Digitaler Nachruf auf Trauer-Homepage

Durch den Tod eines Kommilitonen bin ich kürzlich auf die Trauer-Homepage der Heilbronner Stimme gestoßen, die mir eine neue, relativ fremde Trauerkultur aufzeigte. Dort sind, bezogen auf jeden Todesfall, die in der Tageszeitung geschalteten Todesanzeigen hinterlegt. In einem digitalen Kondolenzbuch kann man Nachrufe verfassen oder man kann für den Verstorbenen virtuell eine Kerze anzünden.

Wer nicht schreiben will, kann unter „Audio“ eine gesprochene Botschaft hinterlassen. Auch „Videos“, evtl. vom gemeinsamen Urlaub oder einer Feier, sind vorgesehen, sowie in weiteren Rubriken „Erinnerungen“ und „Fotos“. Wenn ich mir überlege, dass der Verstorbene all diese Veröffentlichungen nicht mehr sichten und widerrufen kann, finde ich diese Optionen schon grenzwertig.

Andererseits fand ich es einen schönen Service, als Auswärtiger sämtliche Todesanzeigen lesen zu können, die ihm gewidmet wurden. Und teils als Wertschätzung für ihn, teils als Verarbeitung meiner Trauer um ihn, habe ich im Kondolenzbuch über meine Beziehung und meine Empfindungen für ihn geschrieben.

Ohnehin nehme ich wahr, dass sich unsere Sterbe- und Trauerkultur verändert. So sind jetzt schon mehrfach Bekannte und Freunde von mir nicht mehr klassisch auf dem Friedhof in Sarg oder Urne beigesetzt worden, sondern in einem Friedwald. Und schon zweimal habe ich selbst bei Trauerritualen die Anwesenden eingeladen, mit uns zu teilen, was sie nun bewegt.

Beide Male spürte ich zu Beginn große Verunsicherung in der Gruppe und dann kamen doch zehn bis 15 teils sehr bewegende Wortbeiträge, die den Betrauerten nochmals sehr präsent werden ließen, die Anonymität der Trauernden auflöste und der Feier einen ganz besonderen, feierlich-festlichen Charakter gab. Deshalb stehe ich auch solchen digitalen Plattformen eher positiv gegenüber.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , ,

Ceta-Demo: Gegen den „Freihandel“

020-ceta-demo
Mein kleiner Beitrag zum politischen Diskurs: Per völlig überfülltem Zug ab Schorndorf angereist, habe ich am Samstag in Stuttgart gegen Ceta und TTIP demonstriert. FOTO: FROMM

Schweren Herzens habe ich am Samstag meinen freien Tag geopfert, um in Stuttgart mit 20.000 (Polizeiangaben) oder 30.000 (Veranstalterangaben) Teilnehmern gegen die Freihandelsabkommen Ceta (mit Kanada) und TTIP (mit den USA) zu demonstrieren. Denn vor allem stört mich der globale Markt, der immer uniformer und kapitalintensiver wird, so dass kleine Anbieter kaum mehr eine Chance haben.

Und mich stört, sofern ich die komplexe Materie halbwegs verstehe, dass sich externe Firmen in nationale Märkte einklagen können, sofern sie sich benachteiligt fühlen. Das kann das Reinheitsgebot des Biers betreffen, gen-veränderte Produkte oder regionale Spezialitäten wie Schwarzwälder Schinken. Ich bin ein Freund des Wettbewerbs, aber der Kapitalismus konterkariert dieses freie Spiel der Kräfte schon lange.

Denn gegen Milliarden Euro oder Dollar kommt auch der Kreativste und Fleißigste mit dem besten Produkt nicht mehr an. In der Regel lässt er sich dann von dem aufkaufen, der den Marktzugang bereits hat oder ihm diesen durch Rabatte, findige Juristen oder andere Druckmittel verwehrt. Irritiert haben mich in diesem Zusammenhang, wie viel (hochgerüstete) Polizei uns Bürger am Samstag flankiert hat und wie mir/uns Andersdenkende Panik, Naivität oder sonstetwas unterstellen.

