leonhard fromm der medienberater

10Feb/122

Arbeitsumfeld: Was der Schreibtisch sagt

Stimmen mich heiter und dankbar: Die fünf Dauer-Utensilien auf meinem Schreibtisch.

Stimmen mich heiter und dankbar: Die fünf Dauer-Utensilien auf meinem Schreibtisch in der Göppinger Lutherstraße.

Wer mein Büro betritt, ist in der Regel verwundert über die meist freien Arbeitsflächen und den strukturierten Gesamteindruck. Auch für mich ist oft interessant, wie die Arbeitsplätze anderer "gestaltet" sind. Oft hängen da Fotos von Ehefrauen, gemalte Bilder von Kindern oder Medaillen von Marathons oder andere Hinweise auf sportliche Erfolge. Ich möchte heute die Insignien zeigen, die meinen Scheibtisch seit Jahren zieren.

Die Tasse ganz links und das Kästchen daneben hat meine Tochter Lea (12) in der Grundschule gestaltet. Seither dient die Tasse als Stiftehalter. Die Büroklammer-Box in der Mitte habe ich nach dem Tod meines Vaters im April 2009 von seinem Schreibtisch genommen. Da war er schon 25 Jahre weg von "Schroedel". Doch für den Darmstädter Schulbuchverlag, für den er seit meiner Geburt im Außendienst war, schlug sein Herz. Von ihm, der dieses Jahr 93 geworden wäre, habe ich wohl die gute Schreibtischkondition.

Die Ordensschwester, die "Playmobil" 2005 herausbrachte, habe ich damals spontan gekauft, nachdem ich in einem Wirtschaftsmagazin gelesen hatte, welche Auflagen manche Figuren erreichen und welche Preise sie erzielen, wenn sie sich nicht lange im Sortiment halten. Damals kaufte ich mehrere dieser Figuren, von denen ich die meisten verschenkte, um den Mut des Herstellers zu honorieren, ein solches Auslaufmodell des deutschen Katholizismus zu produzieren.

Ganz rechts steht ein gläserner Engel, den mir mal eine gute Freundin schenkte mit dem Wunsch, er möge mich stets behüten (und besänftigen). So klein und unscheinbar er ist - in seiner Symbolik ist er mir fast am wichtigsten. Der Vollständigkeit halber sage ich dazu, dass in der Weihnachtszeit (ca. 10.12. bis 10.01.) hier auch noch eine ecuadorianische Kompaktkrippe en miniature steht.

Seltsam: Eigentlich bin ich ein spröder Typ, der Nippes ablehnt. Diese kleine Symbol-Parade aber stimmt mich immer wieder dankbar - und heiter. Und was steht bei Ihnen auf dem Schreibtisch oder hängt an der Bürowand? Ihre Kommentare würden mich interessieren, wenn ich hier schon so viel Preis gebe.

27Jan/120

Es gibt Wichtigeres als sportlichen Erfolg

Klar habe ich mich geärgert über das Aus unserer Handball-Nationalmannschaft bei der EM in Serbien. Und dann las ich von der libyschen Fußball-Nationalmannschaft und deren Qualifikation für den Afrika-Cup. Denn was ich nicht wußte und worüber ich mir auch keine Gedanken gemacht hatte: Die Spieler sind oder waren Teil der Diktatur Gaddafis, die gestürzt wurde.

Und tatsächlich haben sich viele Spieler während der kritischen Phase ins Ausland abgesetzt oder sogar die Kickstiefel zeitweilig gegen Waffen eingetauscht, um den Despoten zu stürzen. Einige wurden auch verletzt oder verloren während der Revolution Angehörige. Das verändert den Blick. In den Stuttgarter Nachrichten habe ich gelesen, dass Freiheitskämpfer einen Nationalspieler nicht an die Front lassen wollten, um sein Leben nicht zu gefährden, oder ihm spontan ihre Schutzwesten überließen, um seine Unversehrheit zu gewährleisten.

Vielleicht war es diese patriotische Erfahrung von Solidarität, die die Spieler in der Qualifikation beflügelt hat. Auch mein Tag begann heute mit der Mail eines Bekannten, den ich gerne in die Presse gebracht hätte. Darin lässt er mir ausrichten, zum selber Schreiben ist er offenbar nicht mehr in der Lage, dass es andere gibt, die größere Vorbilder - und Charakterköpfe - seien als er. Und: Er habe nicht mehr lange zu leben und müsse sich nun auf das Wesentliche konzentrieren.

