Umsatzzahlen und Transparenz
"Andere Firmen unserer Größe nennen ihren Umsatz auch nicht" oder "Wenn unsere Kunden lesen, dass wir zwei Millionen Euro umsetzen, denke die, wir bräuchten ihre Aufträge nicht mehr." Bedenken wir diese höre ich im Dialog mit neuen Kunden fast immer. Vor allem, wenn es Betriebe mit zehn, 20 oder 30 Mitarbeitern sind. Und tatsächlich liest man über Firmen dieser Größe fast nie. Der Grund: Wer Ross und Reiter nicht nennt, langweilt.
Bei meinen Kunden liest man den Umsatz immer. Der Bäcker, der mit zwei Filialen 300.000 Euro Umsatz macht; der Dachdecker, der mit 30 Leuten auf drei Millionen kommt; oder das Ingenieurbüro, das mit zwölf Leuten 1,3 Millionen Euro umsetzt. Wir machten übrigens 2011 gut 0,5 Mio. zu fünft. Für Insider sind diese Zahlen immer schlüssig und Outsider bekommen durch Lektüre meiner Berichte mehr Wissen, was ja der Sinn des Zeitunglesens ist.
Meinen Kunden gewöhnen sich durch mein geduldiges Argumentieren ab, darüber zu spekulieren, was ein Leser denken könnte, wenn er die Fakten liest. Meine Faustformel: Lass die Fakten sprechen und überlaß dem mündigen Leser, welche Schlüsse er daraus zieht. Wenn ich bspw. lese, dass jemand täglich 500 Bretzeln verkauft, denke ich primär, die müssen gut und frisch sein. Und sollte jemand so neidisch sein, dass er denkt, dieser Bäcker verdient zuviel, soll er woanders kaufen.
In der Regel sind solche Kunden ohnehin Querulanten, die einem gute Energie rauben, die man aber braucht für das harte tägliche Business. Man muss auch die Kraft haben, schlechte Kunden loszulassen. Die binden dann die Ressourcen von Mitbewerbern (!!!). Und auch diese dürfen übrigens ruhig wissen, wie es um diesen Bäcker steht, zumal über Rendite, Eigenkapitalquote oder Mietkosten für die Filiale noch nichts gesagt ist. Was soll schlecht an Erfolg sein? Unsere Gesellschaft braucht Vorbilder.
Ich glaube - und die Erfahrungen mit bald 100 (kleineren) Kunden in mehr als zehn PR-Beraterjahren geben mir Recht - dass durch solche Artikel Leser neugierig auf die Bretzeln "meines" Bäckers werden. Das sorgt für Interesse und Nachfrage. Und wenn die Bretzel dann hält, was meine Zeilen versprechen, wird der Bäcker im Jahr darauf vielleicht 50 mehr pro Tag verkaufen oder eine dritte Filiale aufgemacht haben. Aus solchen (messbaren) Veränderungen entstehen Nachrichten.
Und: Der Bäcker verhält sich durch die öffentliche Wahrnehmung unternehmerischer und strategischer, um auch tatsächlich das nächste Ziel zu erreichen. Vielleicht wird aber auch ein Bäcker oder eine Verkäuferin auf den Handwerker aufmerksam, weil sie gelesen haben, dass bei ihm etwas vorwärtsgeht. Denn nicht alle Menschen wollen Stillstand und Dynamiker ziehen Dynamiker an. Aus dieser Ecke kann ich viele Erfolgsgeschichten erzählen. Nicht zuletzt meine eigene, die damit begann, dass ich nicht mehr in verkrusteten Strukturen arbeiten wollte, die ich nicht ändern durfte.
Was an Transparenz und Zahlen aber auch wichtig ist: Sie machen mir bundesweit (und international) gegenüber Redakteuren die Arbeit leichter. Denn aus unserem Büro erhalten sie Berichte, journalistisch verfasst, die einen Nachrichtenwert haben. Das entlastet die Redakteure, erhöht die Chance auf Veröffentlichung zum Wohl meiner Kunden und fördert das Standing unserer Agentur, mit der immer mehr Verlage vertrauensvoll kooperieren.