Diese Populisten (ist auch ein Urteil) bekommen zum Thema auch nicht arg viel mehr zusammen als Schlag-Worte. Dabei hat uns die Bankenkrise gelehrt, dass Menschen nur Sachverhalten zustimmen sollten, die sie auch verstehen und mit eigenen Worten wiedergeben können. Deshalb bin ich weiterhin gegen Ceta und TTIP. Und Angst lasse ich mir auch keine machen.

Denn wenn Nordamerikaner und Asiaten eine Freihandelszone bilden, kreieren die sich u.a. ihre Massenarbeitslosigkeit und Umweltzerstörung, die allein schon dadurch entsteht, dass immer größere Einheiten entstehen, um Produktionskosten zu senken. Ich liebe dagegen Vielfalt, die eine zentrale Ressource ist, damit Wettbewerb stattfindet. Außerdem habe ich die Demo genutzt, mich drei Stunden mit meinem Bruder zu treffen, was auch schön war.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , ,

Gestaltausbildung: Beispiel für Körpersprache

018-leo-in-gestalt
Eine Frage der Haltung: Meine Ausbildung zum Gestalttherapeuten ist vor allem Selbsterfahrung pur. Ein großes Geschenk, seine Schatten kennenlernen zu dürfen und auszuleuchten. Dabei sagen der Körper, die Mimik oder die Stimme oft mehr als tausend Worte. FOTO: WOLFGANG

Immer wieder werde ich gefragt, was ich in meiner vierjährigen gestalttherapeutischen Ausbildung mache und was das überhaupt sei. Und nachdem ich vorige Woche ein letztes Mal in Heiligkreuztal war vor meiner mündlichen Abschlussprüfung im Januar, möchte ich dazu einen Einblick geben. Zumal mein Kollege Wolfgang die Szene zum Abschluss fotografiert hat.

Im Plenum der 26 Teilnehmer aus ganz Baden-Württemberg und Sachsen kann seit dem dritten Ausbildungsjahr jeder ein Thema einbringen, über das ein Kollege als angehender Therapeut mit ihm arbeitet. Die Gruppe gibt hinterher beiden in einem separaten Verfahren Feed-back. Und während des gesamten Prozesses ist der Ausbilder präsent, um einzugreifen, wenn es (zum Schutz des Klienten) erforderlich ist oder um Therapeut und Plenum etwas zu verdeutlichen, dass jetzt z.B. jemand aus Resignation weint, was wir nicht unterstützen (Opfer), statt aus Trauer, was wir unterstützen (Schmerz muss heraus).

Jedenfalls arbeitete ich über einen Wutanfall, den ich kürzlich hatte, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ich wollte ergründen, warum ich mich dann selbst so massiv niedermache und so ungnädig zu mir bin. Durch das Aufstellen meiner Eltern und meines Ex-Internatsleiters, der uns als Zwölfjährige durch Demütigung zu Leistung motiviert hatte, kam heraus, dass ich letztlich keine Fehler machen darf.

Und weil der Zensor von außen längst fehlt, bestrafe ich mich gelegentlich eben selbst noch, verkürzt gesagt. Solche Mechanismen (Introjekte), die uns irgendwann das Überleben gesichert haben, haben wir alle. Und mit den Mitteln der Gestalttherapie kann man diese Muster identifizieren und neue Verhaltenstechniken ausprobieren und bei Gefallen verinnerlichen, die die alten Zwänge eliminieren.

Eine Stunde hatte ich im Stehen mit den Stellvertretern aus der Gruppe für meine Eltern und den Erzieher gearbeitet. Und diese Arbeiten sind wirklich anstrengend, weil sie tief in die Psyche und das Gefühl hinein gehen. Deshalb wollte und konnte ich in der Feed-back-Runde nicht auf meinem Stuhl sitzen, sondern ging dahinter in die Hocke, um u.a. meine (angespannte) Wirbelsäule zu strecken.

Auf dem Foto, das mein Kollege von mir machte, sehe ich nun aber einen Mann, der sich regelrecht hinter seinem Stuhl versteckt und klein macht. In der Gestalt könnte man mit dem Klienten nun über diese Haltung sprechen und ihn fragen: Wovor versteckst Du Dich? (Angst?) Wofür machst Du Dich jetzt klein? (Scham?) Woher kennst Du das aus Deinem Leben?