Das ist starker Tobak an einem Arbeitstag, den ich kurz nach 6 Uhr begann, weil scheinbar so viel Wichtiges anlag, dass ich allein schon aus innerer Unruhe ab 5 Uhr hellwach im Bett lag. Dem Bekannten schrieb ich als erstes zurück, dass ich ihm nun alles Gute wünsche auf der letzten Wegstrecke, die noch vor ihm liegt. Und mit einer anderen Haltung bin ich dann in meinen Tag - dankbar, dass ich gesund bin und zu tun habe.

25Jan/120

Filmtipp: Ziemlich beste Freunde

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Der französische Film ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Menschen verändern, wenn sie sich aufeinander einlassen. Im Kino konnte man die Kraft regelrecht spüren, die dieser Streifen vermittelt: Von den Teenies bis zu den Omas saßen die Reihen voll und bereits nach wenigen Minuten wurde die Stimmung im Auditorium ruhig und konzentriert wie selten. Freunde erzählten mir, dass in ihren Vorstellungen, egal ob Göppingen, Mühlheim oder München, Besucher beim Abspann spontan applaudierten oder noch lange gedankenversunken sitzen blieben.

Im Kern geht es im Film darum, dass ein schwarzer Kleinkrimineller die Pflege eines aristokratischen Rollstuhlfahrers übernimmt, der nicht als Pflegefall, sondern als Mann behandelt werden will. Ebenso offen geht sein neuer Pfleger an die Aufgabe heran: Er muss Geld verdienen bzw. Interesse an einem Job nachweisen, um weiter Stütze zu bekommen. Auf dieser ehrlichen Basis begegnen sich die beiden Männer.

Was pragmatisch beginnt, wird immer mehr zur Bereicherung für beide. Der Film legt schön offen, wieviele Potenziale jeder Mensch bei sich und anderen heben kann, wenn er den Schlüsel zu seinen Gefühlen (wieder-)findet. Das Geld des Reichen wird plötzlich wieder zum Mittel, neue Möglichkeiten auszuprobieren. Und der Prolet entdeckt die leisen Töne, die Muse und das Schöne.

Ein schöner Film, der Mut macht, immer wieder an das Gute im Menschen zu glauben und sich Mühe zu geben, diese Ressourcen zu heben. Er passt aber auch gut zu meiner gestaltpädagogischen Ausbildung, in der ich seit bald zwei Jahren lerne, vor allem mich besser kennenzulernen und variantenreicher in meinen Reaktions- und Verhaltensweisen zu werden. Das macht weiter, flexibler und neugieriger.

9Jan/122

Den erlösten Krieger kultivieren

Ganz neue Einsichten und Perspektiven: Der erlöste Krieger Leonhard Fromm erkundet sich in der Gruppe vor dem Spiegel. FOTO: WEISS

Ganz neue Einsichten und Perspektiven: Der erlöste Krieger Leonhard Fromm erkundet sich in der Gruppe vor dem Spiegel. FOTO: WEISS

Spannende Einsichten in psychologische Grundmuster und in mein eigenes Verhalten und meine Wirkung auf andere habe ich beim sechsten Teil meiner gestaltpädagogischen Ausbildung vorige Woche (03. bis 07.01.) im Bildungshaus Untermarchtal zum Thema "Trommeln und Masken" gewonnen. Am zweiten Tag gestalteten wir 32 Teilnehmer aus einer Fülle von Materialien individuelle Masken, mit denen wir später im Plenum je einzeln rund zehn Minuten auftraten.

In der Teilgruppe von 16 überwiegend Lehrern und Sozialarbeitern aber auch Selbstständigen hatten dann die "Zuschauer", die im Spalier saßen, an dessen oberem Ende ein Ganzkörperspiegel stand, unterschiedlichste Trommeln, mit denen sie die Bewegungen des Maskierten möglichst stimmig begleiten sollten. So wurden große Gesten und Stampfen ebenso intoniert, wie etwa das Sinnieren der Maske vor dem Spiegel oder ihr Kauern am Boden.

Anschließend reflektierte der Wiener Gestalttherapeut und Kursleiter Robert Michor mit uns das Erlebte, Gehörte und Gesehene. Gerade die Vielzahl der Auftritte, die Gestalten der Masken und der Ausdruck ihrer Träger zeigten, wie unterschiedlich die Charakteren der Teilnehmer (und der Menschen generell) sind. Dabei geht es nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht, sondern um die Fülle von Handlungs- und Präsentationsmöglichkeiten, die uns im Alltag begegnen und die natürlich viel mit Wesen und Prägung der Akteure zu tun haben.

