“Thilo Sarrazin hat recht”
Unter dieser Überschrift haben die Stuttgarter Nachrichten gestern ein großes Interview mit dem CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach - gegen den Mainstream - veröffentlicht. Genützt hat es dem Bundesbank-Vorstands- und SPD-Mitglied Thilo Sarrazin nichts. Seine Vorstandskollegen beschlossen gestern, dass der Provokateur gegen integrationsunwillige Ausländer seinen Posten verlieren soll, die Bundeskanzlerin begrüßt den Schritt und die meisten Medienbeobachter ohnehin.
Dass Sarrazin meiner Meinung nach im Kern Recht hat, habe ich bereits am 12. Oktober 2009 in diesem Blog unter der Headline "Sarrazin bedient Medienreflexe" geschrieben. Und tatsächlich ist sein vor drei Tagen erst erschienenes Buch "Deutschland schafft sich ab" bereits vergriffen. Erst mit diesem Buch hatte Sarrazin den Medien wieder einen Anlass gegeben, über ihn zu berichten. Und tatsächlich sprach er kantig und zitierkräftig wie gewohnt.
Nur vor diesem Hintergrund kann ich mir erklären, weshalb er sich zu einer kropfunnötigen Gen-Debatte über die kollektive Vererbung von Charaktermerkmalen vergaloppierte. Immerhin heizte diese das Interesse an seiner Person, auch als Talkshow-Gast, nochmal so richtig an. Nun dürfte wirklich auch am Desinteressiertesten nicht vorüber gegangen sein, dass der frühere Berliner Senator ein neues Buch geschrieben hat.
Frage an die Kollegen in den Redaktionen: Was soll ich nun als PR-Berater daraus lernen? Dass meine Kunden provokativen Blödsinn artikulieren sollen, damit sie redaktionell berücksichtigt werden und somit für ihre Produkte werben können? Wohl kaum. Auch Sarazzin weiß - und Bosbach spricht davon in oben zitiertem Interview - dass Ausländerintegration millionenfach funktioniert.
Das ist aber auch normal, weil es die Logik gebietet, sich anzupassen und die Sprache des Landes zu sprechen, in dem man lebt. Und immerhin bemüht sich auch die deutsche Seite und den meisten von uns wurden Gastfreundschaft und Toleranz beigebracht. Fakt aber bleibt auch, dass Integration millionenfach nicht funktioniert und Parallelgesellschaften entstehen. Warum auch immer. Ich möchte hier gar nicht ökonomisch oder gesellschaftspolitisch argumentieren, sondern human.
Denn es ist grausam, wenn Menschen zerrissen und emotional heimatlos sind. Mehr noch, wenn sie ihre Gefühle (und Blockaden) werder in der einen, noch der anderen Sprache ausdrücken können. Ich hätte mir gewünscht, Sarrazins Thesen wären in diese Richtung von "der Politik" und "den Medien" aufgegriffen worden. Denn wo ich mit Bürgern über das Thema rede, kommen genau diese Sprachdefizite, aber auch Gefühle der Überfremdung oder sogar undifferenzierte Vorurteile zu Wort. Und diese lassen sich mit Sarrazins Wegdrücken nicht den Mund verbieten, womit wir wieder beim Thema Kommunikation (und Dialog) wären.
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