leonhard fromm der medienberater

11Jun/080

Emotionen schaffen Betroffenheit

Während klassischer Journalismus in der Beobachterrolle bleibt, wird der gute PR-Berater zum Akteur. In vielen Fällen empfehle ich, Themen zu emotionalisieren, um im Dickicht beliebiger Informationen Betroffenheit und Identifikation zu erzielen.  Es ist die Kunst, Fakten auf den Wahrnehmungshoriziont  der gewünschten Zielgruppe herunterzubrechen. Ein gutes Beispiel ist aktuell der Ingenieurmangel. Klassischer Journalismus berichtet darüber, dass nun 50000, 75000 oder 100000 Ingenieure fehlen und appelliert in einem Kommentar vielleicht dazu, dass mehr junge Leute ein Ingenieurstudium beginnen sollten. Ich mag das nicht mehr lesen. Es nervt.
Nur einen Tick besser sind die öffentlichkeitswirksamen Events wie "Girl's Days", Tage der Technik oder Schnuppertage an Hochschulen, zu denen Schulklassen an Unis gekarrt und Journalisten eingeladen werden, darüber zu schreiben. Das funktioniert zwar formal, aber Begeisterung unter jungen Leuten löst dies nicht aus, einen technischen Studiengang zu belegen, und die Presseartikel machen auch nicht wirklich Appetitt. Im Gegenteil: Andere Fakten, wie etwa, dass jeder dritte Ingenieurstudent mittlerweile das Studium abbricht, weil ihm Mathematik- und Physikkenntnisse fehlen, sind gleichfalls Realitäten, die in das Gesamtbild gehören.
Mit der Göppinger Hochschule für Mechatronik bin ich aktuell in Gesprächen, wie junge Leute auf deren Studienangebote anspringen und überhaupt davon erfahren. Deshalb müssen Beiträge am Erfahrungshorizont der Studenten ansetzen, die selbst zweifeln, ob sie das mathelastige Studium schaffen; bei deren Motiven, warum sie sich dem Studium stellen oder ihrem Alltag, wie sie die Anstrengungen bewältigen. Dazu kann auch zählen, dass die Uni Mathenachhilfe anbietet oder diese über jene Betriebe (und deren Rentner) organisiert, die händeringend den technischen Nachwuchs brauchen. Auch Partys und Studentenszene müssen beleuchtet werden, um ein ganzheitliches Bild vom Mechatronikstudium zu zeichnen.
Und schließlich müssen auch die Kommunikationskanäle überprüft werden. Denn längst erreicht die Tageszeitung nicht mehr viele junge Leser. Jugendmagazine, Schülerzeitungen, Weblogs sind eher Informationskanäle, die die jungen Leute nutzen. Gerne würde ich mit einer Göppinger Szenebar den "Mechatronikstudenten des Monats" casten oder gemäß "Big Brother" in einem Format monatlich einen Studenten durch sein Studium begleiten. Es ist längst Zeit, ungewöhnliche Wege zu gehen und Neues auszuprobieren.  Ich bin gespannt, was wir davon umsetzen können und wie gut auch die Betriebe mitziehen. Denn Nachwuchsgewinnung und Qualifizierung sind längst zur volkswirtschaftlichen Aufgabe geworden, bei der nicht zu kurz springen darf, wer den Erfolg will.

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