leonhard fromm der medienberater

17Dez/100

Marietta Slomka: Nichts zu berichten

Seit Jahren begleitet mich der Adventskalender des Hambuerger Vereins andere Zeiten mit seinen täglichen Impulsen durch die Vorweihnachtszeit. Und oft freue ich mich schon am Vorabend (spicken ist nicht erlaubt), was wohl der nächste Tag bedenkenswertes bringt. Diesen Montag (13.12.) traf das Thema exakt mein Berufsthema. Es wurde, entnommen der Wochenzeitung "Die Zeit", ein Traum der heute-Nachrichtenmoderatorin Marietta Slomka gedruckt.

Sie träumt, das heute-journal falle aus, weil es weltweit keine schlechten Nachrichten gibt. Es gibt nichts u vermelden. Um sicher zu gehen, nichts zu verpassen, zappt die Moderatorin zu n-tv, wo das Wetter läuft, und zu N24, die eine alte Tierdokumentation senden. Schon rufen tausende Zuschauer an, wo die schlechten Konjunkturdaten und die Terroropfer blieben, weshalb das ZDF eine Sondersendung bringt "Nichts ist das Neue. Wie wir ab sofort ohne News leben müssen."

Doch RTL wird auch jetzt seinem Image gerecht und vermeldet "Ruhe vor dem Sturm: Geheimnisvoller Frieden erschüttert die Welt. Tausende eporter bald ohne Arbeit?" Und die Nachrichtenagentur dpa vermeldet "Bild hat Hinweise auf  Kollaboration von friedvollen Elementen weltweit", während die ARD-Direktoren schon ihren Programmauftrag und die Gebühren in Gefahr sehen. Und verschiedene Agenturen und Kommentatoren spekulieren und deuten. Tags darauf werden die höchsten Einschaltquoten aller Zeiten gemessen. Klar, schließlich wollte jeder dabei sein. Live. Wie mich manchmal mein eigener Berufsstand nervt. Danke, Marietta!

15Dez/100

Kantig und authentisch in die Medien

Aktuell telefoniere ich bundesweit sämtliche TV-Talk-Formate ab, um einen unserer Kunden dort als kantigen und provokativen Mittelstandsvertreter zu platzieren. Denn es müssen ja nicht immer dieselben Köpfe sein wie etwa Wolfgang Grupp (Trigema) oder Ernst Probst (Liqui Moly). Teils gibt es aber überhaupt keine Telefonnummern, damit die Redakteure, die potentielle Talker casten, in Ruhe arbeiten können. So darf man nur mailen und kann sich freuen, wenn überhaupt eine Reaktion kommt.

Der Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler bspw. hat es mit seinem Protest gegen Stuttgart21 in die Talk-Shows geschafft. Mit seinem Nein zur Untertunnelung des Bahnhofes ist er zur Marke geworden und hat dem Bürgerprotest ein Gesicht gegeben. Mit Sicherheit ist dadurch auch sein Marktwert gestiegen, weil dieser ähnlich eng mit der Bekanntheit zusammenhängt, wie bspw. mein Blog mit den täglichen Klicks.

Jon Christoph Berndt, Politologe und Journalist aus München, ermuntert Talker, profiliert ihre Meinung zu artikulieren. Denn wenn eine Persönlichkeit authentisch und werteorientiert auftritt, goutieren Zuschauer (und Leser) auch kantige Positionen. Letztlich sind sie die Würze in jedem Talk, der von kontroversen Debatten und neuen Gedanken lebt. So kommt man eventuell ins Casting - und letztlich in die Show, was Typen wie Jürgen Todenhöfer (Politikerkritik) oder Thilo Sarrazin (Ausländerkritik) mit ihren steilen Thesen belegen.

Über solche Inhalte und Botschaften, die meist über das berufliche Profil hinausgehen (Todenhöfer engagiert sich sozial in Afghanistan), machen sich die Promis zur Marke. Dieser Status gewährt ihnen dann viele Freiheiten. So hat Sarrazin letztlich nur damit überzogen, dass er mit Rassentheorien argumentierte, was nun wirklich Quatsch ist.