Filmtipp: Ziemlich beste Freunde
Der französische Film ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Menschen verändern, wenn sie sich aufeinander einlassen. Im Kino konnte man die Kraft regelrecht spüren, die dieser Streifen vermittelt: Von den Teenies bis zu den Omas saßen die Reihen voll und bereits nach wenigen Minuten wurde die Stimmung im Auditorium ruhig und konzentriert wie selten. Freunde erzählten mir, dass in ihren Vorstellungen, egal ob Göppingen, Mühlheim oder München, Besucher beim Abspann spontan applaudierten oder noch lange gedankenversunken sitzen blieben.
Im Kern geht es im Film darum, dass ein schwarzer Kleinkrimineller die Pflege eines aristokratischen Rollstuhlfahrers übernimmt, der nicht als Pflegefall, sondern als Mann behandelt werden will. Ebenso offen geht sein neuer Pfleger an die Aufgabe heran: Er muss Geld verdienen bzw. Interesse an einem Job nachweisen, um weiter Stütze zu bekommen. Auf dieser ehrlichen Basis begegnen sich die beiden Männer.
Was pragmatisch beginnt, wird immer mehr zur Bereicherung für beide. Der Film legt schön offen, wieviele Potenziale jeder Mensch bei sich und anderen heben kann, wenn er den Schlüsel zu seinen Gefühlen (wieder-)findet. Das Geld des Reichen wird plötzlich wieder zum Mittel, neue Möglichkeiten auszuprobieren. Und der Prolet entdeckt die leisen Töne, die Muse und das Schöne.
Ein schöner Film, der Mut macht, immer wieder an das Gute im Menschen zu glauben und sich Mühe zu geben, diese Ressourcen zu heben. Er passt aber auch gut zu meiner gestaltpädagogischen Ausbildung, in der ich seit bald zwei Jahren lerne, vor allem mich besser kennenzulernen und variantenreicher in meinen Reaktions- und Verhaltensweisen zu werden. Das macht weiter, flexibler und neugieriger.
Krisen-PR: Wie aus dem Nichts
Seit gestern kennen viele Leute Olaf Glaeseker. Normalerweise muss man den Sprecher des Bundespräsidenten nicht zwingend kennen. Doch seit gestern die Bild-Zeitung den Vorwurf erhoben hat, Christian Wulff habe im niedersächsischen Landtag im Februar 2010 im Kontext der Air-Berlin-Affäre womöglich nicht die Wahrheit gesagt, brennt dem Pressesprecher in Berlin der Kittel. Ein Dementi ist da letztlich zu wenig.
Im Fall von Krisen-PR gilt der eherne Grundsatz, schnell, wahrhaftig und umfassend zu reagieren. Diesen Grundsatz hat bspw. Theodor zu Guttenberg missachtet als er bzgl. seiner Doktorarbeit nicht sofort einräumte, dass viele Zitate und Passagen geklaut waren. Konkret geht es bei Wulff nun um ein zinsgünstiges Darlehen über 500.000 Euro, das ihm eine Unternehmergattin 2008 für den Kauf eines Hauses gewährt hatte.
Nachdem Wulffs in deren Villa in Florida schon 2009 Weihnachtsurlaub gemacht hatten und mit dem Unternehmerpaar ofenbar schon lange befreundet sind, hätte es zwei Stategien gegeben. Diese hätten schon am besten im Februar 2010 gefahren werden müssen als der niedersächsische Landtag den damaligen Ministerpräsidenten ausleuchtete, ob er von dem Unternehmer begünstigt werde.
Damals oder spätestens jetzt hätte Wulff in die Offensive gehen müssen und klar sagen, dass solche Urlaube und Darlehen unter Freunden üblich sind. In ganz Deutschland. Dazu hätte ich Belege aus den vergangenen Jahren präsentiert, wo der Spitzenpolitiker sich zu Gunsten des Unternehmers hätte einmischen können, es aber nicht getan hatte, weil er um die Pflicht seines Amtes wisse etc. Das Beispiel zeigt ja, dass er Widersacher hat, die er nicht befrieden kann. Nun geht es eben um das 2010 verschwiegene Darlehen, weil nicht explizit nach der Gattin gefragt worden war.