Wer für solche Prozesse und Begegnungen (Konfrontationen) mit sich selbst offen ist, erfährt viel über sich und seine Schatten. Damit leuchtet er seine Persönlichkeit aus und holt viel Un- und Unterbewußtes an seine Oberfläche, um aktiv und kreativ damit und mit sich umzugehen. Denn das Gegenteil von (Zwangs-)Mustern sind Experimente, die wir viel öfter machen sollten. Denn Fehler sind erlaubt, Ausprobieren ein zutiefst menschliches Verhalten und unser Lohn ist – Freiheit.

 

Beitrag teilen 2 Kommentare
Tags: , , ,

Janosch-Biographie: Vom Opfer zum Täter

017-janosch
Meine Urlaubslektüre: Auch ich habe mit meiner Tochter nie „heile Welt“ gespielt. Barbie bekam Ken nicht, weil er schwul war, oder für ein neues Kleid fehlte das Geld. Fasziniert war sie von unseren Handlungen und Wendungen trotzdem immer.

Meine Urlaubslektüre war die Biographie des Deutsch-Polen Horst Eckert. Besser bekannt ist der mittlerweile 85-Jährige, der auf Teneriffa lebt, als Janosch, der mit dem Kinderbuch „Oh wie schön ist Panama“ 1978 seinen beruflichen Durchbruch hatte. Tatsächlich sind auch meine Kinder mit dem Vater von Bär und Tiger groß geworden und in Göppingen, wo ich bis 2012 lebte, wurde die TV-Sendung „Tigerenten-Club“ aufgezeichnet.

Die Biographie, verfasst von der Polin Angela Bajorek, hat mir mein 27-jähriger Sohn (oder traf die Auswahl seine Partnerin, die in der Pädagogik arbeitet?) zum Geburtstag geschenkt. Erwartet hatte ich leichte Kost und gelesen habe ich tiefe Verzweiflung. Denn Horst – der Vater war ein polnischer Nazi – ging in seiner Kindheit durch die Hölle. Als Kinderbuchautor hat er diese Kindheit therapeutisch Zeit seines Lebens aufgearbeitet.

Vater Wilhelm, erzählt er der Biographin, war täglich besoffen, schlug die Mutter und ihn und war ein linkischer Charakter. Die Mutter, zu schwach, den Vater zu verlassen, ließ ihren Stress in Form von Gewalt auch an dem Kleinen aus. Nicht besser ging es ihm beim katholischen Kaplan, der das Kind sadistisch quälte, oder der Hitlerjugend, in der ihn sein Vater sehen wollte.

Auch dort ertrug das Kind Gewalt, die ihm Führer und andere Kinder antaten, zumal ihn die katholische Kirche gelehrt hatte, dass er nicht zurückschlagen dürfe. Gejubelt habe er, als russische Soldaten die Kirche seiner Stadt 1945 anzündeten, weil sie die Nazis und die Kirche besiegt hätten. Bettelarm kommt Janosch als 14-jähriger Flüchtling mit seinen Eltern nach Krefeld und Osnabrück, wo er versucht, Fuß zu fassen.

Zweimal scheitert der sensible Künstler an selbstherrlichen Professoren an der Kunstakademie. Den Frauen und dem Alkohol zugetan, emanzipiert sich der junge Mann von den Werten seiner Kindheit, scheitert aber auch mit den eigenen Versuchen, seine Zeichnungen als Kinderbuch zu vermarkten. Nur 45 Exemplare von „Die Geschichte von Valek dem Pferd“ werden 1960 verkauft.

Immerhin: Ein Lektor erkennt die schmale Nische, in die der Deutsch-Pole auf dem Kinderbuch-Markt passt. Nicht heile Welt ist sein Thema, sondern Verarbeitung von Leid. Da verhandeln Gänse mit dem Fuchs, dass er sie nicht frisst; sympathische Protagonisten trinken zuviel oder haben nur ein Bein oder ein Auge, was auf Kriegsversehrte anspielt.