Viel vorsichtiger dagegen müssen sich Promis bewegen, die ihren Zenit längst überschritten haben. So muss sich eine Ingrid Steeger darauf beschränken, aus ihrem Leben als Hartz IV-Empfängerin zu berichten, sonst wird sie vom Publikum rasch als nervige Querulantin abgelehnt. Oberstes Gebot auch für Talker bleibt: Sie müssen authentisch sein.

20Sep/100

Business-Coach dreht Wirtschaftsthriller

Vor Jahren hatte ich die Idee, nach dem Vorbild der Lindenstraße eine Wirtschaftsserie zu drehen, die sich sehr stark an der Realität orientiert. Dass zum Beispiel sichtbar wird, dass Mitarbeiter Sprachen lernen müssen, weil das Unternehmen internationaler wird. Oder sich per e-Learning weiterbilden, weil dies in Summe effizienter ist. Oder warum sich Chefs auch für die Person ihrer Mitarbeiter interessieren sollten, um deren Herzen (für das gemeinsame Unternehmensziel) zu gewinnen.

Man hätte auch zeigen können, unter welchem Druck Unternehmer in Bankengesprächen stehen oder in Preisverhandlungen und wie es zu Investitionsentscheidungen kommt. Das hätte verhärtete Fronten zwischen "den Arbeitgebern, die nur reich werden wollen" und "den Arbeitnehmern, die nur an ihren Feierabend denken" lösen und gegenseitiges Verständnis wecken können, um ein echtes, lern- und wandlungsfähiges Team zu werden.

Umso erfreuter bin ich, dass mein langjähriger Kunde und Freund www.peter-flume.de nun mit anderen Trainern und Beratern einen Wirtschaftsthriller verfilmt hat, in dem die fiktive Preciso Werkzeugbau von einem US-Investor aufgekauft wird. Und dieser mischt die Führungsriege mächtig auf. Seit 13. September sind die ersten beiden von insgesamt zehn Sequenzen unter www.businesszombies.de online und wöchentlich kommt eine Folge dazu. Innerhalb einer Woche hatte die Seite bereits 3000 Zugriffe.

Mit einfachen Mitteln wird in "10 Stunden" professionell Spannung erzeugt und werden typische innerbetriebliche Mechanismen wie Flurfunk, Gerüchte und Machtspiele deutlich. Der Business-Krimi zeigt auch, in welchem Beziehungs- und Motivationsgeflecht arbeitende Menschen zueinander stehen. Neben den Dialogen geben vor allem Selbstgespräche und formulierte Gedanken tiefe Einblicke in das, was hinter der formalen Tätigkeit bei arbeitenden Menschen abläuft.

Ich bin schon sehr gespannt wie die Geschichte ausgeht und was sie uns lehrt. Am 27. Oktober diskutieren Experten wie Rhetoriktrainer Peter Flume, die schon hundertfach Change Managementprozesse in Unternehmen begleitet haben, vor dem Hintergrund des Thrillers. Auch dieses Element, das Gesehene zu reflektieren, war vor Jahren Teil meiner Idee, für die ich Unternehmer gewinnen wollte.

20Aug/100

Social Media: Buhlen um Aufmerksamkeit

Im Frühjahr hatte mich eine Studentin der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Dresden angemailt, mit der Bitte, an einer Umfrage über die Bedeutung von Social Media für PR-Agenturen teilzunehmen. Denn Karin Rösler, so ihr Name, wollte im Studiengang International Business ihre Bachelorarbeit über "Social Media als Geschäftsfeld für PR-Agenturen" schreiben.

Freundlicherweise ließ mir Karin nun das Gesamtergebnis ihrer Umfrage zukommen, an der sich offenbar 210 Agenturen beteiligt hatten. Das spricht einerseits für ihren Fleiß, andererseits aber auch für die Aussagekraft ihrer Ergebnisse - und die Konkurrenz, die in unserer Branche herrscht.

Was mir dabei runter geht wie Öl: 67 Prozent aller Agenturen nennen Public Relations, also Pressearbeit, als wichtigste Aufgabe von Social Media, gefolgt von Dialog mit potentiellen Kunden (49 %) und Monitoring (35 %), also im Internet verfolgen, was über das Unternehmen kommuniziert wird. Und wir machen ja fast ausschließlich Pressearbeit auf hohem journalistischem Niveau!