Gerade deshalb aber hat das laue Dementi nun ein Geschmäckle. Ich hätte schon 2010 pro-aktiv das Darlehen erwähnt um zweierlei zu signalisieren: Ich habe nichts zu verbergen. Und: Ihr Widersacher haltet endlich das Maul, ihr seid mir nicht gewachsen. Die zweite Strategie hätte jetzt lauten müssen: Wulff entschuldigt sich erstens sofort dafür, dass er 2010 nicht pro-aktiv das Darlehen erwähnt hat und zweitens versehentlich geglaubt habe, dass sich ein Spitzenpolitiker in privaten Angelegenheiten wie ein normaler Bürger verhalten könne.
Aber er habe die Macht der Medien und der Widersache unterschätzt. Dann entlarvt er sehr elegant, was da eigentlich läuft und präsentiert sich gleichermaßen als Opfer wie auch als jemand, der kritisch mit sich selbst umgeht. Wäre ich aber Glaeseker, ich würde von meinem Chef erwarten, dass er schon vor dem Hauskauf mit mir diskutiert, ob er ein privates Darlehen annehmen kann. Ich hätte ihm dann gesagt, unter welchen Bedingungen das geht.
Der Erfolg von Thomas Gottschalk
Ich finde schade, dass Thomas Gottschalk die Moderation von "Wetten dass....?" aufgibt. Andererseits: Wir haben auch den Abschied von Hans-Joachim Kuhlenkampf oder Rudi Carell überstanden. Es waren gerade Gottschalks Unaufgeregtheit und Authentizität, die mir an ihm so gefallen haben. Er ist immer normal geblieben. Hat gesagt, was er denkt, ohne seine Gedanken erstmal auf "political correctness" hin zu überprüfen.
Mit dieser Unaufgeregtheit scheidet er nun aus der Sendung. Seine Echtheit hat er sich bewahrt, weil er im Kern nicht vom Glamour, dem Applaus der Zuschauer oder den Reaktionen seiner Kritiker abhängt. Der frühere Ministrant will in erster Linie sich selbst treu bleiben. Das macht ihn so souverän. Geliebt werden will er von seiner Frau und seinen Kindern. Die sind sein Maßstab, nicht die Quote.
Deshalb ist er auch so schlagfertig. Er muss nicht erst abwägen oder taktieren. Er zeigt sich, wie er ist. Damit hat er ein bißchen etwas von einem Kind, wenn er zum Beispiel Dirk Nowitzki (2,13 m groß) fragt, ob er im Stehen pinkelt (und trifft?). Das interessiert doch. Ist aber eigentlich tabuisiert. Der Journalist, der beim Bayerischen Rundfunk seine Karriere begann, hat auch etwas vom Hofnarren: Der Kluge schlüpfte im Mittelalter in die Rolle des Narren, um die Wahrheit sagen zu dürfen.
Mich hat Gottschalks Moderation seit dem Ende meines Studiums durch mein Berufsleben begleitet. Dabei hat er mich stets darin bestärkt, kritisch mit mir selbst umzugehen, aber niemals mein Fähnchen nach dem Wind zu hängen. Er war auch stets ein Beispiel für Demut, wenn er ganz große Stars in seiner Sendung begrüßte. Oder nun zuletzt, wenn er in seinen Abschiedsworten vor allem den Kandidaten dankte, die mit ihren kreativen Wetten den Rahmen dafür schufen, dass er seine Spielwiese hatte, auf der er sich entfalten kann.
Auch hier erlaube ich mir den Vergleich mit dem "großen" Gottschalk: Ohne meine Kunden, die mir und meiner Arbeit vertrauen und sich darauf einlassen, könnte ich auch nicht zeigen, was ich drauf habe. Und wie Gottschalk, der gleichermaßen eine christliche Prägung (Gottes-, Menschenbild) mit einer guten journalistischen Ausbildung kombiniert hat (zensurfrei fragen und aussprechen, was dran ist), gehe ich meiner Arbeit nach. In diesem Sinn kenne ich übrigens etliche Gottschalks. Und noch etwas weiß ich: Alpha-Tiere müssen Platz machen, dass neue Talente nachwachsen. Und die kommen immer. Freuen wir uns darauf.
