Ehrlicher Blick auf die Arbeit
Vorgestern nahezu die komplette Korrespondenz mit einem Wirtschaftsredakteur in meinen Blog zu stellen, hat mich in gewisser Weise Überwindung gekostet. Denn klar ist der Beitrag viel zu lang. Und klar war der Dialog eigentlich unter vier Augen gedacht. Doch am Ende überwog mein Interesse, Dinge einfach ungefiltert zu zeigen, letztlich meinen Lesern einen ehrlichen Einblick darin zu gewähren, wie bspw. ich als PR-Berater arbeite, aber auch Kollegen auf der anderen Seite des Schreibtisches.
Umso erfreuter war ich, bereits Stunden später die erste (positive) Reaktion zu bekommen - leider nicht als Kommentar in meinem Blog. "Ich habe das komplett mit Interesse gelesen", sagte mein Anrufer, selbst Redakteur. Der Grund: Er kennt diese Situationen aus seinem eigenen Alltag, ständig neu über Themenvorschläge und Begehrlichkeiten entscheiden zu müssen. Ich weiß zwar, wie (unterschiedlich) Redakteure reagieren, weil ich täglich rund zehn selbst kontaktiere. Aber wie andere PR-Akteure agieren, weiß ich in der Regel nicht.
Ermutigt zu soviel unzensierter Dokumentation hatte mich auch, dass es neuerdings einen Trend in den Medien gibt, wieder mehr Authentizität herzustellen. So produziert Kollegin Bauerfeind, bekannt als Assistentin aus Harald Schmidts Latenight-Talk, neuerdings ein Format für ZDF Kultur (glaube ich), in dem sie exakt und nur die ersten 28,5 Minuten eines Interviews sendet, das sie mit einem Menschen führt.
Statt also alles auf die Highlights zusammenzuschneiden und zu verdichten, zeigt sie, wie sich zwei Menschen im Gespräch annähern, begegnen, Nähe herstellen - oder auch nicht. Dieser Blick auf die Arbeit gilt als ehrlicher und aussagekräftiger als die Zusammenfassung. So sieht man oft auch im Sport nur die besten zwei Minuten oder Torszenen eines sonst vielleicht recht langweiligen Kicks und kommt zu völlig falschen Rückschlüssen.
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Der Kollege aus der Wirtschaftspresse scheint sich in guter Gesellschaft zu befinden; in Gestalt von FDP-Mann Martin Lindner und Medienphilosoph Bolz konnte man bei Anne Will gestern Abend zwei Wiedergänger beobachten, die eine christlich-ethisch motivierte Grundhaltung als lieb und nett und ehrenwert bezeichneten, aber nicht dazu geeignet, das Fundament des täglichen Tuns zu bilden. Bei der “Drecksarbeit” (Lindner über das politische Tagesgeschäft) stört das nur. Beim Warten auf den Scoop möchte der Redakteur der Wirtschaftszeitung wohl auch nicht von christlichem Geschwätz gestört werden …
Juni 24th, 2011
Lieber Thomas,
den Talk bei Anne Will hatte ich auch gesehen und denselben Eindruck. Eine Quintessenz war auch, dass die Politik mehr (kantige) Originale braucht wie der Journalismus streitbare Kommentare.
Danke für Deinen Beitrag.
Gruß
leo