leonhard fromm der medienberater

5Jun/090

Achtung: Gefakte Beiträge in Blogs

Verdeckte Meinungsmache im Internet, wie sie Lobby Control vorige Woche bei der Bahn AG aufgedeckt hat (siehe mein Blog-Eintrag vom 29.05.), ist weiter verbreitet als Gutmenschen vermuten mögen. Die Stuttgarter Nachrichten berichten heute in einem Hintergrund auf Seite Drei davon, dass viele kleine Internetagenturen nichts anderes machen als im Auftrag Dritter diverse Identitäten anzunehmen, mit denen sie dann in Foren bloggen, chatten und bezahlte Meinung machen.

Der Beitrag geht auch auf die Ein-Prozent-Regel ein, wonach nur ein Prozent der Nutzer von Blogs und anderen Netzwerken regelmäßig und aktiv ihre Meinung einbringen. Knapp zehn Prozent surfen sporadisch auf den Seiten und geben nur gelegentlich Wertungen ab  und 90 Prozent der User sind fast ausschließlich Konsumenten, die Beiträge lesen. Im Prinzip kann ich das von meinem Blog bestätigen, muss dann aber noch die Mails und Telefonate hinzuziehen, die an mich direkt gehen, weil Leser sich nicht im Netz outen wollen.

Das Prinzip ist ähnlich wie beim Leserbriefschreiben, wo Redakteure aber auch längst die Identität der Autoren überprüfen: Denn demnach kommen auf einen Schreiber 100 Leser. Im Netz kann der Faker auch zehn Identitäten annehmen und somit in 1000 Portalen gekaufte Meinungen und lancierte Spuren hinterlassen. Amazon (Buchbesprechungen), Ebay (Scheinbieter) oder HRS (Hotelbewertung) haben deshalb längst ihre Spielregeln verschärft.

Das Gute: Das Internet ist so transparent, dass es Widersprüche und Manipulationen relativ schnell offen legt. Der Imageschaden für die dann Betroffenen, siehe Bahn, ist katastrophal. Wie hat mich schon meine Mutter gelehrt: Lügen haben kurze Beine, egal ob Zeitung oder Internet.

23Apr/090

Internet macht den Journalismus besser

Es ist grotesk: Die diesjährigen Pulitzer-Preisträger kommen zwar fast ausschließlich aus dem Printbereich, doch ihre Titel "New York Times" oder "Los Angeles Times" kämpfen allesamt ums Überleben. Den Preis für qualitätvollen Journalismus will laut Spiegel offenbar kaum mehr einer bezahlen. Um den renomierten US-Journalistenpreis dürfen sich mittlerweile auch Online-Beiträge bewerben, doch gerademal einer schaffte es in die letzte Runde.

Die versöhnliche Nachricht kommt von Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender im Axel Springer-Verlag. Seine These: Das Internet werde den Journalismus besser machen. Denn entscheidend ist letztlich nicht, WO guter Journalismus stattfindet, sondern DASS er stattfindet. "Wer versucht, mit möglichst wenig Journalismus möglichst viel Geld zu verdienen, wird scheitern", zitiert DIE WELT in ihrer heutigen Ausgabe den Verlagsboss. Deshalb liege die Zukunft in intelligenten Arbeitsabläufen und Kooperationsmodellen statt in Qualitätsabstrichen.

Nach diesem Prinzip arbeitet auch unsere Agentur. Ich fand es schon als angestellter Redakteur Verschwendung, meine Beiträge nur im eigenen Blatt zu drucken. Und als PR-Berater sah ich meinen Job weniger darin, mehr Redakteure zu Pressekonferenzen meiner Kunden zu hieven, die letztlich alle dasselbe schreiben, sondern darin, dafür zu sorgen, dass das, was mein Kunde Redakteuren gerne gesagt hätte (damit sie es sinngemäß drucken), in deren Titel zu bringen, damit es dort potentielle Kunden lesen. Ich habe mich also vom Weg emanzipiert und auf das Ziel konzentriert.

Letztlich habe ich deshalb auch mit dem Bloggen begonnen. Denn wenn die Print-Zeitungen weiter abnehmen, möchte ich mit dem, was es zu sagen gibt, in den digitalen Medien und Foren präsent sein. Axel Springer hat 2008 eigenen Angaben zufolge bereits 60 Mio. Euro Gewinn mit Online-Angeboten gemacht. Und mit Döpfner bin ich einig, dass diese Online-Angebote für den Nutzer kostenlos sein müssen, soll er sie annehmen. Dann müssen eben Firmen oder andere den Aufwand bezahlen, der dafür entsteht, dass journalistische Profis recherchieren und aktuell schreiben.

Ein Vorteil kann dann sogar sein, dass das Web mehr Platz und mehr Wissen bereithält, deutlich geringere Produktionskosten hat und mehr Möglichkeiten wie Google-Alert oder Suchfunktionen bietet. Pessimistisch macht mich das alles nicht, auch wenn ich noch aus dem Schreibmaschinenzeitalter stamme, in dem Redakteure vor allem eine breite Allgemeinbildung und ein enormes Namensgedächtnis hatten. Am Nachwuchs fasziniert mich, wie er die Technik versteht und nutzt. Es machen mal wieder die Symbiose von alt und jung und die Freude oder zumindest die Bereitschaft zu Veränderung den Erfolg aus.