Nach einer durchzechten Nacht, in der Janosch im Suff seinem Lektor seine traumatische Kindheit erzählt, ermuntert dieser ihn, seine Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten. 41 Flaschen Gin, so die Biographin, trinkt Janosch, ehe 1970 „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“ verfasst ist. Kein Wunder, sage ich als Gestalttherapeut: Zugang zum Verdrängten hatte der Autor vermutlich nur, wenn er die Kontrolle verliert und auch nur im Suff konnte er die Erinnerung ertragen.

Noch viel mehr gäbe es zu diesem lesenswerten Buch für mich zu sagen und daraus zu schöpfen. „Wer fast nichts braucht, hat alles“ ist für mich der Beleg dafür, dass wir jede Opfer- in eine Täterbiographie verwandeln können, wenn wir unsere Introjekte erkennen und töten und die gewonnenen Freiräume mit Liebe füllen. Der 85-jährige Schnauzbart legt dafür Zeugnis ab.

 

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , ,

Urlaubstipp: Rekreation an der Ostsee

016 Luckow
Gestern morgen um 8 Uhr: Blick von der Feuerstelle auf das wunderbare Kleinod, das hinter dem Haus nochmals einen großen Garten hat. Hier verbrachten wir unvergessliche Tage in der Weite der Natur. FOTO: FROMM

Nach elfstündiger Bahnfahrt bin ich gestern gegen 22 Uhr mit meiner Frau von Luckow bei Uekermünde aus einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Die Tage an der polnischen Grenze in mitten des Naturschutzgebietes Stettiner Haff waren einmalig erholsam. Mit dem sonnigen Wetter hatten wir zusätzliches Glück.

Das letzte Stück mussten wir mit dem Taxi an- und abreisen, weil Luckow nur wenige hundert Einwohner hat und unser Domizil nochmals rund 1500 Meter außerhalb des Orts an einem Waldrand hinter einem großen Mais- und Schilffeld lag. Im Schuppen standen uns aber Fahrräder zur Verfügung, so dass ich täglich die Fahrt zu Edeka nach Ueckermünde machen konnte, um unseren Tagesbedarf (u.a. für mich Lübzer Pils, Lokalzeitungen wie Nordkurier, Ostsee-Zeitung etc.) zu decken.

Im Nachbardorf Bellin (6 km) gibt es immerhin täglich von 7 bis 9 Uhr frische Brötchen (samstags auch in Luckow im „Saloon“!) und ganz in der Nähe (3 km) hatte täglich ein Obst- und Gemüsestand offen. Und außerdem gibt es noch Carmen und Norbert, die 300 Meter weiter wohnen und bspw. 30 Hühner halten, wo es zehn Eier für zwei Euro und ein Schwätzchen gratis gibt.

In Summe war der Urlaub sehr preisgünstig, weil wir am liebsten „zu Hause“ waren, weshalb wir (also meine Frau) dort auch einfach kochten. Die meiste Zeit haben wir gespielt („Take it easy“), gelesen (hatte zwei Bücher dabei), geschlafen (nachmittags!), im Hauspool zwischen den Sonnenblumen gebadet, sind Spazieren gegangen, ich Rad gefahren und mit Einbruch der Dunkelheit habe ich viermal abends ein Feuerchen gemacht.

Das Haus, die Gegend und diese netten Menschen kann ich nur jedem für einen Urlaub (oder eine Investition) empfehlen. Vielleicht verdrängen die Herzlichkeit der Einheimischen (und deren Fleiß) und die der Gäste dann eines Tages auch wieder die rechtsradikale Gesinnung, die im Vorfeld der heutigen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern leider sehr unappetittlich in Form von mehr NPD- und AfD- als von SPD- und CDU-Wahlplakaten sichtbar war.

Beitrag teilen 2 Kommentare
Tags: , ,

Wie ein Mann aus seiner Verbitterung kommt

Im Sommer-Freiluftkino des Schorndorfer City-Marketingvereins habe ich jüngst diesen wunderbaren schwedischen Film „Ein Mann namens Ove“ gesehen. Er erzählt die Geschichte eines emotionslosen Pedanten, der verwitwet in seinem Wohngebiet alle Nachbarn tyrannisiert und der sich erhängen will, nachdem ihm in der Firma nach 46 Jahren auch noch gekündigt wird.