Die vier Grundmuster der Masken oder Rollen nach C.G. Jung, so referierten die Trainer im Theorieteil, sind der König (kontrollieren), der Krieger (durchsetzen), der Magier (kreativ sein) und der Liebende (in Beziehung sein), die alle in jedem von uns angelegt sind. Je nachdem, wo in Kindheit und Vergangenheit Defizite entstanden, überwiegen einzelne Rollen oder verdrängen andere gar. Die Trainer unterscheiden auch zwischen "erlöst" und "unerlöst".

So kann der erlöste Krieger Grenzen ziehen und klar nein sagen, wo der unerlöste Krieger alles attackiert, was sich bewegt. Oder der erlöste Magier hat in seiner Kreativität den Blick auf das Machbare, während der unerlöste Magier zum Manipulator wird, der mit Menschen und deren Gefühlen spielt. Immer wieder praktische Übungen zur Selbsterfahrung und Methoden, mit denen sich die Kursteilnehmer gegenseitig Rückmeldung geben, halfen, das Gelernte in diesen vier emotional dichten Tagen zu verinnerlichen und erlöste Verhaltensweisen auszuprobieren.

30Dez/110

Künstler räumt mit der Kunst auf

Eine Bekannte aus Berlin hat mir kürzlich von Ursus Wehrli erzählt. Der Schweizer Künstler zerschneidet bspw. Drucke berühmter Künstler wie Kadinsky oder Dix und sortiert diese Bilder dann nach Farben. Durch diese Verfremdung zeigt er, wohin Ordnungssinn führt, wenn er zum Zwang wird. Ein entsprechender Kunstband seiner Arbeiten wurde offenbar zum Bestseller.

Das Beispiel zeigt, wie sich Kunst und Kreativität immer neue Bahnen brechen und Neues schaffen, was uns Menschen zum Denken und Reflektieren anregt. Spontan kam mir beim gemeinsamen Spaziergang durch ein Wohngebiet die Idee, die hier - wild durcheinander - geparkten Autos nach Farben, Marken oder Kennzeichen neu zu sortieren. Oder die Anwohner nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Beruf, politischer Gesinnung etc.

Sofort merkte ich (mal wieder), dass alle Betrachtungen eine Frage der Perspektive sind. Dass es aber auch eine Frage der Stringenz ist, neue Gesetzmäßigkeiten (Sortierkriterien) zu schaffen, wie dies bspw. Steve Jobs in der IT-Branche mit Apple gelungen ist. Es ist gut, dass Künstler wie Ursus Wehrli, Unternehmer wie Steve Jobs oder andere Provokateure uns immer wieder neue Blickwinkel zumuten. Die Botschaft: Es geht auch anders.

Das weitet den Horizont, macht staunend, ermöglicht neue Einsichten und erweitert letztlich die Handlungsklaviatur. Ich bin auch in meiner Arbeit bemüht, immer weniger das Handeln anderer zu bewerten, sondern mich eher zu wundern, dass man eben auch anders handeln, reagieren oder empfinden kann als ich es tue. So werde ich einerseits toleranter und flexibler, andererseits lerne ich immer besser, mich so zu artikulieren, dass beim anderen ankommt, was ich ihm vermitteln will.

11Nov/110

PR-Berater als Steuermann

Selbstvertrauen und Weitsicht: Mit Wonne steuert Leonhard Fromm die "Ambulant" auf der Nordsee. FOTO: Weinreich

Selbstvertrauen und Weitsicht: Mit Wonne steuert Leonhard Fromm die "Ambulant" auf der Nordsee zwischen den grünen und roten Bojen durch. FOTO: Weinreich

Vorige Woche hatte ich das Vergnügen, bei bis zu 18 Grad und strahlendem Sonnenschein, mit der "Ambulant" durch die Nordsee zu segeln. Der 1904 gebaute Zweimaster ist ein Lastensegler, der in der 70er-Jahren umgebaut wurde, so dass seither bis zu 26 Personen in den zehn Zweier- und Vierer-Kajüten Platz haben. Vor allem Jugendgruppen, Chöre, Lehrer und Sozialarbeiter nutzen das Schiff üblicherweise zur Teamentwicklung.