22Apr/090

Digitale Medien mit intelligentem Inhalt füllen

Mit 10000 Lesern täglich gehört der Blog Netzpolitik laut Reichweitendienst Alexa zu den meist gelesenen. Der Grund: Er verbindet moderne Technik mit humanistischer Bildung. Markus Beckedahl, der den Blog betreibt und hauptberuflich die Berliner Web-Beratung Newthinking führt, prognostiziert in einem Handelsblatt-Beitrag vom 16. April, dass im bevorstehenden Bundestagswahlkampf die spannendsten Beiträge von Leuten kommen werden, die unkompliziert mit Computern umgehen können. Dazu gehört Remix. Darunter versteht man TV- und Video-Beiträge, die neu zusammngeschnitten, neu synchronisiert oder in sonstiger Weise verändert (manipuliert) werden, so dass sie Botschaften transportieren, Image prägen (positiv oder negativ) und vor allem leicht konsumierbar (und am besten noch lustig) sind. Der Berliner Weblog Spreeblick zog so bspw. 2007 Innenminister Wolfgang Schäuble mit seinem Lieblingsthema Innere Sicherheit mächtig durch den Kakau.

In Deutschland zitieren die meisten Blogs, in Summe gibt es rund 200000, noch immer Nachrichten, die allenfalls kurz kommentiert werden. In den USA oder Frankreich erzeugen Blogger dagegen selbst längst Nachrichten, in dem sie beobachten, recherchieren und interpretieren. Wenn ich gestern zum Tod meines Vaters Erinnerungen an ihn geschrieben habe, so geht dies in dieselbe Richtung. Und weil ich vor allem über seine Religiosität geschrieben habe, ist dies letztlich die digitale Fortsetzung des "Kirchenfensters", das ich 2008 als Print-Version sechsmal zusammen mit der Göppinger Lokalzeitung und deren Tochterunternehmen produziert hatte. Und wenn ich darüber schreibe, wie mein Vater seinen Glauben gelebt hat, hat dies Nachrichtenwert, zumal der Leser selbst reflektieren kann, ob ihn eine solche Katholizität anspricht und sein Leben bereichert. Egal, was gerade der Papst sagt, oder wie man persönlich zum Ortspfarrer steht.

Kantiges, also meinungsfreudiges Bloggen provoziert Widerspruch oder Zustimmung. Als gelernter Redakteur weiß ich, dass man seine Leser ernst nehmen muss und man ihnen nicht mit Worthülsen die Zeit stehlen sollte. Man kann ja froh sein für jeden Leser, den man hat, siehe Alexa-Reichweitendienst. Deshalb ist auch Kritik willkommen, weil sie letztlich Ausdruck von Wertschätzung ist. Es ist dem Leser also nicht egal, was der Autor so vor sich hintextet. Es lässt ihn nicht kalt. Deshalb sollte man zu Kritik und Angriffen Stellung beziehen. Falsche Fakten zu revidieren, bricht niemandem einen Zacken aus der Krone und eigene Positionen und Behauptungen mit weiteren Fakten und Argumenten sachlich zu untermauern, sollte möglich sein. Nachdem ich aktuell erst 30, 40 Leser täglich habe, habe ich mir zum Grundsatz gemacht: Alles, was ich in einem Seminar öffentlich sagen und worüber ich sprechen würde, taugt prinzipiell auch fürs Bloggen.

20Apr/080

Vom Sinn des Bloggens

Kaum habe ich einen Blog, da lese ich in brand eins 03/2008 "Bloggen, bis der Arzt kommt", wie gefährlich das Bloggen sei. Der Beitrag in dem unkonventionellen und deshalb so lesenswerten Wirtschaftsmagazin beginnt damit, dass zwei prominente Blogger (Marc Orchant mit 50 und Om Malik mit 41) einen Herzinfarkt hatten wegen des Termindrucks, den ihnen ihr Blog bzgl. Aktualität und Attraktivität macht. Und während ich als PR-Berater, der seine Kunden auch im Internetzeitalter optimal beraten will, eher zur Selbsterfahrung blogge, erteilt mir der Wirtschaftstitel aus Hamburg gleich die Antwort: Bei A-Bloggern "verbinden sich professionelle Leidenschaft, überdimensionales Ego und Profitstreben zu einem explosiven Gemisch." Ein bißchen fühle ich mich da schon erwischt, wobei ich mich mit "professionelle Leidenschaft" am besten identifiziere. Gute Journalisten zeichnet nun auch mal Neugierde aus!  Und wie man mit Blogs Geld verdient, muss mir mein strategischer Partner Aranex demnächst noch erklären. Mich kostet der Blog bislang vor allem Zeit. Immerhin fand ich die Zeit, den brand eins-Artikel zu Ende zu lesen. Der Autor definiert A-Blogger als solche, die mehr als 1000 Verweise auf sich haben (in welchem Zeitraum?). Solche gäbe es 2600 (in welchem Raum? bundesweit?). Auf mehr als 20 Verweise kämen noch 400000 Blogs und "der lange Schwanz", so brand eins-Autor Steffan Heuer, seien 100 Millionen Blogs mit weniger als 20 Verweisen. Auch darüber muss ich mit Aranex-Chef Reinhard Schmidt, ja, der Bruder von Harald Schmidt, sprechen, wie ich mich "vom langen Schwanz" wenigstens bis ins Mittelfeld vorarbeite. Als Journalist habe ich immerhin gelernt: Es kommt nicht mehr nur auf gute Inhalte an, sondern auch auf gute PR- und Marketingberater. Deshalb muss ich hier abschließend die Begriffe Pressearbeit und Strategie verwenden, um beim Googeln besser (oder überhaupt) gefunden zu werden, hat man mir gesagt.