die Offensive und erklärt ihren Mitarbeitern in mehreren Sprachen, wie und wo sich die Krise konkret auf das Unternehmen und den einzelnen Mitarbeiter auswirkt und welche Pfeile das Unternehmen im Köcher hat, um mit neuen Produkten, Dienstleistungen oder Vertriebsstrategien die Krise zu meistern. Wichtig bei all der faktenorientierten Information ist mir aber auch und deshalb nenne ich mich Berater, dass die Betriebswirte und Ingenieure in den Chefetagen auch Gefühle zeigen, um ihre Mitarbeiter emotional abzuholen.

Denn mit Zahlen tricksen Politiker und Lobbyisten schon viel zu lange als dass diese verläßlich wären. In der Krise vertrauen Mitarbeiter auf die Persönlichkeit und Integrität ihrer Vorgesetzen und Konzernchefs. Und da kann eine Formulierung wie "im Augenblick weiß ich das auch noch nicht" ebenso vertrauensstiftend wirken, wie wenn der Chef sagt, "auch mir bereitet die aktuelle Situation schlaflose Nächte" oder "es tut mir leid, dass ich meinen Mitarbeitern in der Abteilung X oder dem Bereich Y derzeit nicht mehr Hoffnung machen kann." Am allerbesten aber sind Taten: Zum Beispiel der kommunizierte, echte Gehaltsverzicht, damit im Sommer Lehrlinge übernommen werden können, oder die Teilnahme an Gebetstreffen, die Betriebsseelsorger initiieren.

13Mai/090

Ortskirche braucht dringend Krisen-PR-Know-how

Der Eislinger Vierfachmord an Karfreitag im Kirchenmilieu, bei dem ein 18-Jähriger seine beiden älteren Schwestern und seine kirchlich engagierten Eltern mit seinem 19-jährigen Freund offenbar getötet hat, macht deutlich, dass Kirchenkreise in der Regel nicht auf einen solchen Medien-Gau vorbereitet sind. Betroffenheit und hohe moralische Ansprüche treffen dann auf eine neugierige Öffentlichkeit und professionelle Journalisten, die primär ihren Job machen und das unter hohem Zeitdruck. Diese Nachrichtenjäger treffen dann auf Kirchenleute, denen es um Wahrhaftigkeit und Differenzierung geht.

Deutlich wurde dies als einige Wochen nach der Tat, die Pfarrerin, zu deren Pfarrei die Familie gehörte und die alle fünf Beteiligten gekannt hatte, auch noch aktiv in eine Talkshow ging, um dort ihre differenzierte Position zu artikulieren. Die Folge war, dass sie noch mehr (Boulevard-)Rechercheure als Informantin identifizierten und noch mehr Details wissen wollten. Aber auch: Dass sie in Kirchenkreisen als Nestbeschmutzerin teils heftig (unchristlich) attackiert wurde, weil sie ein differenzierteres Bild des getöteten Vaters zeichnete, um damit die Tat des Sohnes begreiflicher zu machen.

Die Eislinger Tat zeigt, dass Kirchenkreise keine krisenfreien Inseln sind und dass pädophile Mesner, vergewaltigende Theologen oder Kirchengemeinderätinnen, die überfordert ihre Kleinkinder ertränken, schon morgen auch im eigenen Lebensumfeld Realität sein können. Deshalb kann ich solchen Führungsgremien nur dringend raten, sich auch mit solchen Themen einmal (jährlich) ruhig und sachlich zu befassen, um eine Art Checkliste und Grundregeln zu erstellen, wie man mit einer solchen Situation umgehen würde, wenn sie eintritt. Das machen erfolgreiche Firmen übrigens auch.

Zwei Grundregeln seien hier schon genannt: Es muss informiert und kommuniziert werden, weil alles andere unprofessionell, indiskutabel und naiv ist. Denn Redakteure finden immer Wege, sich Informationen zu beschaffen und lassen sich von schweigenden Pfarrern nicht ein Thema verbieten, zumal ihr Redaktionsleiter von ihnen Ergebnisse erwartet - und zwar "gute". Und: Wer seelsorgerlich mit Betroffenen in einen solchen Vorgang involviert ist, sollte nicht selbst mit den Medien sprechen, sondern nur über Dritte, bspw. den Dekan, um Intimität und kirchliche Distanz zu weltlichen Medien zu wahren. Diese Grundregel, klar kommuniziert, akzeptieren auch alle Rechercheure, wenn davon keine Ausnahmen gemacht werden.