Kunden-Profiling ist ein alter Hut
Eigentlich wollte ich heute über die "Generation Y" schreiben, die nun auf den Arbeitsmarkt kommt. Doch die Psyeudo-Medienempörung über die psychologischen Profile, die die Hamburger Sparkasse (Haspa) über ihre Kunden erstellt hat, empört wiederum mich so sehr, dass ich meine Arbeit an einer Recherche über das neue Design der Spritzgießmaschinen von Desma unterbreche.
Die Hamburger Verbraucherzentrale hatte "entsetzt", dass die Haspa ihre Kunden in sieben Typen wie "Bewahrer" oder "Abenteurer" einteilt und der NDR hatte dieses Entsetzen bekannt gemacht, so dass in ganz Deutschland Tageszeitungen und Sendeanstalten sich darüber empören konnten. Was soll der Quatsch? Denken da alle kollektiv nicht mehr mit?
Mein Kunde Peter Flume hatte mich bereits vor acht Jahren mit dem Begriff des Profiling konfrontiert. Dies war ein neues Wort für die detektivische Zielgruppenbeobachtung, um bspw. Werbemaßnahmen gezielter dosieren zu können. Die Kundenkarten vieler Handelshäuser sind nichts anderen. In der Besenwirtschaft von Josef Schönbrunn in Binswangen, wo ich vor 25 Jahren das Geld für mein Studium der Theologie finanzierte, foderte der mittlerweile 79-jährige Seniorchef, dass man bei Stammkunden auswändig weiß, welchen Wein er möchte.
Mehr noch: Mancher Stammkunde reklamierte, allmählich müsse ich doch wissen, dass er den Wein nur aus dem "großen Glas" oder "nicht aus dem Kühlschrank" wünsche. Und an der Theke klassifizierten wir die Gäste in "spendable Trinkgeldgeber", "Säufer" oder "Grabscher" - oder beides. Bei der Zeitung später klassifizierten wie notorische Leserbriefschreiber, langatmige Gemeinderäte oder eitle Vereinsvorsitzende in Kategorien wie "Klugscheißer" oder "Querulant".
Und mich nervt, bloß weil ich selbstständig bin und ein respektables Einkommen habe, ständig irgendwelche Luxus-Güter offeriert zu bekommen. Da wäre mir lieber, in der Datenbank stünde "macht sich aus Statussymbolen nichts". Mensch, Kollegen in den Redaktionen: Erinnert euch doch endlich wieder daran, dass auch ihr einen Arsch in der Hose habt und verhaltet euch kontrovers, individuell, unberechenbar und kantig.
Dieses ewige mainstreamige Aufheulen bei Stichworten wie Sarrazin oder Kundenprofiling ist einfach unseres Berufsstandes unwürdig. Ich (47) habe noch bei kantigen Redakteuren wie Jürgen-Dieter Ueckert in Heilbronn oder Richard Scheuber und Erwin Hafner in Aalen den Beruf gelernt und selbst mehrere Strafanzeigen kassiert - alles gewonnen und nebenbei die Auflage unserer Zeitung gesteigert. Denn denken und urteilen können die Leser selber.
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