Interessant auch: Ein Viertel aller Agenturen gibt an, mittlerweile regelmäßig bis häufig bzgl. Social Media-Dienstleistungen angefragt zu werden - und zwar überwiegend von Firmen mit 51 bis 250 Mitarbeitern. Und: Drei Viertel aller Agenturen haben einen solchen Service erst seit ein bis drei Jahren im Angebot (wir zum Beispiel) und erweitern diesen ständig, zum Beispiel um Krisen-PR oder die Beschaffung von Belegen.

Da ist es nur logisch, dass die Hälfte aller Agenturen, die geantwortet haben, Social Media als wichtig bis sehr wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen einschätzen und Netzwerke wie Twitter oder Facebook, zielgruppenorientierte Blogs und Foren für deren wichtigste Instrumente erachten. Entsprechend geben 85 Prozent der Agenturen an, ihr Spektrum in diese Richtung zu erweitern.

All diese Einschätzungen kann ich nur unterstreichen und doch stelle ich parallel fest, dass etliche unserer Kunden verstärkt auf gedruckte Mitarbeiter-, Kundenzeitungen oder Newsletter setzen, um sich eben letztlich von der Fülle digitaler Informationsmöglichkeiten abzugrenzen. Und: Sie setzen dabei auf hochwertige Recherchen und journalistisch inszenierte Fotos unsererseits, um ihren potentiellen Lesern möglichst weit entgegegen zu kommen. Fazit: Beim Buhlen um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden braucht es immer mehr Feintuning in den Details. Der Aufwand steigt qualitativ (Journalismus) wie quantitativ (print + Social Media).

2Jul/090

Option auf Fernsehen elektrisiert Firmen

Der Bericht über unseren Kunden Jürgen Kurz, Geschäftsführer von tempus Consulting, in Spiegel Online wie er Ordnung, Ruhe und Transparenz auf den Schreibtischen überforderter Mitarbeiter schafft ("Volltischler"), hat einen Medienhype ausgelöst, wie auch ich ihn nur alle drei, vier Jahre hinbekomme. RTL, SAT1, ZDF, NDR und SWR möchten über den Aufräumer berichten, einschlägige Printtitel und Radiosener ohnehin - brauchen aber ein Praxisbeispiel.

Und weil kein Kurz-Kunde als Volltrottel mit Messi-Tendenz auf privaten TV-Kanälen vorgeführt werden will, zogen wir nun ein, zwei Tage alle  Register, die passenden Firmen aus unserem Umfeld zu ermitteln, die Kurz' Anforderungsprofil entsprechen, den erforderlichen Leidensdruck haben und auf Grund der jahrelangen Kooperation mit uns einen souveränen Umgang mit den Medien pflegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der eine Sender eine Firma aus Bayern will, der andere gerne eine aus der Pfalz hätte und der dritte unbedingt einen Dienstleister. Da erhält man tiefe Einblicke in die Bürokratie und Denke von TV-Machern und sei es auch nur, dass ein Filmteam nur innerhalb eines Bundeslandes drehen darf. Auf jeden Fall bringt der Hype auch uns neue Erkenntnisse und vor allem weitere Kontakte zu TV-Kollegen.

Erschreckend ist aber, wie eindimensional die Meinungsvielfalt läuft: Alle Redaktionen lesen offenbar Spiegel Online (und vielleicht noch drei, vier andere Quellen) und ziehen daraus gleichzeitig dieselben Schlüsse. So wird das Thema Aufräumen "gemacht" bis es vom nächsten Hypethema abgelöst wird, auf das sich alle stürzen. Angetreten bin ich mit meiner Agentur vor zehn Jahren eigentlich, das Spektrum bunter zu machen, damit nicht immer Reinhold Würth, Artur Fischer, Wolfgang Grupp oder Wendelin Wiedeking durch die Medien getrieben werden, wenn man über erfolgreiche Macher berichten will. Immerhin: Gelegentlich gelingt uns das ja auch und dann nützt die Medienmaschinerie uns.