Kraft der Worte: Filmbeleg Anonymus
Sehr beeindruckt hat mich der jüngste Film von Erfolgsregisseur Roland Emmerich, der seit 13. Oktober im Kino läuft. Dass "Anonymus" im Mutterland der Dichter und Denker allerdings nur in ausgewählten Häusern zu sehen ist und auch dort meist nur in kleinen Sälen vor wenigen Besuchern, stimmt mich nachdenklich. Denn die Spekulation darüber, dass William Shakespeare um 1600 gar nicht existierte, ist gleichermaßen keck wie faszinierend.
Acht Jahre hat Emmerich an dem Film gearbeitet, in dem er die Geschichte des vermutlich wahren Autors der 37 Bühnenstücke wie "Hamlet" oder "Romeo und Julia" erzählt. Demnach handelte es sich um einen Adeligen, der sogar eine Affäre mit der Königin hatte (Filmfoto), der sich nach Wahrhaftigkeit und Ästhetik sehnte statt nach Macht und Erfolg. In der Tarnung von Komödien handeln seine Stücke von Hofintrigen, Inzucht und Ausbeutung des Volkes.
Entsprechend muss sich der Adelige im Hintergrund halten und seine Stücke einfachen Komödianten zuspielen, die diese dann auf den Bretterbühnen des ungebildeten Volkes aufführen. Dort dienen diese zur politischen Bildung und öffnen den Analphabeten die Augen für die wahren Zusammenhänge. Vor allem der Satz "Worte werden die Welt mehr verändern als Kanonen", bringen die Geisteshaltung des wahren Autors auf den Punkt.
Seine Überzeugung teile ich und bin deshalb stolz, Journalist geworden zu sein, der seinen Unterhalt gleichermaßen mit der Kraft der wahrhaftigen Worte verdient. Und wie Anonymus erlebe ich all die Eitelkeiten, den Neid und die Intrigen, also die vielen kleinen Geschichten, die sich unterhalb der großen Geschichten abspielen, weil mancher Akteur nur seine eigene kleine und oft armselige Geschichte sieht. Meine Zuversicht aber: Gott sieht alles, auch die wahren Autoren.
Buchtipp: “Die letzte Flucht”
Der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau, mit dessen Bruder Detlev ich gelegentlich Skat spiele, hat mit "Die letzte Flucht" einen sehr brisanten Krimi herausgebracht, der schonungslos die mafiösen Praktiken der Pharmabranche offenlegt. Faktenreich recherchiert und teils mit echten Firmennamen belegt, zeugt der sechste Krimi Schorlaus gleichermaßen von Mut und Akribie. Denn angesichts der Vorwürfe dürften die Betroffenen prozessieren, sofern sie auch nur ansatzweise eine Chance auf Erfolg sehen.
Im Kern thematisiert der jüngere Schorlau hier, was nicht zuletzt Spiegel-Redakteur Markus Grill in seinem Buch "Kranke Geschäfte - wie die Pharmaindustrie uns manipuluiert" bereits publiziert hat. Der Vorwurf: Die Hälfte der deutschen Ärzte lässt sich letztlich von den Pharmaherstellern bestechen und bonifizieren, damit sie deren Medikamente verschreiben. Das können demnach 5000 Euro und mehr im Monat sein.
Auch die Rolle des Marketings wird kritisch beleuchtet. So werden Versprechen kreiert, ein neues Medikamente verlängere das Leben von Krebspatienten um mehr als ein Jahr. Verschwiegen wird, dass bereits Vorgängerpräparate das Leben um rund zehn Monate verlängert haben - und dass die gewonnene Mehrzeit auf Grund schlimmster Nebenwirkungen für die Patienten qualvoll sei.
Im Kern, so die These des Buchs, geht es darum, den Pharmakonzernen Renditen von 30 bis 40 Prozent zu ermöglichen (zum Vergleich: Im Lebensmitteleinzelhandel liegt die Rendite teils unter einem Prozent). Schorlau transportiert die Fakten, in dem er einen Konzernboss entführen lässt, der seinem Entführer die ganze Wahrheit über seine Branche erzählt, um zu überleben. Mehr möchte ich zu dem Buch, dessen Nebenstrang sich im Lokalkollorit noch mit Stuttgart 21 befasst, nicht verraten.