Skizziert wird ein Kautz, der auf den ersten Blick wirklich zum Kotzen ist. Einzig am Grab seiner geliebten Frau blitzt schon von Anfang an etwas von seinem liebevollen Wesen auf. Veränderung kommt in sein Leben durch neue Nachbarn, die sich von seiner schroffen Art nicht einschüchtern lassen, sondern diese geradezu ignorieren.

Diese Unvoreingenommenheit bringt letztlich auch Ove aus dem Konzept, der dadurch ungewollt mehr und mehr von seinem wahren, verletztlichen Wesen zeigt. Wie bei einer Zwiebel trägt der Film Schale um Schale seines Wesens ab, bis der vielfach verletzte kleine Ove sichtbar wird. Der frühe Tod der Mutter, der ihn zum Halbwaisen macht; der emotional überforderte Vater, der dem Kleinen nicht die Liebe schenken kann, die er bräuchte.

Der Film ist ein Pladoyer dafür, Menschen nicht nach ihrem ersten Eindruck, den sie machen, zu kategorisieren und – wie im Fall Oves – abzulehnen. Sondern, wie die Nachbarin, die arabische Migrantin ist, wieder und wieder in Kontakt zu gehen und förmlich die raue Schale des Gegenübers zu durchdringen.

Denn letztlich hatte Ove soviel Schmerz und Enttäuschung erlebt, dass er verbitterte. Doch all seine Energie kann „umgedreht“ und in Liebe verwandelt werden, wenn Menschen einen Zugang zu ihm finden. Das ist das, was ich auch vielen jungen Migranten wünsche, die nun mit dem Terrorismus sympathisieren. Denn sie haben soviel Ablehnung und Gewalt erlebt, dass sie nun selbst Täter sein wollen statt immer Opfer zu bleiben.

„Ein Mann namens Ove“ bringt gut zum Ausdruck, was wir bei MKP in der Männerarbeit weltweit – und auch in Schorndorf – machen: Männern einen Ort geben, wo sie ihre Verletzungen anschauen und ihre Wunden lecken können, um dann zu klären, wie sie künftig leben wollen. Dabei dient jeder Mann jedem in einem herrschaftsfreien, vertrauten Raum als Projektions- und Trainingsfläche, Ermutigung und Trost.

Denn nicht jeder Mann hat das Glück, auf Nachbarn wie Ove zu treffen. Hat man aber andererseits mal am Elixier der (Nächsten-)Liebe genippt und den Kelch des Hasses stehen gelassen, trifft man auf immer mehr Botschaften und Botschafter der Liebe in dieser Welt. Und das macht frei und stark. Aho.

Beitrag teilen 1 Kommentar
Tags: , , , ,

Flüchtlinge in Deutschland: Klartext reden

014 Ev. Gemeindeblatt
Wohltuender Tabubruch: Das Evangelische Gemeindeblatt lädt seine Leser ein, ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen zu schildern.

Dass die Medien im Kontext der Flüchtlingsberichterstattung als Lügenpresse in Verruf gekommen sind, haben sie meines Erachtens mit selbst verschuldet. Der Grund: Die Verantwortlichen in den Redaktionen glaubten vermutlich, mit einer kritischen, also faktenorientierten Berichterstattung migrationsfeindlichen Tendenzen Vorschub zu leisten. Das Gegenteil aber war der Fall. Verschweigen schürt Mißtrauen.

Das Beispiel zeigt, dass sich in den Redaktionen offenbar nichts geändert hat, seit ich ihnen 2002 den Rücken gekehrt habe. Noch immer meinen Redakteure offenbar zu wissen, was gut ist für ihre Leser und mit welchen Informationen sie überfordert sind. Welche Arroganz. Live erlebt habe ich das während meines Volontariats 1990/91 und meinen ersten Berufsjahren als die Republikaner im Südwesten so stark waren.

Nun lese ich wieder in (fast) keiner Zeitung, wie schlecht bspw. die Qualifikation der allermeisten Flüchtlinge ist; wie reaktionär deren Frauenbild oder ihre Motivation, den vorgeschriebenen Deutschkurs zu besuchen. Und wenn leise Kritik geäußert wird, wird diese sofort mit Fluchttraumata, der (schlechten) Unterbringung oder der Trennung von Familie und Freunden relativiert.

