“Lieber wütend als traurig”
Ich weiß ja nicht, ob man das als Unternehmer schreiben darf: Aber Alois Prinz' Biographie über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof von 2003 "Lieber wütend als traurig", die ich in den vergangenen Wochen häppchenweise in meiner sehr knappen Freizeit gelesen habe, hat mich sehr berührt. Zum einen wurde mir, der ich mit Leib und Seele Journalist bin, bewußt, dass auch Ulrike Meinhof, die Chefredakteurin von "konkret", eine solche war.
Doch nicht nur in diesem Punkt sind wir Seelenverwandte. Wie ich von meiner katholischen, war sie von ihrer protestantischen Erziehung geprägt. Entsprechend hohe Werte hatte sie, etwa ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Welt ein wenig gerechter wird. Meinhof ist auch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Journalisten ihre Chronistenrolle verlassen und beginnen, sich einzumischen.
Andreas Baader war mir schon immer unsympathisch. Prinz beschreibt sehr gut, welch demagogischer Menschenverführer er war. Und wie doch seine Brutalität auf viele Menschen faszinierend wirkte. Faszinierender jedenfalls als Meinhofs messerscharfe Analysen, die sie zu Papier brachte. "Bändigen braucht mehr Kraft als zuschlagen" hat mir als Kind eine weise Frau in mein Posesiealbum geschrieben.
Als Neunjähriger verstand ich diese Zeilen nicht. Seit ich 16 bin, begleiten sie mich fast täglich. Sonst wäre ich vielleicht auch Terrorist geworden. So bin ich gelegentlich lieber traurig über viele Zustände, als dass sich meine Wut in Gewalt verwandeln würde. Wer mit sich ehrlich ist, kennt diese Gefühle. Schade, dass Ulrike Meinhof diesen Spagat nicht ausgehalten hat. Sie hätte unsere Gesellschaft mit ihrem Intellekt bereichern können.
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