Mir ist der Papst willkommen
Eigentlich wollte ich mir das Papstthema verkneifen. Aber nachdem mir nun schon mein evangelischer Freund Christian Pietig aus München den Link zu einem taz-Kommentar geschickt hat mit dem Hinweis "das wird Dir gefallen", greife ich die Kontroverse auf. Kurz: Ich freue mich, dass der Heilige Vater unser kapitalistisches Land besucht. Und: Ich glaube, angesichts der steigenden Rate psychisch Kranker (Ralf Rangnick hat nun auch Burn-out) in unserem so reichen Luxus-Land brauchen wir Erlösung. Denn wie sagt schon Margot Käßmann: "Wir fallen nicht tiefer als in Gottes Hand".
Doch statt solche spirituellen Mysterien zu begreifen, bedienen wir unsere journalistischen Reflexe. Und die gesamte TV-Talker-Fraktion quatscht seit Sonntag über nichts anderes als Homosexuelle, Kondome, sexuellen Missbrauch, (Zwangs-)Zölibat und staatliche Kosten für den Papst-Besuch. Und damit die hysterische Rechnung (Quote) aufgeht, lässt man kirchliche Würdenträger mit Römerkragen in der illustren Runde mit ehemaligen Mißbrauchsopfern, Atheisten und Homosexuellen diskutieren.
Mir fallen dazu zwei Dinge ein und das erste deckt sich mit dem taz-Kolumnisten: Klar ist Kirche all das Schlimme (und Hexenverbrennung und Kreuzzüge auch!!!), aber gerade dieser Papst und sein Vorgänger sind auch Mahner für die Bewahrung der Schöpfung (neudeutsch: Umweltschutz), Erhalt des Weltfriedens (z.B. gegen Rassismus, Ausbeutung der "Dritten Welt"), für faires Wirtschaften (Bildung statt Kinderarbeit, gerechte Löhne, keine - sexuelle - Ausbeutung der Frau etc.) und Autonomie des Menschen (weil er Ebenbild Gottes ist).
Zum zweiten: Wenn wir immer in unseren alten Klischees und vertrauten Mustern (z.B. von der bösen Kirche) bleiben, weitet sich nicht unser Horizont. Der Papstbesuch gibt uns die Chance, darauf zu schauen, was die Kirche auch ist oder sein kann: Ein Ort des Ergriffenwerdens von einer höheren Macht, die uns zumindest für Stunden zu Brüdern und Schwestern macht. Ähnliche Erfahrungen kann man bei (guten) Rockkonzerten machen, doch mangels Transzendenz hält deren Wirkung nicht an. Der Anspruch der Geschwisterlichkeit aber bleibt selbst im Streit (das ist dann Gottesferne).
Subsumieren möchte ich unter diesen Punkt die persönliche Entwicklung. Klar musste ich mich emanzipieren von den katholischen Repressalien meines Elternhauses (und hätte darüber auch psychisch kank werden können). Diese Kirche hat mir als Ministrant, in der Jugendarbeit, im Theologiestudium, bei internationalen Begegnungen, in der Kirchengemeinde und letztlich wohl auch in den Sakramenten viele Entwicklungsspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten geboten, die ich genutzt und mittlerweile auch als Unternehmer kultiviert habe.
Mir ist der alte Mann willkommen. Ich lasse seine Botschaften in mein Herz. Ich glaube, dass er Gottes Stellvertreter auf Erden ist und vermute, dass das eine sehr schwierige Aufgabe ist. Und ich halte es mit Jesus, der gesagt hat, dass nicht jede Saat aufgehen wird und mit Papst Johannes XXIII, der gesagt hat "Giovanni, nimm' Dich nicht so wichtig!"
