leonhard fromm der medienberater

10Jun/110

Redakteure streiken für ihre Interessen

Mein geschätzter Kollege Bruno Bienzle, bis 2007 Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten und seither im Ruhestand, hat jüngst einen Beitrag zum Tarifstreit der deutschen Redakteure mit ihren Verlegern verfasst. Angesichts von bis zu 25 Prozent niedrigeren Einstiegsgehältern für Berufsanfänger und Kürzungen beim Urlaubsgeld für Redakteure, die die Verleger vorsehen, sieht Bienzle den Qualitätsjournalismus in Gefahr.

So sehr ich seine Analyse bzgl. der Historie des deutschen Nachkriegsjournalismus' als "vierte Gewalt im Staate" teile, so wenig folge ich ihm in seiner These. Und dies aus mehreren Gründen: In Rußland bspw. verdienen die investigativen Journalisten, die Korruption und Bestechung aufdecken, nicht nur (fast) nichts, sie sind für ihren Mut auch an Leib und Leben bedroht.

Und aus eigener Erfahrung in drei Redaktionen, in denen ich 13 Jahre gearbeitet habe, kann oder muss ich sagen, dass es vielen Kollegen weder an Zeit noch Geld gefehlt hat. Eher an der erforderlichen Neugierde, Motivation oder vielleicht auch Intelligenz. Manche wurden lieber zynisch (oder faul) statt ihre Presse-, Informationsrechte und das Wissen ihrer - vom Verleger bezahlten (!!!!) - Ausbildung zu nutzen, Mißstände zu identifizieren und aufzudecken.

Wenn die Zeitungen heute in der Krise stecken, dann nicht nur wegen Internet und wachsendem Desinteresse der Leser, so meine feste Überzeugung, sondern auch wegen der Banalität des redaktionellen Angebots. Was die Redakteure den Politikern vorwerfen, mangelnde Kantigkeit, gilt vielfach auch für sie selbst. Kommentare bspw., die keinem weh tun und nicht angreifbar machen, sondern letztlich den Bericht daneben nacherzählen.

Dass wir uns richtig verstehen: Es gibt tolle Redakteure, die das Ohr am Leser haben, Skandale offenlegen und pointiert schreiben. Aber das scheint mir weniger mit dem Gehalt zu tun zu haben, denn mit einer ethischen Grundhaltung. Ich selbst habe als Redakteur manchen Rechtsstreit geführt und viele Leser zu Stellungnahmen veranlasst - Lob oder Widerspruch. Mein Lohn waren primär die Wertschätzung der Leser - und der Neid mancher Kollegen.

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