Erlaubt sei mir die Anmerkung, dass der zitierte Spiegel-Redakteur Markus Grill Praktikant bei der SchwäPo in Aalen war als ich dort volontierte. Und: Grill und Schorlau für mich gute Beispiele sind, wie Journalisten Wahrheiten ans Licht bringen können statt sich mit seichtem Gelabere durch den Tag zu wursteln. Mit Jürgen Todenhöfers Afghanistan-Recherchen hatte ich im Sommer ein weiteres positives Beispiel in meinem Blog benannt.
PR-Berater als Steuermann

Selbstvertrauen und Weitsicht: Mit Wonne steuert Leonhard Fromm die "Ambulant" auf der Nordsee zwischen den grünen und roten Bojen durch. FOTO: Weinreich
Vorige Woche hatte ich das Vergnügen, bei bis zu 18 Grad und strahlendem Sonnenschein, mit der "Ambulant" durch die Nordsee zu segeln. Der 1904 gebaute Zweimaster ist ein Lastensegler, der in der 70er-Jahren umgebaut wurde, so dass seither bis zu 26 Personen in den zehn Zweier- und Vierer-Kajüten Platz haben. Vor allem Jugendgruppen, Chöre, Lehrer und Sozialarbeiter nutzen das Schiff üblicherweise zur Teamentwicklung.
Denn das Leben auf engstem Raum (2 WCs, 2 Duschen, 1 Speiseraum samt Kochnische) unter teils widrigen Bedingungen (Regen, Nebel, hoher Seegang), das gemeinsame Kraftanstrengungen erfordert (Segel hissen, Anker einholen, Planen spannen), stellt den Einzelnen und die Gruppe vor neue Herausforderungen. Neudeutsch heißt das Ganze Erlebnispädagogik, weil man sich und andere in nicht alltagsüblichen Zusammenhängen erlebt.
Unsere Gruppe bestand zur Hälfte aus meiner Verwandtschaft, zur Hälfte aus Freunden meiner Geschwister. Das Alterspektrum reichte von 12 bis 71 Jahren. Initiiert hatte die Fahrt meine Schwester, die als Lehrerin diese Erfahrung 2010 mit 20 Kolleginnen auf demselben Schiff geteilt hatte und davon begeistert war. Interessant war, dass auch hier die Charakteren deutlich sichtbar wurden.
Die Alphamänner drängelten sich regelrecht bei allen Kraftarbeiten und hatten auch in der Kombüse stets lockere Sprüche auf den Lippen (während oft die anderen arbeiteten). Die Ruhigeren beobachteten die Szenerie eher und die Ängstlichen waren schon stolz, sich zu dem Tripp überhaupt angemeldet zu haben. Ich selbst genoß es, mich eher zurückzuhalten und mich in der kuscheligen Kajüte bei manchem Mittagschlaf auch bestens zu erholen.
Fasziniert war ich allerdings vom Steuern des Seglers. Und am vierten Tag bat ich den Kaptain, mich an das Ruder zu lassen. Sofort spürte ich die Verantwortung für das gesamte Schiff und bemerkte, dass man von hier hinten einen guten Überblick über sämtliche Aktivitäten an Deck hat. Und während die meisten Arbeiten an Bord Teamaufgaben sind, kann das Steuern immer nur einer übernehmen. Eine Funktion, die mich immer reizt.
Und der Eine braucht eine ruhige Hand, um nicht in Hektik zu verfallen. Denn der behäbige Zweimaster reagiert nur recht zeitverzögert, so dass es Geduld und Weitsicht braucht, das Schiff zu manövrieren. Schon nach kurzer Zeit machte sich mein Perfektionismus einen Spaß daraus, jeweils möglichst dicht an den grünen Bojen zu unserer Rechten vorbeizufahren, was Kaptain Jauke allerdings etwas nervös machte.