Denn das Leben auf engstem Raum (2 WCs, 2 Duschen, 1 Speiseraum samt Kochnische) unter teils widrigen Bedingungen (Regen, Nebel, hoher Seegang), das gemeinsame Kraftanstrengungen erfordert (Segel hissen, Anker einholen, Planen spannen), stellt den Einzelnen und die Gruppe vor neue Herausforderungen. Neudeutsch heißt das Ganze Erlebnispädagogik, weil man sich und andere in nicht alltagsüblichen Zusammenhängen erlebt.

Unsere Gruppe bestand zur Hälfte aus meiner Verwandtschaft, zur Hälfte aus Freunden meiner Geschwister. Das Alterspektrum reichte von 12 bis 71 Jahren. Initiiert hatte die Fahrt meine Schwester, die als Lehrerin diese Erfahrung 2010 mit 20 Kolleginnen auf demselben Schiff geteilt hatte und davon begeistert war. Interessant war, dass auch hier die Charakteren deutlich sichtbar wurden.

Die Alphamänner drängelten sich regelrecht bei allen Kraftarbeiten und hatten auch in der Kombüse stets lockere Sprüche auf den Lippen (während oft die anderen arbeiteten). Die Ruhigeren beobachteten die Szenerie eher und die Ängstlichen waren schon stolz, sich zu dem Tripp überhaupt angemeldet zu haben. Ich selbst genoß es, mich eher zurückzuhalten und mich in der kuscheligen Kajüte bei manchem Mittagschlaf auch bestens zu erholen.

Fasziniert war ich allerdings vom Steuern des Seglers. Und am vierten Tag bat ich den Kaptain, mich an das Ruder zu lassen. Sofort spürte ich die Verantwortung für das gesamte Schiff und bemerkte, dass man von hier hinten einen guten Überblick über sämtliche Aktivitäten an Deck hat. Und während die meisten Arbeiten an Bord Teamaufgaben sind, kann das Steuern immer nur einer übernehmen. Eine Funktion, die mich immer reizt.

Und der Eine braucht eine ruhige Hand, um nicht in Hektik zu verfallen. Denn der behäbige Zweimaster reagiert nur recht zeitverzögert, so dass es Geduld und Weitsicht braucht, das Schiff zu manövrieren. Schon nach kurzer Zeit machte sich mein Perfektionismus einen Spaß daraus, jeweils möglichst dicht an den grünen Bojen zu unserer Rechten vorbeizufahren, was Kaptain Jauke allerdings etwas nervös machte.

5Okt/110

Von Benediktinern Wirtschaften lernen

Mit großem Gewinn habe ich kürzlich Anselm Grüns Aufsatz "Das Kloster und seine Finanzen" in der Benediktiner-Zeitschrift "Erbe und Auftrag" gelesen. Deren Quartalsheft 03/2010 hatte das Thema KlosterWirtschaft. Was der Betriebswirt und Mönchspriester Grün hier über die spirituellen Aspekte der Ökonomie schreibt, trifft auch meine Motive, warum ich arbeite und meinen Kunden diene.

Der 66-Jährige nennt vier Gründe, weshalb der Mönch arbeitet: Durch den eigenen Verdienst macht er sich unabhängig. In dem er die Mühe der Arbeit erlebt, teilt er die Wahrnehmung der Menschen in seinem Umfeld. Weil ihn die Arbeit drittens fordert, kreist er nicht nur um sich selbst und schließlich dient er den Menschen durch sein tätiges Handeln.

In einem zweiten Gedankengang führt Grün aus, dass es beim Wirtschaften um die rechte Balance geht: Klöster, die zu reich waren, verarmten meist spirituell. Und die Geschichte des Ordens lehrt auch, dass Klöstern, die zu arm waren, die spirituellen Wurzeln fehlten. Der Umgang mit dem Haben schärfe den Charakter, so der Autor, weil der Mönch lernt, spielerisch mit den Dingen und der eigenen Leistung umzugehen. Denn wenn er wertend vergleicht, spaltet er bereits die Gemeinschaft.

So sieht der prominente Benediktiner, ein Kurskollege meines Freundes Albert Schmid, Abtpräses der Erzabtei St. Martin in Beuron und Schriftleiter von "Erbe und Auftrag", in der Arbeit "das entscheidende Feld, auf dem das Miteinander eingeübt werden kann. Da geht es um eine gute und klare Kommunikation, um Transparenz, um die Bereitschaft, im Team zu arbeiten, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten." Echte Gemeinschaft verlange immer auch Gütergemeinschaft.

