leonhard fromm der medienberater

22Sep/110

WAZ eine Milliarde Euro Wert

Die Miteigentümerin der Essener WAZ-Zeitungsgruppe, Petra Grotkamp, will zum Preis von 500 Millionen Euro die Gründerfamilie Brost auszahlen. Laut Manager-Magazin besteht über die Eckpunkte des Deals grundsätzliche Einigkeit. Während Grotkamp eine Tochter von WAZ-Gründer Jakob Funke ist, die aktuell 16,7 Prozent Anteile am Unternehmen hält, stehen ihr auf Seiten des einstigen Mitbegründers Erich Brost mittlerweile dessen Enkel gegenüber.

Dazu muss man wissen, dass die Amerikaner 1948 nach dem Zweiten Weltkrieg Lizenzen zur Herausgabe von Zeitungen nur an zwei Demokraten gemeinsam vergaben. In der Regel musste sich ein Konservativer, z.B. von der einstigen Zentrumspartei, mit einem Sozialdemokraten zusammentun, damit die Binnenpluralität der Zeitung, sprich die Meinungsvielfalt, gewährleistet war.

Dieses Prinzip spiegelt sich in der gesamten bundesdeutschen Zeitungslandschaft wieder. Als junger Volontär und Redakteur hatte ich überall zwei Herausgeberstämme, z.B. in Aalen bei der SchwäPo Theiss und Binkowski, oder bei der NWZ in Göppingen Karl Aberle und Dr. Fritz Harzendorf. Diese Nachkriegsunternehmer waren in erster Linie Pädagogen, die mit dem Medium der Zeitung ihre Mitbürger aufklären, weiterbilden und zum demokratischen Mitbestimmen befähigen wollten.

Deren Kinder setzten in der Regel diese Tradition fort und verstanden sich nun als vierte Gewalt im Staat, die mittels investigativem Journalismus Misstände und Machtmissbrauch aufdecken wollten. Von dieser Generation habe ich mein journalistisches Handwerk gelernt. Und als studierter Theologe habe ich hier viel gelernt, weil es auch mir darum ging, Werten wie Gerechtigkeit oder Chancengleichheit "zu ihrem Recht zu verhelfen".

Die Enkelgeneration unserer Verlegen sind eher Betriebswirte. Das ist legal. Sie sehen die Zeitung als Geschäft. Seither streiten die Kollegen, ob investigativer und kostenintensiver Journalismus gut ist für dieses Geschäft. Oder ob das Geschäft mit oberflächlichen und billigen Inhalten besser geht. Und wo statt zwei Inhabern wie 1948 mittlerweile zehn und mehr Inhaber (Enkel per Erbe) mitdiskutieren, kommt meist eh nichts Vernünftiges mehr heraus. So gesehen, scheint der WAZ-Deal klug.

Und er bestätigt meine These, dass Zeitung Zukunft hat. Denn wenn Petra Grotkamp den Brosts eine halbe Milliarde Euro geben will, zeigt dies, dass sie vorhat, mit diesem Medium und seinen Aktivitäten, wozu heute meist TV, Radio, Internet, Briefservice etc. gehören, auch künftig ordentlich Geld zu verdienen. Und: Die WAZ wird dadurch wieder handlungsfähiger.

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