Das Ende des Kapitalismus naht
Aus einer real ökonomischen Weltwirtschaft von 60 Billionen Dollar und einem täglichen Börsenumsatz von zwei Billionen Dollar hat sich eine Finanzindustrie herausentwickelt - wie ein Krebsgeschwulst, sage ich - von 200 bis 400 Billionen Dollar. Die Zahlen hat Heiner Geißler kürzlich in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten genannt. Demnach besitzen die 300 reichsten Menschen der Welt auch ebensoviel wie die drei Milliarden ärmsten, nämlich zusammen je eine Billion Dollar.
Aus diesen Missverhältnissen speist sich der Unmut, der derzeit - erfreulicherweise weltweit - in der "Occupy Wall Street"-Bewegung zum Ausdruck kommt. Nach dem konservativen Philosophen Niklas Luhmann hat nämlich nicht der Kapitalismus den Kommunismus besiegt - er hat lediglich länger überlebt. Den Beginn seiner Überwindung, so Geißler, erleben wir derzeit.
Und der 81-jährge Querdenker, der den Euro in keinster Weise gefährdet sieht, führt aus, dass die aktuelle europäische Finanzkrise dazu führen wird, dass die Euro-Länder ihren Konstruktionsfehler beheben, der darin bestand, dass eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Spielregeln, also eine einheitliche oder zentrale Regierung, ins Leben gerufen wurde. Dies werde nun unter dem Leidensdruck der Rettungsschirme und Bürgschaften nachgeholt.
Und ein Zweites führt der frühere Jesuitenschüler aus: Um als Weltgemeinschaft zu überleben, legten die politisch Verantwortlichen dem Kapitaismus als Lehre aus der aktuellen Krise Fesseln an, um ihn zu bändigen. Dies folge dem Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder ermöglicht habe. Habe sich Europa erst politisch auf seine Regierung und Standards geeinigt, könne es sich um diese soziale Marktwirtschaft und damit den Weltfrieden kümmern.
Ich halte Geißlers Position für plausibel und will alles in meiner Kraft stehende tun, dazu meinen Beitrag zu leisten. Mögen andere darüber lachen oder noch kurz versuchen, ein letztes Mal ihrem persönlichen Vorteil nachzugeben. Mein Vorbild war schon immer die Ökonomie der Benediktiner, die nachhaltig wirtschaften. Dazu hatte ich vor wenigen Wochen hier schon einmal geschrieben.
Polizeiführer Manske und die Demo-Kultur
Das Video von der Demonstration in Berlin gegen die anonyme Börsenwelt und den globalen Kapitalismus, die vor Wochen unter "Occupy Wall Street" in New York ihren Anfang nahm, möchte ich meinen Lesern unbedingt zeigen. Denn hier zeigt sich das sympathische und menschliche Anlitz unserer Gesellschaft. Die Occupy-Bewegung, die sich quer durch die internationale, bürgerliche Gesellschaft zieht, hat nämlich auch eine eigene, sehr demokratische Kommunikationskultur hervorgebracht.
Auch viele Unternehmer, die ich persönlich kenne, sind sehr verärgert darüber, dass die Finanzwelt längst nicht mehr die reale Ökonomie abbildet. Selbst Investmentbanker, die Teil dieses Börsensystems von Derivaten, Optionsscheinen und Private Equity sind, mischen sich in ihrer Mittagspause unter die Demonstranten. Für diese Protestkultur würde ich mir gerne Zeit nehmen und einmal wöchentlich nach Stuttgart fahren.
Auch Polizeiführer Manske, so legt das Video nahe, hegt Sympathie für die Protestler. Kein Wunder, ist doch auch er Teil der Gesellschaft und des Finanzsystems. Wie auch ich. Schließlich ist meine monatliche private Altersvorsorge in Form einer Lebensversicherung (Presseversorgungswerk) und einer Sparrate in Aktien- und Rentenfonds Teil der gigantischen Finanzströme, die auf der Suche nach Rendite um den Globus jagen.
Mir persönlich war dabei schon immer Werterhalt wichtiger als Rendite, weil Gier frisst Hirn (und Charakter). Und in erster Linie auch nur deshalb, weil ich im Alter niemandem Kosten verursachen möchte. So gesehen würde ich am liebsten direkt - unter Umgehung des Presseversorgungswerks und der Fonds - in Menschen (und Firmen) investieren, die dann ihrerseits im Alter mich unterstützen.