Schmunzeln musste ich über Grüns Fazit: "An der Art und Weise, wie wir arbeiten und wirtschaften, soll Gottes Herrlichkeit sichtbar werden. Wer verbissen arbeitet, der verbreitet Aggressivität und Härte." So, deshalb mache ich jetzt eine Pause, und hole meine Tochter vom Reiten ab. Das Plaudern mit der Zwölfjährigen bringt mich regelmäßig auf andere Gedanken - und relativiert meinen Stress, den ich mir mache, damit meine Kunden mich mögen und Redakteure meine Themen aufgreifen.

1Okt/110

PUR-Keyboarder gastiert mit Backblech

Gemeinsame Mittagspause beim Gestaltpädagogikkurs in Untermarchtal: PUR-Keyboarder und -Sänger Cherry Gehring (l.) und PR-Berater Leonhard Fromm. FOTO: Ein PASSANT

Gemeinsame Mittagspause beim Gestaltpädagogikkurs in Untermarchtal: PUR-Keyboarder und -Sänger Cherry Gehring (l.) und PR-Berater Leonhard Fromm. FOTO: Ein PASSANT

Mit PUR-Keyboarder Cherry Gehring macht ein weiterer Freiberufler mit mir die gestaltpädagogische Ausbildung, über die ich bereits mehrfach in meinem Blog geschrieben habe. Was ich bis dahin nicht wußte, bei den Bietigheimern Bandmitglied zu sein, ist kein Fulltime-Job. Denn wenn keine neue CD eingespielt wird und die Band nicht auf Tournee ist, haben auch die Musiker frei, sofern sie nicht wie Hartmut Engler neue Songs komponieren oder die Band als Unternehmen managen.

So wundert es nicht, dass Cherry, der mit bürgerlichem Namen Frank heißt und im Remstal wohnt, noch diverse andere Projekte macht, von denen sein Comedy-Ensemble Backblech vermutlich das bekannteste ist. Das Trio, das vor allem die Beziehungen von Mann und Frau thematisiert und in dem Cherry selbstverständlich auch als Sänger brilliert, gastiert am Freitag, 21. Oktober, im Scala in Ludwigsburg.

Für den Abend habe ich bereits zehn Karten für mich und Freunde gebucht. Auch einige Kolleginnen aus unserem Gestaltpädagogikkurs wollen kommen. Doch keine Sorge: Der Saal fasst 400 Zuschauer. Wenn Sie also auch Cherry mal als hintergründigen und tiefsinnigen Wortakrobaten erleben (oder mich treffen) wollen, dann kommen sie einfach auch. Im Scala gilt freie Platzwahl. Wir können uns also zum Fan-Block formieren. Denn ich habe diesen liebenswerten Sänger mit dem markanten Kontertenor längst in mein Herz (!!!) gelassen.

26Sep/110

Die Verwandlung – Kinofilm zum Lernen

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Mit Ein Sommersandtraum habe ich am Samstag im Kino den skurilsten Film seit langem gesehen: Benno, ein zwanghafter, narzistischer Angestellter, bescheißt seine Kollegen und ist besonders ekelhaft zu seiner Nachbarin Sandra, die abends für einen musikalischen Auftritt probt. Was ihm zu Beginn gar nicht auffällt: Er verliert immer mehr Sand. Je mehr er lügt, desto stärker rieselt der Sand aus ihm heraus.

Mehr noch: Benno verliert an Gewicht, weil er sich mit seiner boshaften, egozentrischen Art immer mehr in Sand auflöst. Am intensivsten passiert es nachts, wenn er erotisch von Sandra träumt, die er tags über als hässlich und "völlig talentfrei" beschimpft. Allmählich dämmert dem perfektionistischen Pedanten, dass seine Selbstauflösung mit Sandra zu tun hat, die sich durch Dünen von Sand zu ihm in seine Wohnung vorkämpft, wo er im Sand fast erstickt.

Geradezu dramatisch aber erlebt der Zuschauer mit, wie Benno in seinen alten Mustern verhaftet bleibt. So wendet sich auch Sandra von ihm ab. Kurz bevor er vom Sand überschüttet ist, seine Beine sind bereits zu Sand geworden, robbt Benno mit letzter Kraft vor Sandras Tür, wo er sich zärtlich flüsternd vollends in ein Sandhäufchen auflöst. Zu spät hat er erkannt, dass nur die Liebe, die hinter die Fassade eines Menschen blicken lässt, das Dasein lebenswert macht.