25Jun/090

Soziale Netzwerke sieben neue Zielgruppen aus

Zwei Drittel aller bundesdeutschen Haushalte sind mittlerweile online. Und: Laut einer PWC-Studie sind 85 Prozent dieser Internetnutzer auch in mindestens einem sozialen Netzwerk wie Xing, StudiVZ, Linked-In oder Facebook registriert. Deshalb wächst die Bedeutung dieser digitalen Plattformen, auf denen Diät- und Urlaubstipps ebenso weiter gegeben wie Arbeitsplätze oder Projektaufträge vermittelt werden, so rasant.

Die ARD-Talkrunde Hart aber Fair hat sich gestern mit dieser Digitalisierung und dem Trend zum Exhibitionismus, auch immer mehr Privates öffentlich zu machen, befasst. Beeindruckend war dabei, wie rasch im Internet Daten über eine Person zusammen getragen werden, die oft mehr von dessen Persönlichkeit zeigen als dem Betreffenden Recht sein kann. Und: Die Gefahr, dass Fotos und Meinungen aus einem Kontext in einen anderen transportiert und dadurch manipuliert oder verfälscht werden können.

Gefährlich werden Verbraucherplattformen wie Ciao oder Internetdiskussionen auch Firmen, wenn nämlich sie und ihre Produkte oder Dienstleistungen dort thematisiert werden. "Das Produk ist überteuert" oder "Von Service kann hier keine Rede sein" sind dann Formulierungen, denen sich rasch andere User anschließen. Denn die Technik des Internets ist neutral. Sie kann, wie bei den Protesten im Iran, der Freiheit eine Stimme geben, sie kann aber auch desinformieren oder verunglimpfen.

Längst gibt es ein neues Geschäftsfeld, auf dem Agenturen kritische Fotos und Textquellen im Internet ermitteln und versuchen, den Schaden zu begrenzen. Und wo die Kritik berechtigt ist, daraus zu lernen. Längst lässt sich auch ermitteln, wer wann wielange wo ins Netz geht. Entsprechend lassen sich Netzinhalte umstellen, damit sie optimal wirken und dem Besucherwunsch entsprechen.

22Jun/090

Promi-Blogger verdient 800000 Euro

Mehr als 100 Millionen überwiegend junge und weibliche Besucher lesen monatlich, was Mario Armando Lavandeira junior unter dem Pseudonym Perez Hilton über Hollywoods Prominente in seinem 2004 gestarteten Blog schreibt. Ein Werbeeintrag auf seiner digitalen Plattform kostet angeblich eine fünfstellige Summe und sein Einkommen wird auf jährlich 800000 Dollar taxiert.

Dafür liefert er täglich Gerüchte über die Promis, die oft sehr zweifelhaft sind. So hat er laut Stuttgarter Nachrichten im August 2007 auf seinem Blog den Tod des kubanischen Präsidenten Fidel Castro verkündet. Ursprünglich versuchte sich der 31-Jährige ohne nennenswerten Erfolg als Schauspieler und Journalist. Immerhin ist er so clever, Paparazzi-Aufnahmen so zu verfremden, dass sie seiner Meinung nach nicht mehr honorarpflichtig sind.

2007 wurde er deshalb auch schon verklagt, weil die Motive, die er verwendet, hinterher auf dem Pressemarkt massiv an Wert verlieren. Und weil er vermutlich nicht nur die meistgelesene Website hat, sondern auch die meist gehasste, haben etliche Prominente nun reagiert: Sie stellen selbst Fotos und Statements von sich ins Internet, um wenigstens einen Teil des Medien- und Meinungsmarktes noch selbst steuern zu können.

2Jun/092

Generation Methusalem droht mit Starrsinn

Wenn es stimmt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht, muss man sich um die Ehen vieler Kommunalpolitiker Sorgen machen. Vermutlich nicht nur in Göppingen ist es mittlerweile die Generation Ü70, die die Zukunft mal so richtig gestalten will. Vergeblich hört man die Stimmen der Ehefrauen, die ihren Hans, ihren Rolf, den Klaus oder ihren Gerhard davon abhalten, nochmals zur Wahl anzutreten.

Die Kandidaten sind vielfach sogar so alt, dass  die Generation U30 sie nicht mal mehr aus deren Berufsleben kennt - und auch dort sind viele nicht durch Brillianz aufgefallen, sondern eher gar nicht. Es enttäuscht, dass die Vergreisung nirgendwo öffentlich thematisiert wird. Selbst jüngere Kandidaten ärgern sich nur hinter vorgehaltener Hand, dass die alten Männer nicht erkennen, dass ihre beste Zeit bereits hinter ihnen liegt.

