Ungeduld der Schweizer nervt
Nachklapp zur Tour extrem: Jürgen Schweigardt kauft uns allen den Schneid ab: Während wir uns gestern (01.08.) zu Etappenbeginn die restlichen 14 km und knapp 600 Höhenmeter zum Splügenpass (2113 hm) hochschraubten und anschließend den San Bernadino (2065 hm) in Angriff nahmen, raste uns der 51-jährige Ex-Semi-Profi voraus. Denn kurz vor dem Zielort stand noch der Alpe di Neggia auf dem Programm. Da dieser aber eine durchschnittliche Steigung von mehr als zehn Prozent hat, wollte ihn nur der Gochsener Ex-Bahnradfahrer fahren. Das ehemalige Mitglied der Nationalmannschaft (1978 bis 82) war über Sunny (Erik Sanwald) zu der Gruppe gekommen und ist noch heute "drauf wie das Messer".
Wir anderen bevorzugten die Flachetappe am Lago Maggiore entlang, ärgerten uns aber immer wieder über die Ungeduld vieler Schweizer, die hupend und drängelnd das Peloton passierten, oft mit hochgejagtem Motor im dritten Gang. Einer trieb es sogar so weit, zu überholen, sich vor den im Wind tempomachenden Triathleten Marco Glassner (35) zu setzen und uns komplett runterzubremsen. Als aber unser Begleitfahrer Horst Möhrer von hinten die Situation erkannte, rückte er mit seinem Sprinter nach vorne und machte dem Schweizer Druck.
Ärgerlich war auch die Schweizerin, die im Kreisverkehr unseren Konvoi zerschoss, in dem sie - für uns völlig unerwartet - im Kreisel auf ihre Vorfahrt bestand. So hatte sie die zweite Hälfte uneren Zugs plötzlich links, rechts und hinter sich und mancher rief unflätige Worte. Vermutlich war die Frau mit der Situation aber einfach nur überfordert. Im Übrigen setzte uns die Sonne gestern am meisten zu, obwohl wir von Ex-Tour extrem-Fahrer und Oberarzt der Hautklinik in Buxtehude, Andreas Kleinheinz, hinreichend mit Sonnencreme versorgt und in deren Anwendung instruiert waren.
Im Hotel international am Zielort Luino dozierte Tour-Chefredakteur Thomas Musch nach 137 Kilometern einmal mehr in kleiner Runde, wir würden sehr unvernünftig fahren. Denn auch bei leichten Steigungen oder Bodenwellen drücke der Frontmann oft durch oder schalte nicht weit genug herunter, so dass sich von Mal zu Mal Tempo und Puls erhöhen, so dass kein Ausdauertrainingseffekt entstehe. Dass sich seine Sichtweise durchsetzt, belegte der heutige Tag.
Zunächst ging es mit der Fähre über den Lago und der Mottarone (1455 hm) wurde mangels Zeit (und Lust) ausgespart. Entsprechend ging es 126 km weitgehend über Flachetappen im Wind mit einem Schnitt von knapp 34 km/h, bei dem das Feld lang hingezogen den Asphalt unter die schmalen Reifen nahm. Sunny musste wegen massiver Rückenschmerzen leider im Bus Platz nehmen. Er überlegt, die Tour mangels Perspektive abzubrechen. Mehrere Bandscheibenvorfälle haben seine Wahrnehmung geschult.
Um 15 Uhr waren wir heute bereits am Zielort Vercelli. Bei der Ankunft im Hotel Modo sangen wir meinem Sohn Konrad ein Ständchen, da er heute 21 wurde. Für mich ist es selbstverständlich eine wundervolle Sache, diese Tour gemeinsam mit ihm erleben zu dürfen. Daran hatte ich schon gedacht als Andreas Kleinheinz 2004 mit seinem Sohn Konstantin an den Start gegangen war. Horst und Stefan Schmid haben vorher Marco zum Flughafen nach Mailand gebracht. Der Vertriebsmann muss morgen wieder arbeiten, seine Frau Judith fährt aber weiter mit. Morgen geht es 131 km weit nach Bossolasco, wovon die ersten 100 km wieder flach sind.
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