leonhard fromm der medienberater

9Dez/100

PR, virales Marketing und Demokratie

Gestern hatte ich das Vergnügen, bei einem Kunden an einer Strategiesitzung teilzunehmen. Es geht um die Einführung einer Applikation für das iPad im Frühjahr, die insbesondere Führungskräfte und Selbstständige nutzen sollen. Neben mir mit am Tisch saß der Kollege, der für den Kunden das Internetmarketing macht. So bewirkte dieser Internetfreak, dass die Homepage unseres gemeinsamen Kunden in den Suchmaschinen bei allerhand Suchbegriffen sehr weit vorne gelistet wird. Clever. Respekt. Wir bewirkten bislang, dass jährlich rund 150 Redaktionen über unseren Kunden schreiben bzw. unsere Pressemitteilungen abdrucken.

Mit diesem Standing im Hintergrund schlug ich meinem Kunden vor, zu allererst eine Produktmeldung zu verfassen, in der wir seine technische Innovation vorstellen, deren Marktpotential etc. und dies an die relevanten Zielmedien geben. Dies könnten selbstverständlich auch Online-Plattformen, Blogs und Foren sein, so mein Einstieg. Der Kollege aus der digitalen Welt meinte daraufhin sofort "eine reine Produktmeldung recht keinesfalls", zog über die Arroganz der (Print-)Medien her, stimmte das Hohelied auf die demokratischen Zustände im Internet an, weil dort jeder freien Zugang habe, und entwarf das Soziogramm des edlen Bloggers, der sich niemals manipulieren lasse.

Als Gast meines Kunden wunderte ich mich schon über diese Sichtweise. Denn zum einen sprach der Kollege ständig nur davon, man müsse zunächst eine Strategie entwerfen (was sich für mich eher anhörte wie: Ohne Honorar sage ich ab sofort gar nichts mehr), zum anderen verstand ich alle weiteren seiner Wortbeiträge so, dass man die Bloggossphäre verdammt intelligent infiltrieren müsse, um in seinen Absichten nicht erkannt zu werden. Heißt: Man muss die Blogger so instrumentalisieren und manipulieren, dass sie es nicht merken. Täuschen ist also demnach erlaubt? Ein seltsames Demokratieverständnis und Arbeitsethos. Dennoch ist der Mann unbestritten interessant!

Zu dem Thema und den Fähigkeiten meines gestrigen Gegenübers passt der Bericht heute in den Medien, wonach über den neuen SLK von Mercedes auf Youtube ein Video aufgetaucht ist, das bereits mehr als 100000 Mal angeklickt wurde. Das seltsame daran: Die Promotion für den Sportwagen soll erst im Frühjahr starten. Und während man bei Mercedes offiziell von einer undichten Stelle und einem peinlichen Vorgang spricht, spekulieren Medienleute, es könne sich hier um virales Marketing handeln. Also das, was auch der Kollege bei meinem Kunden für die iPad-Applikation bereits angedacht hat.

Neu ist das alles übrigens nicht. Erst gestern habe ich einen Text freigeben über die Reutlinger Werbeagentur Apollo 11, die für ihren Kunden Magura den Werbemarkt anfixt. Dabei geht es um eine neue Bremse für Mountain-Biker aus Carbon. Gezielt waren hierfür in Blogs und Foren Vorabinformationen als exklusive Gerüchte gestreut worden, um Neugierde zu erzielen und die Innovation ins Gespräch zu bringen. Okay, ich mache schon seit 25 Jahren klassische Pressearbeit und Print-Journalismus. Überholt bin ich deshalb aber noch immer nicht. Denn im Kern geht es immer um Fakten, Transparenz und Kommunikation - nicht ums Verarschen.

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