Ich mag den modernen Kapitalmarkt nicht, den ich ohnehin - trotz Bildung und rascher Auffassungsgabe - kaum mehr verstehe. Mir sind überschaubare Genossenschaften, die etwa in regenerative Energien oder Wohnbausanierung investieren, zehnmal lieber. Gottvertrauen und soziale Netzwerke geben gleichfalls viel wärmer als viel Geld in einem einsamen, von Inflationsängsten geplagten Alter. Occupy also Wall Street - ich bin dabei!
Eine Frage der Wahrhaftigkeit
Angesichts der Schuldenkrise frage ich mich, welche Erziehung meine Mitbürger, insbesondere Politiker in Deutschland und der EU, genossen haben. Meine Eltern haben mir beigebracht, maximal soviel Geld auszugeben wie ich habe. Eher sollte ich selbst verzichten und aus Solidarität mit Armen etwas spenden. Und im äußersten Fall konnte man sich auch Geld leihen, z.B. für eine Baufinanzierung. Dann war aber klar, dass die Rückzahlung oberste Priorität genießt.
Diese, meine Mentalität trifft nun auf eine internationale Schuldenkrise, in die ich letztlich mit hineingezogen werde. Und kopfschüttelnd stehe ich vor der Verantwortungslosigkeit meiner Mitbürger, letztlich gegenüber unseren Kindern. Weil Bitterkeit über diese asozialen Zustände (in Griechenland stellen jetzt schon die Bürger Bedingungen, unter denen sie evtl. bereit werden Steuern zu zahlen!!!!) die Situation nicht besser macht, erzähle ich hier eine Geschichte, die ich gelesen habe.
In ein griechisches Dorf kommt ein Tourist, um Hotelzimmer für einen anstehenden Urlaub zu inspizieren. Als Kaution für die Zimmerschlüssel hinterlegt er beim Hotelier 100 Euro. Kaum ist der Tourist auf der Etage, begleicht der Hotelier mit den 100 Euro seine Schulden beim Metzger nebenan. Dieser rennt zum Bauern und bezahlt dort seine Schulden. Der Landwirt wiederum bezahlt bei der Genossenschaft die offene Futterrechnung.
Deren Lagerist rennt zur Kneipe und bezahlt seine ausstehende Zeche. Der Wirt wiederum bezahlt, was er einer Prostituierten noch schuldet. Die Hure eilt mit den 100 Euro ins Hotel und begleicht dort ihre Außenstände fürs Zimmer. Als der Tourist eben von der Zimmerbesichtigung kommt und die Schlüssel zurückbringt, händigt der Hotelier ihm die hinterlegte Kaution wieder aus. Und alle scheinen glücklich zu sein.
So ähnlich funktioniert das internationale Banken und Finanzierungssystem. Nur, dass dabei niemand etwas produziert oder leistet. Der Denkfehler in der Geschichte: Jeder hat nicht nur Schulden in die eine Richtung, sondern auch Forderungen in die andere. Somit sind zwar in der Erzählung am Ende alle quitt, aber auch gleichermaßen arm. Der Unterschied zur Realität: Griechenland hat nur diese Schulden, denen aber keine Forderungen gegenüber stehen.
Anders würde die Situation aussehen, wenn das Land bspw. konsequent seine Steuern eintreiben würde, die Menschen bis 65 Jahre (produktiv) arbeiten - oder zumindest nicht schon mit 55 Jahren öffentliche Leistungen beziehen. Statt dessen streiken jetzt aber auch noch die, die bisher gearbeitet haben. Mit 80 Prozent ist die Immobilienbesitzerquote in Griechenland übrigens EU-weit einmalig hoch. Substanz wäre also schon da.
Weil aber niemand konsequent handelt, entstehen Schattenwirtschaften im grenznahen Bulgarien und junge Leistungsträger wie Ärzte oder Ingenieure überlegen zunehmend, ihre Zukunft im Ausland zu suchen. Deutschland gilt auf Grund der Zuwanderungsbewegung aus den 60er/70er Jahren als erste Wahl. Dieses Mal kämen aber keine Bauern, sondern Akademiker. Herzlich willkommen.