leonhard fromm der medienberater

15Aug/110

Politisches Bewußtsein reift im Urlaub

Urlaub und politische Bildung: Todenhöfers Buch über irakische Widerstandskämpfer macht mich nachdenklich.

Urlaub und politische Bildung: Todenhöfers Buch über irakische Widerstandskämpfer macht mich nachdenklich.

Wochenlang lag Jürgen Todenhöfers Sachbuch "Warum tötest Du, Zaid?" auf dem Stapel jener Bücher, die ich lesen wollte. Nun, im Urlaub auf dem Colle all' Asino in der Toscana (04.-13.08. mit Gudrun und Lea), war es endlich so weit. Bei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad in einer von der Sonne völlig ausgedörrten Landschaft hatte ich das richtige Feeling, den Schilderungen des früheren CDU-Bundestagsmitglieds zu folgen, der beschreibt, wie er sich 2007 under cover durch die Wüste von Syrien per Taxi in den Irak aufmacht, um Widerstandskämpfer persönlich kennenzulernen.

Schnell zieht mich das Buch mit seinen rund 300 Seiten in seinen Bann, weil es zwischen persönlichen Schilderungen von Irakern, wie aus Studenten, Arbeitern oder Ingenieuren Waffenschmuggler und Terroristen werden, sehr viele Fakten transportiert und kritische Fragen stellt. Etwa danach, warum nicht westliche Journalisten auf die Weise des ehemaligen Bertelsmann-Managers verdeckt bei den Opfern des Krieges recherchieren?

So erfahre ich, dass die USA jährlich 100 Mrd. US-Dollar für die Kriege in Irak und Afghanistan ausgeben und sehe plötzlich deren Staatsverschuldung in nochmals anderem Licht. Oder die persönlichen Schilderungen von Irakern, die durch verängstigte (oder brutalisierte?) US-Soldaten eher zufällig Väter, Töchter oder andere Angehörige verlieren, verdeutlichen, wie aus Opfern Täter werden und machen bewußt, dass westliche Gewalt dort niemals zum Frieden führen kann.

Beschämt lese ich, dass die Alphabetisierungsquote bspw. in Algerien vor der Kolonialisierung bei 40 Prozent lag und bis heute auf 20 Prozent gesunken ist. Es wird mir bewußt, dass der Westen (also die Christen) 200 Jahre Gewalt im Orient (also gegen die Muslime) ausgeübt hat und selbst davor schon die Kreuzzüge diesem Prinzip folgten. Und ich glaube Todenhöfer, dass die Muslime in ihrer absoluten Mehrheit die USA und Demokratie gut finden, unser Verhalten sie aber regelrecht in eine Abgrenzung und Islamisierung drängt.

Und was mir auch auffällt: Ich bin in den vergangenen 20 Jahren nahezu unpolitisch geworden, weil mir mein Arbeitsfleiß keine Zeit mehr ließ, mich um Bildungs-, Energie-, Verkehrs- oder Friedenspolitik zu kümmern, auch weil mir die demokratischen Prozesse zu ineffizient und zu langsam schienen. Im Gegenzug aber finanziere ich mit meinen Steuern (und das dürfte nicht wenig sein) all diese faulen Kompromisse und teilweise Verbrechen an Menschen in armen Ländern oder der Umwelt.

Eine Lösung habe ich noch nicht. Aber ich habe mir dieses Moment bewußt gemacht. Und ich möchte dieses Buch und jegliche Initiative zu muslimisch-christlich-jüdischen Begegnungen jedem empfehlen. Denn wie schreibt Todenhöfer: Hätten doch die GIs und Politiker (oder wenigstens die Reporter) wenigstens einmal die Gastfreundschaft einer islamischen Familie erlebt und mit deren Angehörigen ein Gespräch über Politik, Glauben, Erziehung oder Kopftuch geführt. Wir sind doch alle Menschen, ergänze ich, die in Frieden Gemeinschaft erleben wollen.

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