Das alles stimmt. Und doch will ich nicht immer nur diese Seite hören, sondern auch jene, dass in dieser (christlich geprägten Hightech-)Gesellschaft nur ankommt, wer sich schnellstmöglich integriert. Und dazu gehört primär die Sprachkenntnis oder die Fähigkeit des gezügelten Umgangs mit Alkohol, erst recht, wenn man ihn aus religiösen Gründen ohnehin meiden sollte.

Flüchtlinge haben bei allem Respekt vor ihrer Biographie eine Bringschuld, die m.E. groß ist. Schließlich ermöglichen Demokraten und Christen wie ich den Zugang in unser Land, wir finanzieren ihren Aufenthalt und versuchen gleichzeitig noch unsere Mitbürger bei der Stange zu halten, damit diese nicht heimlich oder offenkundig AfD wählen und mit den Pegida-Leuten auf die Straße gehen (, was zu einer weiteren Belastung unserer Polizei führt).

Das Evangelische Gemeindeblatt hat nun mit seiner Doppel-Ausgabe 32-33/2016 vorgemacht, wie ich mir eine ausgewogene Berichterstattung wünsche. Hier kommen Helfer zu Wort, die beschreiben, wie mühselig die Patenschaft für einen Flüchtling ist, weil er etwa Tugenden wie Pünktlichkeit oder Verbindlichkeit erst lernen muss. Ich selbst vermiete bewusst an eine fünfköpfige afghanische Familie und weiß (ein wenig), wovon ich spreche.

Wer etwa als Migrant in einen Rechtsstaat flüchtet, sollte sich an dessen Regeln halten und wenn es Monate dauert, alle Formulare beisammen zu haben. Seinen Pflichten stehen dann aber unverbriefbare Rechte gegenüber. Und er sollte wissen, sein Deutschkurs kostet 1000 Euro,  den deutsche Bürger ihm ermöglichen. Einfach unterzutauchen und zu Verwandten weiterziehen, ist keine Lösung.

Wenn die einen in unserer Gesellschaft den Fremden nicht nur Hass entgegenbrächten und die anderen nicht nur Naivität, kämen wir mit der Integration sicher deutlich weiter. Die zumeist jungen Männer sind klare Ansagen kulturell bedingt gewohnt. Dazu gehört für mich auch, dass unsere Grenzen vorerst zu bleiben bis die Behörden verdaut haben, was da an Mehraufwand kam. Denn auch die Mitarbeiter in den Job-Centern etc. sind meine Nächsten.

Die Serie im Evangelischen Gemeindeblatt werde ich mit Interesse verfolgen. Danke, liebe Kollegen, für euren journalistischen Mut.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , , ,

Warum ich mich bei MKP engagiere

Mann bei seiner Graduation in der Kreismitte
Klarheit in sein Leben bringen: Ein neu initiierter Mann erzählt bei seiner Graduationsfeier, was er auf dem MKP-Wochenende über sich selbst gelernt hat und was er ab jetzt anders macht. FOTO: MKP

Der Club der toten Dichter von 1989 mit Robin Williams in der Hauptrolle als Englischlehrer gehört mit zu meinen Lieblingsfilmen, weil der Pädagoge einer US-Eliteschule seinen Schülern vermittelt, ihre Individualität und Leidenschaft zu leben, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen und sich keinen Konventionen zu beugen. Auf diesen Prinzipien basiert auch die internationale Männerbewegung MKP, der ich seit Oktober 2013 angehöre.

Die Ursprünge von „Man Kind Project“ liegen in den USA, wo ein Psychologe, ein Sozialarbeiter und ein Ex-Marine in den 1970ern feststellten, dass es keinen Ort gibt, an dem Männer der Neuzeit ihr Selbstverständnis als Partner, Väter, Berufstätige oder Freunde reflektieren und trainieren können. Und deren Väter taugten fast nie als Vorbilder auf all diesen Feldern. Im Gegenteil.