In diesen Tagen und Wochen trifft man viele 30- bis 50-Jährige in der Stadt, die prinipiell Kommunalpolitik wichtig finden, denen aber die Zeit fehlt, sich selbst stundenlang in diese Gremien einzubringen. Und weil die alten Männer Zeit haben, drängen sie auch nicht zu mehr Zeitdisziplin oder Diskussionskultur, was dem Gremium und seinen Mitgliedern zu Ansehen und Respekt verhelfen könnte. Im Gegenteil: Die politische Kultur verkommt. Viele dieser alten Männer führen sich im Gemeinderat auf als säßen sie zuhause im eigenen Wohnzimmer. Da verkneift man sich auch die dümmste Bemerkung nicht, klopft sich auf die Schenkel und hält eine Fensterrede nach der anderen.

Diese Selbstgerechtigkeit, man engagiert sich ja schließlich ehrenamtlich und das auch noch oft seit Jahrzehnten, befremdet vor allem junge Menschen. Sie sind oft entsetzt über die schlechten Manieren, mit denen sich erwachsene Männer (und teils auch Frauen) ins Wort fallen. Mehr Selbstkritik und Demut würden den politischen (Lokal-)Akteuren gut anstehen. Schließlich gibt es zur Demokratie keine Alternative und unser Gemeinwesen ist das höchste Gut, das eine Gesellschaft hervorbringt.

Gemeinderat ist also eine Aufgabe für die Edelsten der Edlen. An diesem Anspruch sollten sich die neuen Mitglieder messen und diesen eventuell mit externer Hilfe im Rahmen einer Weiterbildung reflektieren. Dann stiftet Kommunalpolitik Gemeinschaft und politisches Interesse, egal wie alt die Gewählten sind. Denn Qualität ist keine Frage des Alters, sondern der inneren Einstellung.

5Mai/090

Rettet die Freiheit und den Fassanstich

Ist ab Donnerstag, 14. Mai, mit ihrem Bierzelt wieder beim Göppinger Maientag: Die Stuttgarter Göckeles-Festzeltwirtin Josefine Maier.

Ist ab Donnerstag, 14. Mai, mit ihrem Bierzelt wieder beim Göppinger Maientag: Die Stuttgarter Göckeles-Festzeltwirtin Josefine Maier.

Arme Filderstädter. In welcher Geisteshaltung werden die 44000 Schwaben in Flughafennähe regiert? Persönlich hätte ich ja ohnehin aus Prinzip keine OB-Kandidatin mit Doppelnamen gewählt. Das haben die Filderstädter jetzt davon: Ihre seit 8. Oktober 2007 amtierende Gabriele Dönig-Poppensieker hat nun in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten als Sofortmaßnahme gegen das Komasaufen unter jungen Leuten tatsächlich gefordert, bei Stadtfesten auf den traditionellen Faßanstich samt Freibier zu verzichten. Statt dessen solle heimischer Apfelsaft ausgeschenkt werden, um ein Zeichen gegen Jugendalkoholismus zu setzen.

Das ist typisch. Ein paar Verwirrte und von Eltern und Gesellschaft nicht Erzogene diktieren der Allgemeinheit die Regeln. Bier trinken schon die Mönche im Kloster seit Jahrhunderten. Wieso kommt dann kein Jugendlicher auf die Idee, zur Besinnung für ein paar Tage ins Kloster zu gehen? Wir könnten auch Pommes oder Schokolade verbieten, weil zuviele Kinder zu dick sind. Gut gedacht, Genossin Dönig-Poppensieker. Ihre Logik bestätigt mich einmal mehr, dass es 2005 höchste Zeit war, nach 17 Jahren aus der SPD auszutreten. Ich trinke nämlich auch gerne Bier, z.B. nach 12 Stunden Arbeit am Schreibtisch zum Vesper oder im Göckelesmaier-Festzelt auf dem Stuttgarter Wasen oder beim Göppinger Maientag. Weil das Gerstengetränk schmeckt, erfrischt und der gesamte Vorgang Lebensqualität in sich birgt.