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September 23rd, 2011
Am Donnerstag habe ich einen Kommentar auf Bayern 3 gehört, der die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die der Rede des Papstes aus Gründen der Trennung von Staat und Kirche fernbleiben als “Beckmesser” titiuliert hat. Ich habe Beckmesser im Duden nachgeschaut. Dort heißt es:
Beckmesser, (…); Kritiker, der sich an kleinen Mängeln stößt, anstatt das Ganze zu sehen
Der Institiution katholische Kirche kann man Vorwürfe machen, die weit über “kleine Mängel” hinausgehen. Dennoch täte uns mehr Bereitschaft, das große Ganze verstehen zu wollen, gut.
September 24th, 2011
Mir ist er auch willkommen und jede Institution braucht Führung und ein Handlungskonzept, auch die Kirche. Nur schade, dass die Überschrift in der Zeitung heute morgen sämtliche Hoffnung auf Aufbruch und neue gute Gesinnung in der Ökumene zunichte macht. Zitat “Papst erteilt Ökumene einen Dämpfer.”
Mir wäre die Wiederholung des Zitats “Giovanni, nimm dich nicht so wichtig” eine sympathischere Einstellung.
Wer, so wie ich, konkret an der Basis vor Ort im Kleinen arbeitet für die Kath.Kirche, der weiss, was es bedeutet, überhaupt christliche Werte zu verorten, miteinander im christlichen Geist Umgangsformen zu finden und zu pflegen. Und erst, wer sich auf diese Weise mit dem Christsein auseinandersetzt, wird sich den ganz tiefen Dimensionen des Glaubens und Verstehens widmen. Aber genug….für mich ändert sich nichts.
Gruß Angela Weinreich
September 24th, 2011
Lieber Leo!
Du sprichst mir aus dem Herzen, hast kritisch genau beobachtet und die Journalle treffend analysiert. Deine geschilderten Erfahrungen auch von Deiner beruflichen Warte aus kann ich als Arzt in vollem Umfang bestätigen.
Wer sich nicht so wichtig nehmen sollte, sind wir selbst. Zu oft sehen wir nur unsere Ortskirche, unsere eigene Gemeinde, die Schwierigkeiten in Deutschland und das auch noch mit unserem zwanghaften Pessimismus und unserer Nörgelei. Wenn wir die Weltkirche im Blick haben und deren Aufbruchstimmung verinnerlichen und der Papstbesuch war der Funke, der bei vielen nicht nur Katholiken, gezündet hat, können wir viel selbstbewüßter für Gott und seine Schöpfung eintreten.
Die theologischen, philosophischen Aussagen unseres Papstes sind für Gläubige wie Nichtgläubige wertvoll und zukunftsweisend, sie können und sollten Grundlage für eine WELT-Ethik sein. Ich bin dankbar, dass wir einen so bescheidenen, pastoralen und darüberhinaus noch einen so intelektuellen und überzeugenden Papst Benedikt haben dürfen! Der Besuch hat mich gestärkt, denn die Ablehnung, Intoleranz und Aggressivität gegenüber Katholiken, ja gegen das Christentum hier in Deutschland insgesamt, sind erschreckend und für viele vor allem auch Jugendliche nur schwer zu ertragen.
Deshalb “Ad multos annos”! Mit herzlichem Gruß und in Dankbarkeit für den Papstbesuch,
aus dem Taubertal, Urban Lanig
September 26th, 2011
Liebe Angela,
auch unser Blatt (Südwest Presse) titelt heute “Absage an Reformen”. In der Bibel steht, “Wer Ohren hat zu hören, der höre”. Anyway, dank des Besuchs sprechen viele Menscjhen über Papst, Kirche, Glauben, Werte. Das möge reichen. Dir eine gute Woche, leo
September 26th, 2011
Lieber Urban,
danke für Deine Zeilen. Entsscheidend für uns ist, in der Analyse nicht selbst zu verhärten. Dass Du ein weiches (und weites) Herz hast, belegen Deine Zeilen. Liebe Grüße bis zum Wiedrsehen, Dein leo
September 26th, 2011
Das sehe ich ebenso. Dieses ständige Auseinanderdividieren stört mich auch statt die Gemeinsamkeit zu entdecken. Dann lassen sich auch Unterschiede besser verstehen (und aushalten, vielleicht sogar annehmen). Gruß, leo