Immer wieder war dem Trio aufgefallen, dass Männer in ihrer Verzweiflung in den Suizid oder Burn-out gingen; über Süchte wie Sex, Alkohol, Spiel oder Arbeit ihre Gefühle verdrängten oder in ihrem Schmerz Amok liefen oder ihre Ex-Frauen und Kinder töteten. Viele aktuelle Fälle in Würzburg, Ansbach, Reutlingen oder München sowie der internationale IS-Terror haben für mich auch in diesem sich nicht gesehen fühlen und beschämt werden, was beides mit mangelnder Liebe zu tun hat, ihre Ursachen.

Bei MKP geben wir uns Männern in regelmäßigen Gruppenabenden bundesweit einen Raum, wo unsere Selbstzweifel, unser (Selbst-)Hass und alle anderen Gefühle willkommen sind. Jeden Abend bin ich aufs Neue tief berührt, wie viele Männer mit intensivsten Gefühlen von Trauer, Wut oder Scham sich hier zeigen, selbst reinigen und klären, ob sie ihr altes Leben in seinen alten Mustern fortsetzen wollen.

Unsere Gruppe ist wie der „Club der toten Dichter“ eine Art Labor, in dem jeder Mann Experimente machen kann, z.B. einmal seinen Chef anschreien oder seiner Mutter die Meinung sagen, um zu trainieren, ob er sich Echtheit auch im realen Leben (irgendwann) traut. Hier teilen wir auch den Schmerz über Scheidung oder andere persönliche Niederlagen. Oft kräftigt es einen Mann schon, wenn er von den (noch schlimmeren) Schlägen hört, die hinter anderen Männern bereits liegen und die jede Nuance seiner momentanen Gefühle nachspüren können.

Dabei laufen die gut dreistündigen Abende stets nach denselben Prozessen und Ritualen ab, die das Labor in jeder Hinsicht „sicher“ und berechenbar halten. Erfahrenere Männer leiten die Abende und die einzelnen Prozesse und duplizieren damit ihr Wissen. So entstand unsere Schorndorfer Gruppe vor 2,5 Jahren aus der Stuttgarter Gruppe heraus, die ihrerseits ihren Ursprung in Illingen als erstem  MKP-Treff in Baden-Württemberg hatte.

Schorndorf, wo wir uns jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr bei uns im Büro treffen, hat wiederum  seit Mai einen Ableger in Schwäbisch Hall. In der Regel sind Gäste willkommen und üblicherweise machen die Männer ein sogenanntes Initiationswochenende, eine Reise zu sich selbst, ihrem inneren Kind und ihrem wilden Mann, um dann keine Gäste mehr zu sein – sondern Brüder.

Im Südwesten werden aktuell sechs bis zehn Männer pro Jahr initiiert, die an einem von bundesweit drei Wochenenden mit jeweils rund 30 Initianten teilgenommen haben. Für diese Baden-Württemberger findet einmal jährlich eine Graduationsfeier statt. Zu dieser sind Angehörige und Freunde willkommen, die auf diese Weise mit MKP in Kontakt kommen. Bei der jüngsten Feier in Stuttgart ist dieses Fotomotiv entstanden.

 

 

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , ,

Was Journalisten und Theologen verbindet

Mit großem Gewinn habe ich jüngst Heribert Prantls Beitrag „Zeugen der Wahrheit“ in dem kirchenkritischen Magazin Publik Forum gelesen. Der Jurist und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen macht dort deutlich, dass es Theologen, Juristen und Journalisten im Kern um die jesuanische Frage „Was ist Wahrheit?“ vor Pontius Pilatus gehen muss.

Dabei geht es nicht um die politische Klugheit des römischen Statthalters, sondern darum, das Verborgene sichtbar zu machen, für das es von Profiteuren Bestrebungen gibt, diese unsichtbar zu halten. Dort ist der Journalist gefordert, Mißstände offenzulegen, etwa dubiose Waffengeschäfte, Steuerhinterziehung oder Korruption.

Entsprechend war für Prantl wie für mich die Offenlegung der „Panama Papers“ vor wenigen Monaten eine Sternstunde des internationalen Journalismus. Die Wahrheit über gigantische Mißstände, die Strukturen der schmutzigen Geschäfte und deren Dimensionen kamen „ans Licht der Öffentlichkeit“. Und international teilten Journalisten untereinander die Aufgaben statt auf die eigene Exklusivität zu achten.