Bei aller Skurilität und Absurdität ist der Film des Schweizer Regisseurs Peter Luisi gleichermaßen romantisch und lustig. Er erinnert mich im wahrsten Sinn des Wortes an meine gestaltpädagogische Ausbildung, weil hier ein Kotzbrocken die Gestalt von Sand annimmt, da er nicht rechtzeitig sein Wesen ändert. Ein Sommersandtraum ist wunderbar durchgeknallt, erinnert mich von der Handlung her an Franz Kafkas "Verwandlung" und von der Dramaturgie her an Alfred Hitchcocks "Die Vögel."

23Sep/116

Mir ist der Papst willkommen

Eigentlich wollte ich mir das Papstthema verkneifen. Aber nachdem mir nun schon mein evangelischer Freund Christian Pietig aus München den Link zu einem taz-Kommentar geschickt hat mit dem Hinweis "das wird Dir gefallen", greife ich die Kontroverse auf. Kurz: Ich freue mich, dass der Heilige Vater unser kapitalistisches Land besucht. Und: Ich glaube, angesichts der steigenden Rate psychisch Kranker (Ralf Rangnick hat nun auch Burn-out) in unserem so reichen Luxus-Land brauchen wir Erlösung. Denn wie sagt schon Margot Käßmann: "Wir fallen nicht tiefer als in Gottes Hand".

Doch statt solche spirituellen Mysterien zu begreifen, bedienen wir unsere journalistischen Reflexe. Und die gesamte TV-Talker-Fraktion quatscht seit Sonntag über nichts anderes als Homosexuelle, Kondome, sexuellen Missbrauch, (Zwangs-)Zölibat und staatliche Kosten für den Papst-Besuch. Und damit die hysterische Rechnung (Quote) aufgeht, lässt man kirchliche Würdenträger mit Römerkragen in der illustren Runde mit ehemaligen Mißbrauchsopfern, Atheisten und Homosexuellen diskutieren.

Mir fallen dazu zwei Dinge ein und das erste deckt sich mit dem taz-Kolumnisten: Klar ist Kirche all das Schlimme (und Hexenverbrennung und Kreuzzüge auch!!!), aber gerade dieser Papst und sein Vorgänger sind auch Mahner für die Bewahrung der Schöpfung (neudeutsch: Umweltschutz), Erhalt des Weltfriedens (z.B. gegen Rassismus, Ausbeutung der "Dritten Welt"), für faires Wirtschaften (Bildung statt Kinderarbeit, gerechte Löhne, keine - sexuelle - Ausbeutung der Frau etc.) und Autonomie des Menschen (weil er Ebenbild Gottes ist).

Zum zweiten: Wenn wir immer in unseren alten Klischees und vertrauten Mustern (z.B. von der bösen Kirche) bleiben, weitet sich nicht unser Horizont. Der Papstbesuch gibt uns die Chance, darauf zu schauen, was die Kirche auch ist oder sein kann: Ein Ort des Ergriffenwerdens von einer höheren Macht, die uns zumindest für Stunden zu Brüdern und Schwestern macht. Ähnliche Erfahrungen kann man bei (guten) Rockkonzerten machen, doch mangels Transzendenz hält deren Wirkung nicht an. Der Anspruch der Geschwisterlichkeit aber bleibt selbst im Streit (das ist dann Gottesferne).

Subsumieren möchte ich unter diesen Punkt die persönliche Entwicklung. Klar musste ich mich emanzipieren von den katholischen Repressalien meines Elternhauses (und hätte darüber auch psychisch kank werden können). Diese Kirche hat mir als Ministrant, in der Jugendarbeit, im Theologiestudium, bei internationalen Begegnungen, in der Kirchengemeinde und letztlich wohl auch in den Sakramenten viele Entwicklungsspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten geboten, die ich genutzt und mittlerweile auch als Unternehmer kultiviert habe.

Mir ist der alte Mann willkommen. Ich lasse seine Botschaften in mein Herz. Ich glaube, dass er Gottes Stellvertreter auf Erden ist und vermute, dass das eine sehr schwierige Aufgabe ist. Und ich halte es mit Jesus, der gesagt hat, dass nicht jede Saat aufgehen wird und mit Papst Johannes XXIII, der gesagt hat "Giovanni, nimm' Dich nicht so wichtig!"