Ton sagt mehr als tausend Worte

Blind getöpfert, weil unser Körper mehr weiß als der Kopf: Im Plenum arbeitet unser Trainer und Gestalttherapeut Robert Michor mit jedem einzelnen von uns und dessen Skulptur.
Haben Sie schon mal getöpfert? Blind? Während der fünften Kurseinheit meiner zweijährigen Ausbildung in Gestaltpädagogik habe ich genau dies am Montag getan. Mit einer Binde über den Augen, am Boden knieend zusammen mit den 31 anderen Teilnehmern meines Kurses, komme ich mir zunächst vor wie ein Guantanamo-Gefangener. Doch der Kopf mit seinem ewigen Hirnen und seinem "Wissen" ist nach wenigen Minuten abgeschaltet.
Als meine Hände mit dem feucht-kühlen Lehmklotz in Kontakt kommen, bleibt ein letztes Gefühl von "in Kunst war ich schon immer schlecht" und "das wird doch eh nix Vernünftiges". Und während ich den Ton knete und meine Handwärme ihn geschmeidig macht, beginne ich intuitiv zu formen. Meine Hände werden eins mit dem Ton, meine "Arbeit" kommt in Fluss. Ich fühle mich gut. Sehr gut.
Für weitere Details ist mir dieses Forum zu intim. Fakt ist, dass ich am Ende eine Skulptur geschaffen habe, die meine Kollegen tags darauf in der Gruppenarbeit an "Aufbruch" und "Häutung" erinnert. Und tätsächlich wird mir in diesen vier sehr intensiven Tagen mittels Tonen, Tanzen, Singen, Berühren und Hören (eben nicht nur Kopf und Ratio) bewusst, dass ich meinen Krieger (Durchsetzen) und meinen König (Regeln halten) häufiger ausruhen lassen kann und dafür den Liebenden (Mitfühlen, beim andern sein) und den Magier (Experimentieren) in mir stärker kultiviere.
So werde ich in der Begegnung mit Menschen und Sachverhalten flexibler und letztlich "effizienter". Am letzten Kursabend probiere ich es aus: Vier Bilder liegen im Saal aus. Es geht um Fritz Riemans "Grundformen der Angst". Spontan sollen wir uns zuordnen. In den vergangenen 20, 30 Jahren bin ich in solchen Situationen zu dem Bild, das mir am meisten sagt. Und war sogar stolz, dies so genau und rasch zu wissen.
An diesem Abend gehe ich zögerlich zu dem Bild, das mir am wenigsten sagt. Ich fühle mich gut, erstmals mein Muster durchbrochen zu haben. Von den Frauen, die mit mir bei diesem Bild stehen, das den meisten vertraut ist, erfahre ich interessante Aspekte. Und: Ich sehe plötzlich auch in diesem Motiv, das mich an einen wehrlosen Embryo erinnert, Züge von mir selbst: Er will sich entwickeln. Und wenn ich genau hinschaue, sehe ich ihn lachen. Humor ist auch mir vertraut und wichtig.
Beglückt und um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher, bin ich gestern an meinen Schreibtisch zurückgekehrt. Nun gilt es, das Neue in meinen Alltag zu integrieren, wach zu halten und immer wieder mal auszuprobieren. Mein Team jedenfalls ist ganz neugierig, was geht, was ich erzähle und wie ich mich verändere. Vom 3. bis 7. Januar geht es weiter. Dann heißt das Thema "Trommeln und Masken."
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September 10th, 2011
Lieber Leo,
Konnte mich in deiner Beschreibung des Tonens gut wiederfinden.
es hat was, die Ratio mal auszuschalten. Das Wort “Muster” durchbrechen, besonders die Erfahrung, es zu tun und dann einen Aufbruch, ein neues Werden zu empfinden ist mir auch nicht neu.Ich gratuliere dir und allen, die sich diesem Prozess stellen und dadurch ihr Leben “gestalten” und in diesem Moment bewusst etwas tun.
mein Leben wurde dadurch klarer und freier und ich wuensche diese Erfahrung vielen Menschen, dir von Herzen. lieber Gruß in Verbundenheit Angela
September 10th, 2011
Danke, Leo
) schön von dir zu lesen. Komm gut in deinen Alltag – ohne dich von ihm einfangen zu lassen. Viele liebe Grüße, Regina
September 10th, 2011
Hallo Regina,
danke. Auch Dir eine gute Zeit und viel Erfolg beim Umetzen! Liebe Grüße, leo
September 10th, 2011
Hallo Angela,
danke nochmals, dass Du mich damals auf diesen Kurs und seine Methoden aufmerksam gemacht hast. Mein Leben ist schon reicher geworden. Gruß, leo
September 10th, 2011
Lieber Leo
mit Freude habe ich deine Gedanken und Erlebnisse über das Blind-Töpfern gelesen. Seine Kontroll- und Glaubensmuster versuchen zu durchbrechen, indem man bereit ist zu lernen völlig in Kontakt mit seinem Inneren, seinen Gefühlen zu stehen. Es ist wunderbar ganz präsent im Augenblick zu sein. So stärken wir in uns unsre Selbstachtung und lernen frei zu werden, ständig auf Bestätigung von ‘Aussen’ zu warten. Weiss nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe, aber ich wünsche dir von Herzen viel Lebensfreude und Kreativität beim täglichen ‘Gestalten’.
Grüsse aus der Schweiz. Carola
September 11th, 2011
hallo leo,
danke für den hinweis auf deinen blog – ich bin – fein – berührt von deinem eintrag und wünsch dir viel “herzhaftes”.
robert
September 12th, 2011
Lieber Robert,
danke für Deine Begleitung. Du bist ein Meister.
Herzliche Grüße, leo
September 12th, 2011
Hallo Carola,
welche Freude, von Dir zu lesen. Ja, ich verstehe Dich. Mach es mit einem Controller wie ich mit meinem Krieger – gib ihm öfter mal frei (soll in der Stadt ein Bier trinken gehen oder übers Wchenende wandern gehen) und Du selbst wirst freier. Ganz sicher.
Liebe Grüße, leo
September 15th, 2011
Lieber Leo,
ich bewundere deine sprachliche Ausdrucksfähigkeit und finde deinen Bericht gut.
Bin gut gestärkt im Alltag angekommen und versuche mich auch in der Umsetzung. Freue mich schon auf die nächsten Schritte in der Gestalt.
Gute Zeit bis Januar
Herzliche Grüße
Ursula Nestel
September 16th, 2011
Liebe Ursula,
vielen Dank für Deine Rückmeldung. In dieser Kurseinheit warst Du “kleine Bärin” sehr wichtig für mich. Vielen Dank nochmals dafür. Auch in mir klingt das Seminar noch gut nach.
Liebe Grüße, leo