Und ein zweiter Aspekt in dem Essay gefällt mir: Prantl charakterisiert Martin Luther als „wirkmächtigen Journalisten“, der die Mißstände des Ablaßhandels in deutscher Sprache offenlegt, weshalb der neue Erlanger Ehrendoktor der Theologie Luther als Schutzpatron der Journalisten vorschlägt. Doch diese haben mit Franz von Sales bereits einen.

Der Bischof von Genf lebte im 16. Jahrhundert und versuchte, die calvenistischen Konvertiten wieder zum Katholizismus zu bekehren. Weil dies bei Strafe verboten war, so hat auch Prantl recherchiert, druckte er seine Predigten auf Flugblätter, die er an Scheunen, Tore und Bäume heftete. Dabei bediente er sich nicht einer Polemik, sondern präziser Fakten und argumentierte wie zuvor Luther auf Deutsch statt dem vorgeschriebenen Kirchenlatein.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , ,

Zu den Wurzeln meiner Werteorientierung

011 Stamm 60 Jahre mit Fürst 10.07.2016
Christliche Werte verbinden uns: Aktive (l.) und ehemalige (r.) Neckarsulmer Pfadfinder vor der Stadtkirche St. Dionys nach dem Festgottesdienst mit Bischof Gebhard Fürst (Mitte). FOTO: DPSG

Prägend und unvergessen sind meine Kindheit und Jugend bei der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg in meinem Neckarsulmer Heimatstamm St. Dionys, wo ich seit meiner Erstkommunion 1971  Mitglied war. Der Jugendverband hat mir soziale Kompetenzen vermittelt, internationale Begegnungen ermöglicht und die Chance gegeben, mich auf vielen Feldern auszuprobieren.

Kürzlich hatten wir 60-jähriges Stammesjubiläum, bei dem ich viele Ehemalige traf, die längst reife Männer und Frauen geworden sind, die Verantwortung in unserer Gesellschaft, in ihren Berufen, ihren Familien, immer noch im Jugendverband oder der Kirchengemeinde tragen. Das hat mich stolz gemacht auf unsere Gemeinschaft, in der wir auch schon immer große Unterschiede gelebt und ausgehalten haben. Stichwort Toleranz.

Manche ergrauten Männer treffen sich noch heute 14-tägig zum Stammtisch in der Formation, in der sie als 13-Jährige in der Sippe zusammen waren. Respekt. So viel Kontinuität war mir auf Grund meiner Ausbildungs- und Erwerbsbiographie nicht möglich. Aber ich spüre die Verbundenheit und Herzlichkeit, mit der mich meine alten Kameraden immer wieder aufs Neue aufnehmen.

Und wenn ich mich heute für Flüchtlinge, sozial Schwache, Behinderte oder den Schutz unserer Umwelt einsetze, so weiß ich mich stets von der Haltung geleitet, die meine Gruppenleiter, allen voran unser verstorbener Stammesvorsitzender Wolfgang Spohn, uns vermittelt und vorgelebt haben. Zwei Sätze unseres Gründers Robert Baden-Powell sind mir wie ins Herz gebrannt: „Verlasse die Welt ein Stück besser als Du Sie vorgefunden hast!“

Und der zweite Satz des britischen Generals, der vor allem in den zehn Jahren galt, in denen ich selbst in Ellwangen und Göppingen Gruppenleiter war und dazwischen auf Diözesanebene aktiv in der Leiterausbildung: „In jedem Jungen sind mindestens fünf Prozent Gutes. Es ist unsere Aufgabe, diese fünf Prozent durch Förderung und Führung zum Tragen zu bringen.“ (sinngemäß zitiert)

In der Leiterausbildung haben wir den jungen Erwachsenen vermittelt, dass „Kampf und Kontemplation“ bzw. „Mystik und Politik“ zusammengehören (Dr. Walter-Georg Panhans), um den „aufrechten Gang“ zu üben. Leben als Pfadfinder heiße: „Leben mit offenem Fenster und das Gesicht in den Wind halten.“ Nach diesen Prinzipien lebe und arbeite ich noch heute sehr gerne.

Beitrag teilen 1 Kommentar
Tags: , , , ,