Die spannendere Frage, liebe Gabriele Dönig-Poppensieker, ist doch, wie uns die Jugendlichen nicht nur im Trinkverhalten nachahmen, sondern in unserer gesamten Lebensgestaltung, also auch in Sachen Disziplin, Pflichtbewußtsein oder Maßhalten in allen Belangen, egal ob Konsum, Arbeit oder PC. Denn Umgang mit der eigenen Freiheit lernt man nicht durch Verbote, sondern Vorbild, Zuwendung und Kommunikation. Selbst als PR-Berater kann ich sie aber nicht loben. Denn mit der Headline "Der Fassanstich ist Alkoholverherrlichung" wollte ich meine Heimatstadt nicht überregional in den Medien sehen. Wer will denn da schon wohnen?

27Apr/090

Bereitschaft zur Konfrontation

Die Faszination an den Castingshows à la Dieter Bohlen scheint mir vor allem darin zu liegen, dass die Teilnehmer sofort glasklare Rückmeldungen bekommen, wie sie gesehen und empfunden werden.  Wir haben dasselbe früher in der katholischen Jugendarbeit trainiert. Das hilft zum einen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und eigene Stärken und Schwächen besser zu erkennen. Es hilft aber auch, sich ein Vokabular zu erarbeiten, das auf einer breiten Klaviatur Stimmungen und Nuancen differenziert auszudrücken vermag. Im Berufsalltag musste ich allerdings lernen, dass viele Mitmenschen Kritik nicht als Chance sehen, mehr über sich selbst zu erfahren, sondern als persönlichen Angriff auf sich selbst. Was für ein schwaches ICH müssen die haben!?! Entsprechend musste ich vorsichtiger und damit mittelmäßiger werden. Alternativ habe ich mich selbstständig gemacht, um mir keine schlechten Regeln aufdrücken lassen zu müssen. Denn selbst gut gemeint ist zwar eine sympathische Grundeinstellung, deshalb aber noch lange nicht gut gemacht.

Über das Wochenende las ich sowohl im Handelsblatt als auch in dem Trainermagazin Wirtschaft & Weiterbildung (05/2009) über den Managementtrainer Boris Grundl, der mir dieses Jahr mehrfach auch schon in TV-Talk-Shows begegnet ist und dessen kantige Positionen mir gut gefielen. Zur "armseligen Feedbackkultur" schreibt er:

"Schmerzhaftes wird verdrängt - um Ruhe zu haben, um geliebt zu werden. Die Menschen sehnen sich aber nach Rückmeldung, und zwar gerade junge Menschen."

Das geht mir runter wie Öl. Im Umfeld unserer neunjährigen Tochter (morgen wird sie zehn) fällt mir auf, dass Angehörige schon die kleinste Kleinigkeit ihrer Kinder überschwänglich loben. Oder dass es in der Kirche schon reicht, dass sich Kinder überhaupt rund um den Altar aufhalten. Dass ihre Körperhaltung miserabel ist, man Gottesdienstbesuchern nicht wie im Fernsehen zuwingt (dort wirkt das auch lächerlich-peinlich) oder man eine Fürbitte auch mal vorher üben kann, damit man den Satz weder stammeln noch nuscheln muss - alles Fehlanzeige. Die Kleinen sind ja so süß. Dass viele von ihnen immer dicker werden, moniert auch niemand. Die ganzen Probleme kriegen später die Chefs ab, die diese Kinder ausbilden sollen. Und viele dieser Chefs schweigen wieder, weil auch sie nicht gelernt haben, zu kritisieren und zu führen.

Am Erfolg orientierte Menschen nutzen negative Rückmeldungen als Impulse, darüber nachzudenken, was sie besser machen können. Ich hatte meinem früheren Chefredakteur Jörg Bischoff mal eine Mail geschrieben, in die ich meinen ganzen Frust über die Südwest Presse getextet hatte, die er ja führte. Seine Antwort: Auf diesem Niveau kommuniziere er nicht. Da war mir klar, dass mir meine Lebenszeit zu schade war, als dass ich sie für 14 Monatsgehälter an diese Firma verkaufe. Würde mich ein Mitarbeiter so attackieren, würde ich den Hilfeschrei hören und alles liegen und stehen lassen, um ihn anzuhören. Das ist der Unterschied zwischen Hühnern und Adlern.